Unter Gemüseschnitzern – eine Erzählung aus unseren Tagen in drei Folgen

„Das weiß doch inzwischen jeder Dorfdepp, dass man eine Dame nicht nach ihrem Falter fragen darf“, sagte Referent Carlo Mobenbach und schaute streng in die Runde. Als sein eisiger Blick an mir hängen blieb, zuckte ich schuldbewusst zusammen und fragte: „Auch Stubenmädchen nicht?“

Mobenbach schnaubte: „die Hausdame ist kein Stubenmädchen. Den Unterschied sollte ebenfalls jeder Dorftrottel kennen.“

„Entschuldigung, ich bin nicht von hier und übernachtete nie zuvor in einem Etablissement, in dem die Stubenmädchen Hausdamen sind und oder umgekehrt.“

Die aparte Kulturwissenschaftlerin, die mir seit Beginn des Seminars „Lebensart und Gemüseschnitzen“ schöne Augen gemacht hatte, eine gewisse Sibylle Spangenberg, sprang mir bei. „Heute Morgen habe ich einen großen Nachtfalter auf meinem Handtuch gefunden und keinen Moment gezögert, die Hausdame zu rufen und zu fragen, wie sich der Falter in mein Bad hat verirren können. Das ist doch die natürlichste Reaktion der Welt.“

Carlo Mobenbach geriet für einen Moment aus dem Konzept, stieß seine Manuskriptseiten mit den Kanten auf dem Tisch auf, griff an seine Brille und sagte: „Wer wäre ich, Ihnen, Frau Doktor Spangenberg, zu widersprechen. Äh, ich korrigiere. Ein Tippfehler offenbar. Gemeint ist nicht ‚Falter‘. Es muss natürlich ‚Falten‘ heißen. Eine Dame fragt man nicht nach ihren Falten, merken Sie sich das, Herr Trittenheim!“

„Aaalter:“

„Wie bitte?“

„Da wo ich herkomme, fragt niemand eine Dame nach ihren Falten. Vielmehr wissen wir, dass man eine Dame nicht nach ihrem Alter fragen darf. Hingegen ist es ratsam, sich nach ihrem Alten zu erkundigen.“ Ich zwinkerte der Dame Spangenberg zu.

„Der ist auf Geschäftsreise in Porno.., äh, Portugal“, sagte Frau Sibylle errötend.

„Nachdem jetzt alle Missverständnisse geklärt sind, entlasse ich Sie in die Pause“, sagte Carlo Mobenbach. „Abendessen gibt es in zwei Stunden. Sie haben also Zeit genug, die idyllische Umgebung zu erkunden.“

Das Auditorium, 15 Leute an der Zahl, rückte die auf Lücke gesellten Stühle und begab sich nach draußen auf den sonnigen Schlosshof. Bedauernd sah ich, dass Frau Spangenberg von der kleinen Sterneköchin vereinnahmt worden war. Ich hörte sie sagen: „Ich bin gespannt auf das Gemüsesschnitzen. Bisher kann ich nur Röschen aus Tomaten gestalten. Habe ich von meiner Mutter gelernt. Und die hat es von ihrer Mutter. Unsere ganze Familie kann Tomatenrosen schnitzen.“

„Aha“, sagte Frau Spangenberg. „Sie wollen also das karge Familienvermögen bereichern.“

Ich wandte mich ab und gabelte den trübsinnigen Sciencefiction-Autor auf, der in seiner ganzen Pummeligkeit wie ein Trottel da stand und seine Fußspitzen betrachtete. „Kommen Sie mit auf den Hügel? Ich will mir das griechische Teehaus des Grafen anschauen.“

„Diese Geschmacksverirrung schreckt mich nicht. Mir ist eh alles egal“, sagte der Mann und folgte mir zum Wald. Am Weg zum Teehaus wies ein windschiefes Schild den Laves-Kulturpfad aus. Gerade als wir in den steilen Pfad einbogen, rief Frau Spangenberg von der Toreinfahrt herüber: „Huhu! Ich komme mit Ihnen!“

Fortsetzung: Weltschmerz am griechischen Tempelbau

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