Der Mensch als großer Banalisierer

Er lag auf der Couch und hörte Musik. Als plötzlich Yellow Submarine der Beatles lief, hatte er die Erinnerung an einen seltsamen Laden. Er sah sich um. Ja, hier war er einmal mit Lisette gewesen. Er war widerstrebend mit ihr hineingegangen, denn ihm war nicht klar, was sie darin zu finden hoffte. Die Ware stand unordentlich herum, halb ausgepackte Kartons verstellten die Gänge. Umkleidekabinen waren auf einer Halbetage, beim Eingang die Kasse. Eine blonde Frau fragte, ob sie helfen könne. Lisette sagte, sie wolle sich nur umsehen. Ihm war das peinlich. Er würde nie in einen Laden gehen, um sich nur umzusehen.

Die Erinnerung wurde schwächer. Er ließ sie ziehen, denn ihm war klar, dass er sie nur halten könnte, wenn er einiges konkretisierte. Dann wäre es keine originale Erinnerung mehr. Sie würde überschrieben werden durch seinen fordernden Geist. Andererseits was war schlecht daran? Gab es einen Bestandschutz für Erinnerungen? Wer wollte den überwachen? Natürlich gehörten Erinnerungen zu einer gelebten Vergangenheit, zu einer Vergangenheit, die einmal Realität gewesen war. Aber jede Erinnerung daran war sie nicht wie eine Neuinszenierung auf einer Art innerer Bühne? Trotzdem, eine Neuinszenierung fußte ja auf der ersten Inszenierung in der Realität. Diese Inszenierung wurde tiefer und tiefer vergraben, wenn sie durch die Neuinszenierung überschrieben würde. Heißt es nicht, die Vergangenheit wäre unverrückbar? Ihm schien, dass es neben der gelebten Vergangenheit eine imaginäre Vergangenheit gibt, eine, die sich ständig verformt.

In früheren Zeiten hatte er oft Radio gehört. Welch eine Freude, wenn plötzlich ein Musiktitel aus seiner Jugend ertönte und eine Erinnerung auslöste an eine Zeit, in der er glücklich gewesen war. Heute konnte er sich bei YouTube oder Musikstreamingdiensten alle Titel seiner Jugend nach Belieben aufrufen. Er hörte sie dann im neuen Kontext seiner jetzigen Lebensphase. Das war auch jeweils eine Neuinszenierung vor einem aktuellen Bühnenbild. Nur wenige Musiktitel behielten ihren Zauber. Eventuell liegt es an der ständigen Verfügbarkeit von Konserven aus der Vergangenheit, dass vieles zu verflachen scheint. Jede Übermalung des Bühnenbilds eine Banalisierung.

4 Kommentare zu “Der Mensch als großer Banalisierer

  1. Ich nehme an, dass die Erinnerung eher in den Bereich der Literatur als in den der Geschichte gehören sollte. Wir meinen, Erinnerungen zu teilen, aber wenn wir sie miteinander abgleichen, stellen wir fest, dass es da weiße Flecken und andererseits ganz andere Elemente gibt. Wie du sagst, jedes Aufrufen einer Erinnerung verändert sie, während sie ansonsten vielleicht einfach in der Vergessenheit versinkt. Lese ich, was ich vor Jahren notierte, erinnere ich mich manchmal nicht daran, dass ich es notiert habe und erst recht nicht daran, ob das Notierte auch geschah. Was ist Erinnerung, was Fiktion? Die Vorstellung, dass da in unseren Köpfen eine unveränderliche Abbildung des Vergangenen abgespeichert ist, dass es ein gußeisernes Gedächtnis geben könnte, mit dem Arno Schmidt, wie er schrieb, gestraft sei, passt einfach nicht zu der Art, wie wir uns die Welt gut und schlecht denken, einschließlich unserer Rollen in ihr.

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    • Die Idee gefällt mir. Dann wird das Textbuch jeder Erinnerungsinszenierung von einem inneren Autor neu geschrieben. Verglichene Erinnerungen weichen oft erstaunlich voneinander ab. Auch wenn einem eine Erinnerung gusseisern vorkommt, kann sie völlig falsch sein.

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