Die Frau, die sich nicht kratzte

Die drei Urlauber hatten sich am Hafen der kleinen Insel vor ein Café gesetzt. Will hatte Hunger und orderte ein Baguette. Dann aß er noch eines, denn Will aß alles, was groß und dick macht. Allerdings gestand er dann, dass er ihr Sitzen vor dem Café noch hatte herauszögern wollen. Denn eigentlich wollte er nur eine bestimmte Kellnerin sehen, die sich so wunderbar kratzen könne. „In ihrem Kratzen liegt mehr Weisheit als in allen Philosophien“, sagte Will gewohnt überschwänglich. Nach seinem zweitem Baguette tauchte auch die Kellnerin auf. Sie war wohl schon außer Dienst und stand eine Weile einfach so an einem Mast der Markise gelehnt, angetan mit einem langen schwarzen Rock und einem dunkelgrünen T-Shirt, dessen kurze Ärmel kurz unterhalb ihrer Schultern endeten, was ihre wirklich ausnehmend schönen Arme betonte. Die Kellnerin machte allerlei selbstvergessene Gesten, sprach auch gelegentlich ein paar Worte mit dem Kollegen, wenn er vorbeikam, aber wollte sich zu ihrer Enttäuschung einfach nicht kratzen. Sie sollten das gerühmte Kratzen nicht zu sehen bekommen, denn das war ihr letzter Tag auf der Île de Groix. „Ich habe mir kürzlich ihr Namensschild angesehen“, sagte Will. „Sie heißt ‚B. Varga‘. Wofür das B. wohl stehen mag, Beatrice?“
„Bernadette?“, sagte Petersen, dessen Interesse geweckt war, weshalb er aufgehört hatte in seiner Fototasche nach Objektiven zu kramen. „Es gibt bei den Franzosen nicht so viele weibliche Vornamen mit B.“

Später liehen sie nebenan Fahrräder aus und fuhren durch die sengende Hitze quer über die Insel zu einem felsigen Strand. Pataphysiker Gaukler wollte dort unbedingt einige Steine sammeln. Sie gehörten, wie er sagte, zum Urkontinent Pangäa, denn die Gesteine seien bei der Kollision der Urkontinente Gondwana und Laurussia aus großer Tiefe hervor geschleudert worden. Während sie auf den von der Sonne erhitzten Steinen saßen und Gaukler ein besonders glitzerndes Stück Glimmerschiefer für den Transport zurecht klopfte, kam oberhalb der Felsen ein junger Mann vorbei und rief: „Vous n’êtes pas autorisé à prendre des pierres ici. Il s’agit d’une réserve naturelle!“
„We snappen het niet“, rief Will.
„Anglais?“, fragte der Mann und fügte hinzu: „You’re not allowed to take rocks here. This is a nature reserve.“
„All right. He’s just looking for a piece of Pangea.“
Der Mann trollte sich. Es schien ihnen, als wäre er der Abkömmling einer tief in die Vergangenheit reichenden Steinwächter-Dynastie. „Seine  Vorfahren sind bestimmt schon auf Pangea herumgelaufen und haben den Glimmerschiefer bewacht“, sagte Gaukler und packte den Brocken in seinen Rucksack. Will wollte jetzt zum Sandstrand in der Nähe, denn er hatte sich vorgenommen, an ihrem letzten Tag wenigstens noch einmal im Atlantik zu schwimmen. Sie stiegen auf die Räder und folgten dem hölzernen Hinweisschild zum Strand. Plötzlich wurden sie von einer Radfahrerin überholt, Mademoiselle Varga. Sie rauschte überlegen lächelnd an ihnen vorbei. Auf dem Gepäckträger hatte sie einen leeren Kindersitz und an den Füßen trug sie Pomps.
„Die hohen Schuhe wären nicht nötig gewesen“, murrte Will. Er war mal Radsportler gewesen und vertrug es nicht, distanziert zu werden. An einer Wegkreuzung bog sie in einen Nebenweg ein, besann sich dann aber und kehrte um. Die drei überholten, und Will mahnte zur Eile, um die Schmach nicht noch einmal zu erleben. Nach einer Weile schien es, als hätten sie Mademoiselle Varga abgehängt. Petersen maulte, man solle wieder langsamer fahren. Die Hitze mache seinem angegriffenen Kreislauf zu schaffen. „Schließlich bin ich ein Cyborg, seit man mir einen Stent ins Herz gepflanzt hat.“ Außerdem habe er die schwere Fototasche. „Und ich trage ein Stück Pangea!“, stimmte Gaukler ein. Also verfielen sie auf der welligen Strecke wieder in den alten Trott, zumal die Wegdecke voller Schlaglöcher war. Als Petersen in ein besonders tiefes Schlagloch geraten war, fluchte er und fügte hinzu: „Schlitzkiller!“ würde meine Freundin jetzt sagen. In diesem Moment radelte Mademoiselle Varga an ihnen vorbei und rief triumphierend. „Me revoilà !“

„Da ist sie wieder!“, sagte Petersen froh. Kaum merklich erhöhten die drei ihr Tempo, um sie nicht wieder aus den Augen zu verlieren. Plötzlich bog sie in einen von Büschen gesäumten Weg ein, der offenbar zu einem Leuchtturm führte. Sie hielten und sahen die Varga ihr Rad abstellen und in den Leuchtturm hineingehen. „Das will ich auch!“, rief Petersen. „Vielleicht gibt es von der Einrichtung was Interessantes zu fotografieren.“ Niemand widersprach, schließlich war Petersen Profifotograf und lebte davon, ungewöhnliche Motive abzulichten. Und die Wahrscheinlichkeit, auf Mademoiselle Varga zu treffend, war verlockend genug. „Außerdem brauche ich ganz dringend Schatten!“, fügte Gaukler an. Sie schlossen ihre Räder ab, gingen hinüber und stießen die Tür zum Leuchtturm auf.

Foto der Titelgrafik: Susanne Braun

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