Unterm Hammer

Bevor ich morgens zur Bäckerei gehe, öffne ich das Fenster zur Straße hin und schaue hinaus, um zu sehen, was die Leute anhaben, und um mich zu vergewissern, ob nicht über Nacht die Pflicht zum Tragen roter Pappnasen ausgerufen wurde. Unter mir auf dem Gehsteig geht ein Mann hin und her und zieht eilig an seiner Zigarette. Gerade schaue ich ihm genau auf den Kopf. Sein Hinterkopf hat im Haarschopf eine schüttere Stelle, obwohl er kaum 40 Jahre zu sein scheint. Ich bin ein bisschen neidisch. In diesem Alter war ich auch so schlank, hatte wohl noch mehr Haare, aber schon einige graue. Ich sah sie nicht, aber meiner Nachbarin entfuhr eines Tages. „Herr van der Ley, was sind Sie grau geworden!“

Der Mann ist gut gekleidet. Er trägt einen Pullover, eine helle Hose und braune Schuhe. Ich kenne ihn, weiß wie er seinen Lebensunterhalt verdient. Er betreibt ein Aktionshaus für Maschinen aller Art. Viele Geschäfte laufen wohl über Telefon. Oft sehe ich ihn telefonieren. Gleich hat er das Ende des Gehsteigs erreicht. Er schaut die abknickende Straße hinunter und beobachtet, wie zwei Müllwerker Sperrmüll in einen Müllwagen wuchten. Gut, das Zeug ist mal wieder weg. Ob er wohl schon Müllwägen versteigert hat? Dann wohl nicht aus einer Insolvenzmasse. Aber Abfallentsorgungsunternehmen erneuern manchmal ihren Fuhrpark. Dann kommen die alten Fahrzeuge gewiss unter den Hammer. Diese Wendung, meine lieben Damen und Herren, meint nicht die Kulturzertrümmerung durch Verramschen. Sie gehört vielmehr in die Rubrik „Schreiben ohne Denken“ und kommt hier nur zu Demonstrationszwecken vor. Schon lange geht sie mir auf den Geist. Eine Auswahl gefällig?

„Taschenuhr von Ludwig II kommt unter den Hammer“, meldet die Süddeutsche Zeitung. Das transportable Wasserklosett von Kaiserin Elisabeth von Österreich kommt in München unter den Hammer, schreibt die Aachener Volkszeitung teilnahmslos.
„Königin unterm Hammer; Michelstadt veranstaltet seinen 39. Bienenmarkt“, so etwas Gemeines druckt die Frankfurter Rundschau. Im Klartext: Uhr demoliert, Klosettschüssel in Scherben, und bei den Bienen möchte man erst gar nicht hinsehen. “Gebrauchte kommen unter den Hammer, titelt man bei den Aachener Nachrichten. Der Untertitel verrät mehr: Kampf gegen Fahrzeughalden. Gut, das muss sein. Doch:

das, Ralph Allgaier von der Aachener Volkszeitung, geht zu weit, das geht zu weit!

Viele Millionen Belegstellen weist Google für die geistlose Metapher aus. Irgendein Mensch hat sie sich einst aus dem Hirn gewrungen, und seither greift man in den Redaktionen blind ins gleiche Schublädchen, wenn’s um Versteigerungen geht, findet den Hammer zwar angestaubt, aber denkt: Was Besseres gibt es halt nicht auf der Welt- und hebt die altbackene Wendung ins Heft. Volontäre werden vermutlich verpflichtet, den Hammer quasi rauszuholen.

Der Müllwagen entschwindet. Gleich wird sich der Mann zu mir umdrehen. Ich ziehe mich zurück und schließe das Fenster, damit er nicht merkt, dass ich ihm auf die Platte geschaut habe. Übrigens Entwarnung bei den Pappnasen.

14 Kommentare zu “Unterm Hammer

  1. Eigentlich hatte „unter den Hammer kommen“ eine durchaus nachvollziehbare Bedeutung. Der Auktionator erteilte einfach den Zuschlag, indem er mit dem Hammer nicht auf das Objekt selber, wohl aber auf den Tisch schlug. Dagegen sind aber die meisten Pappnasen aus Plastik…

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    • Mir ist schon klar, was als reale Vorlage für die Metapher diente. Doch abgesehen davon, dass bei Auktionen der Zuschlag immer seltener mit einem Hammer erteilt wird, birgt die Metapher „Kommt unter den Hammer“ ungewollte Komik.

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