Schade um den milden König

Mitten in der Nacht wachte ich auf. Mir war kalt. Im Dämmer des Schlafzimmers schaute ich aus nach meiner Zudecke. Sie hatte sich zu einem unförmigen Knäuel geballt und schien so verbleiben zu wollen, denn mir war es schier unmöglich, sie zu entwirren und zu glätten. In einer Pause zwischen den vergeblichen Bemühungen muss ich wieder eingeschlafen sein. Ich erwachte frierend am hellen Tag. Die Zudecke lag friedlich ausgestreckt neben mir. Nun gibt es ja durchaus Eigenleben in menschlichen Betten. Man weiß von mikroskopisch kleinen Spinnmilben, die sich in menschlichen Betten wohlfühlen, ja dort ganze Weltreiche bevölkern. Die Idee, dass ein dicker fetter Milbenkönig, ein mitleidloser Despot, sich einen zusammengeraubten Harem der Schönsten des Landes halten könnte, weil er auf einem Schatz meiner Hautschuppen sitzt, hatte mich schon eine Weile verfolgt. Just wegen dieser Vorstellung hatte ich die neue Zudecke gekauft, denn es dürfte eine Weile dauern, bis auch sie besiedelt wäre. Zumindest am Anfang wären demokratische Verhältnisse unter einem gerechten Herrscher, einem milden König, in der neu entstehenden Population möglich.

Die Widerspenstigkeit der Zudecke schien mir nicht mit derlei Welten zu tun zu haben, sondern auf eine höhere Ebene des Lebens zurückzugehen. Indem ich darüber nachsann, wurde mir klar, dass es sich nicht um Eigenleben handeln konnte. Dafür war diese Zudecke nicht komplex genug. Wenn sie nächtens tat, was sie nicht tun sollte, musste es sich um eine Manifestation handeln, bei der die Zudecke das Medium war, dessen sich eine Kraft bediente.

Aus der Literatur ist mir ein solcher Fall bekannt. Bei einem Strandgang findet ein Mann eine Pfeife, die er von Verstopfungen durch Salz- und Sandkrusten säubert. Die Pfeife hat eine bedrohliche Inschrift. Er bläst trotzdem hinein, bringt aber keinen hörbaren Ton heraus. Ihm ist, als hätte er eine flatternde Gestalt herbeigepfiffen, die aus weiter Ferne heraneilt. Nächtens vermerkt er Unruhe im leeren zweiten Bett in seiner finsteren Kammer. Er glaubt, ein Freund, mit dem er den Urlaub verbringen wollte, sei spät eingetroffen und habe sich ins Bett gelegt, ohne ihn zu wecken. Doch der Freund ist nicht da. im Bettzeug hat sich eine gespenstige Gestalt manifestiert.

In der nächsten Nacht erwachte ich mit Beklemmungen. Die Zudecke hatte sich um meine Brust gewickelt, reichte mir bis unters Kinn. Das war aus zweierlei Gründen nicht gut. Mein Bett war von meiner Brust abwärts ausgekühlt. Ich fürchtete um das Reich des milden Herrschers. Auch kam ich ins fruchtlose Grübeln, ob und wie ich in letzter Zeit gepfiffen hätte.

Voller Sorge legte ich mich am nächsten Abend ins Bett, träumte unruhig. „Jetzt ist alles in Ordnung“, sagte eine Frauenstimme. Das fand ich aber gar nicht. Unter der ausgestreckten Zudecke hatte ich derart geschwitzt, dass mein Schlafanzug unangenehm an mir klebte. Ich wagte nicht, mich zu rühren, denn jede Bewegung verstärkte das Gefühl der Nässe. Wo ich lag, war das Bett durchnässt, das Kopfkissen, die Zudecke auch.

Der milde König wird wohl ertrunken sein, sein treues Volk desgleichen.