Ausgezogene Nachbarinnen und Rauhfaser

Kaum bin ich eine Weile weg gewesen, sind zwei meiner Nachbarinnen ausgezogen, aus ihren Wohnungen, nicht aus ihren Kleidern. Bewahre! So nah kannte ich die Damen nicht, eigentlich nämlich kaum, aber sie waren mir doch vertraut. Die Oberobernachbarin, die blonde Frau Krug, trug einen Jungenhaarschnitt und  ging immer leise singend durchs Treppenhaus. Fast bei jedem Wetter fuhr sie mit ihrem sportlichen Fahrrad zur Arbeit. Sie war Pressesprecherin in einem Konzern. Nachdem ich einmal ein Paket für sie angenommen hatte, überreichte sie mir tags darauf zum Dank eine Schachtel Schokoladenkonfekt. Sonst begegneten wir uns höchst selten. Sie zu treffen, war ein bisschen wie dem weißen Hirschen zu begegnen.

Die Frau, die über mir gelebt hat, kannte ich noch weniger. Bei unserem ersten Kontakt, kamen wir uns am nächsten. Wir begegneten uns im Hausflur, und ich fragte: „Sind sie meine neue Obernachbarin?“ Da kam sie auf mich zu, streckte die schlanke Hand aus und sagte ihren Namen: „Frimmersdorf.“ Danach blieb es über zwei-drei Jahre anlässlich unserer seltenen Begegnungen beim unverbindlichen „Hallo!“ Einmal fragte sie mich, ob ich den Schornsteinfeger in ihre Wohnung lassen könnte. Ich nahm ihren Schlüssel und gab ihn an den Schornsteinfeger weiter, ohne mit ihm hochzugehen, denn ich wollte die Wohnung eines mir völlig fremden Menschen nicht betreten. Es wäre eine einseitige Annäherung gewesen.

Eigentlich hätte ich keinen Grund, die Damen zu vermissen. Aber die aufgegebenen Wohnungen finde ich unerfreulich. Die tönende Leere über meinem Kopf. Wie es hallt in leeren Wohnungen. Deprimierend finde ich nackte Wände mit ihren hellen Rechtecken, wo Bilder und Poster gehangen haben. Ich muss dann immer an den hoffnungsfrohen Einzug der Bewohner denken, wie sie voller Elan darangegangen sind, ihr neues Heim zu verschönern. Die hellen Rechtecke wirken, als hätte man Hoffnung und Elan in die Tonne getreten.

Vor dem Haus steht ein offener Container voller Zeug. Ursprünglich enthielt er nur Bauschutt aus einer Wohnung über den beiden Damen. Dort ist vor Monaten ein junges Paar mit Kleinkind ausgezogen. Deren aufgegebene Wohnung wird vermutlich Luxussaniert. Es wurden Wände herausgerissen, Installationen neu verlegt, neue Mauern hochgezogen. Zur Zeit passiert dort oben nichts. Man sieht jedenfalls keine Handwerker. Ob die Wohnung fertig ist? Hat man die Wände frisch mit Rauhfaser verklebt?

Mit der Orthographiereform von 1996 hat „rauh“ sein funktionsloses „h“ verloren, folglich müsste „Raufaser“ geschrieben werden. Doch Rauhfaser ist der Handelsname des Herstellers, des Wuppertaler Unternehmens Erfurt & Sohn. Bis vor kurzem dachte ich, Erfurter Rauhfaser käme aus Erfurt. Dort würde man die Wälder ringsum schreddern, um strukturbildende Holzfasern in die drei Papierschichten einzuarbeiten, aus denen die Rollen bestehen. Als ich kürzlich mal in einem fremden Haus das Bett hüten musste, schaute ich in eine mit Rauhfaser tapezierte Dachgaube. Aus Langeweile recherchierte ich im Internet Rauhfaser und erfuhr, dass der Wuppertaler Apotheker Hugo Erfurt im Jahr 1864 die Rauhfaser zu Dekorationszwecken erfunden hat.

Sein Großvater besaß eine Papierfabrik, Erfurt & Sohn, wo Hugo wohl mit der ersten Rauhfaser ecperimentiert hat. „Zu Dekorationszwecken.“ Wie muss ich mir das vorstellen? Erst die Gestalter des Bauhaus haben in den 1920-er Jahren die Rauhfaser für die Innenraumgestaltung entdeckt. Seither erobert sie weltweit die Wände der Wohnungen und noch immer kommt sie von, nicht aus Erfurt. Kürzlich im Einrichtungshaus sah ich Frau Krug wieder. Sie hatte Rauhfaser gekauft.