Auf dem Gang (2) – eine Mücke und Rotkohl

Herr Steinchen spricht vor sich hin: „Ich fürchte manchmal, dass ich auf dem Weg bin, ein echter Sonderling zu werden. Neben der Arbeit tue ich unsinnige Dinge, blättere ziellos in Büchern, schraube den Füller auf und zu, schaue zum Fester hinaus, gucke in den Spiegel, wieder zu einem Fester hinaus, arbeite etwas, lege mich hin, lese in meinen Aufzeichnungen, esse und trinke was, höre kurz Musik, male kleine Kringel. Zu allem Überfluss konnte ich letzte Nacht nicht schlafen, setzte ich mich auf, machte Licht, faltete mein Kopfkissen und legte es mir in den Rücken. Ich saß da und überlegte, ob es hilfreich wäre, ein Buch zu lesen.

Da näherte sich eine Mücke an. Zuerst war es nur ein leises Summen wie vom Motor eines fern vorbeiziehenden LKW. Ach, dachte ich, bitte lass es ein LKW sein! Lass irgendwo fernab ein Vater seine Familie verlassen haben, noch schlafwarm ins Führerhaus seines schweren LKW gestiegen sein, um nächtens loszufahren. Leider ist es kein LKW gewesen, denn das Summen kam näher und näher und wurde dabei immer höher. Doch eine Mücke! Ich schaute angestrengt aus, aber sah nichts. Sie musste ganz nah sein, denn es summte so hell, fast sirrte es mir um den Kopf. War da ein leiser Luftzug, hervorgebracht von ihren eifrigen Flügeln? So war sie also bei mir und wollte ganz arglos mein Blut trinken. Gewiss, es ist ihre Natur. Aber ich war nicht damit einverstanden. Ich sah in ihrer Absicht etwas Böses. Wenn sie nun schon irgendwo gelandet ist auf einer zarten Stelle meiner Haut, beispielsweise am Rand des Ohres, wenn sie da schon leicht aufgesetzt hat und will ihren Saugrüssel einstechen und versenken. Da schlug ich mit der flachen Hand meinen Kopf, schlug mich selbst links und rechts und rechts und links, um das Tierlein zu verscheuchen. Wie albern war das?“

Wir waren verstummt und hatten gebannt seiner Schilderung gelauscht. Doch Herr Steinchen war nicht fertig mit uns: „Gegen drei Uhr hörte ich plötzlich eine helle Stimme und ein hastiges Wimmern wie wenn eine in Panik die Treppe herauf käme. Ich war vor Schreck und Angst wie gelähmt. Erst nach einiger Zeit konnte ich mich wieder rühren.“

„Vermutlich war es ein Traum an der Grenze zwischen Wachsein und Schlaf gewesen, ein Wachtraum“, sage ich begütigend. „In einem alten Haus könnte es durchaus eine Geistererscheinung gewesen sein. Eine Frau flieht vor ihrem Peiniger die Treppe hinauf, wo sie auf dem Dachboden in die Falle gerät und letztlich erschlagen wird.“

Herr Steinchen widerspricht: „Mein Haus ist erst fünf Jahre alt, kann also keine Gespenster aus düsterer Vergangenheit beherbergen.“

Herr Harm hat offenbar nicht zugehört. Er sagt mit Grabesstimme: „Ich hatte gestern einiges in der Stadt zu besorgen. Zu Hause stellte ich fest, dass ich die ganze Zeit einen Rest Rotkohl im Mundwinkel gehabt hatte. Wie peinlich!“

Eine Tür wird aufgestoßen und Professor Coster tritt auf den Gang, schaut sich um und nimmt unseren Schritt auf. Er sagt: „Guten Morgen, habe ich euch doch getroffen. Als ich mich von meinem Schreibtisch erhob, hatte ich die Wahl zwischen sieben Toren. Die Gänge dahinter führen in verschiedene Teile der Welt. Hätten wir uns hier verpasst, wären wir uns irgendwann trotzdem begegnet, denn wenn wir weit genug vordringen, stellen wir fest, dass alle Gänge aufeinander treffen, weil sie sich verästeln, verbinden und verflechten, bis sich das Geflecht verdichtet. Und später sehen wir die vereinigte Welt vor uns liegen, wie wenn wir aus einem Höhlensystem in ein weites Tal hinausträten, in das unzählige andere Gänge münden.“

Unwillkürlich wandert meine Hand an die Stirn und mein Zeigefinger dreht eine Schläfenschraube. Ich sage: „Dann wird das hier eine größere Sache, Coster? Und ich dachte, nur ein wenig zu gehen und mir Gewäsch äh Gespräch anzuhören.“

„Ja, für Denkfaule wie dich, Trithemius, ist das nichts. Außerdem so fußlahm wie du bist. Wenn du noch langsamer gehst, gehst du rückwärts.“

„Bitte? Ich habe Aua am kleinen Zeh!“

Wird vielleicht fortgesetzt.