Aus dem Jenseits

Ich bin zweifellos tot. Bei 25 Grad Körpertemperatur lebt kein Mensch mehr. Um mich herum, ich staune kaum, hat sich nichts verändert. Noch immer schaue ich in die mit Rauhfaser chaotisch tapezierte kleine Dachgaube. Noch immer beschäftigt mich die Frage, in welcher Abfolge die zugeschnittenen Fetzen wohl geklebt worden sind und wer es getan hat. Hat sich ein ausgewachsener Tapezierer in die Gaube gekrümmt oder wurde sie von einem klein gewachsenen Lehrling tapeziert? Enttäuschung keimt in mir auf. Warum denke ich mit dem letzten Aufmerksamkeitsfunken meines sterbenden Gehirns derlei müßigen Kram? Wo bleibt der Film meines Lebens, der dem Sterbenden die letzten Sekunden versüßt. Entschuldigung, unscharf formuliert. Ach, jetzt muss ich das auch noch aufdröseln. Vor den Augen anderer Sterbenden zieht natürlich nicht der Film meines Lebens vorbei, sondern deren eigener Film. Obwohl, gegen eine Schutzgebühr würde ich meinen Film teilen. Schon allein der vielen ekstatischen Momente wegen könnte mein Lebensfilm ein Renner … Wenn ich allein an die Kollegen denke, deren größte Verzückung darin bestanden hat, beim Mensch-ärgere-dich-nicht das vierte Männchen als erster ins Häuschen setzen zu können. Doch jetzt bin ich tot und muss nicht mal mehr an diese beamteten Langweiler denken. Das ist die schöne Seite am tot sein. Köstlich!

Ich schlage den Weg ein, der ins Nirgendwo zu führen scheint. Mir folgt eine ganze Heerschar. Unfassbar, wie viele Menschen zeitgleich mit mir gestorben sind. Auch eine große Zahl Kinder ist dabei. Ich setze mich an die Spitze des Zugs. Ein Mann kommt an meine Seite und sagt: „Ich bin froh, dass ich die Kinder nicht allein beaufsichtigen muss.“ „Warum? Die Kinder sind tot.“

Der Weg verengt sich, steigt leicht an und knickt nach links ab. Plötzlich brandet zu unseren Füßen der Verkehr einer sechsspurigen Autobahn. Von der Seite wird langsam eine Fußgängerbrücke heran geschwenkt. Der Mann neben mir macht einen Schritt nach vorn. Ich halte ihn zurück: „Warum so eilig, Kollege? Das Jenseits rennt dir nicht davon.“ Vor uns klafft eine Lücke. Er wäre auf die Autobahn gestürzt. Ob es nötig war, ihn daran zu hindern? Kann man toter als tot sein? Über den Schwenkarm der Brücke schleppt ein Alter ein Brett heran. Er schiebt es in die Lücke zu unseren Füßen. Jetzt können wir die Brücke betreten.

Wir gehen hinüber.