Dinge des Lebens – Ganzjährig leben

Auf Höhe des Hannoverschen Stadtteils List liegt am Mittellandkanal ein kleiner Yachthafen. Um seinem landseitigen Rand kurvt der Radweg. Am sonnigen Pfingstsonntagmorgen rolle ich dort vorbei und höre einen Yachtbesitzer erklären: „Wir haben unseren Kahn so konzipiert, dass wir das ganze Jahr – darauf leben können.“ Ich konnte den Sprecher nicht sehen, der vom Stolz so überwältigt war, dass er hinter „Jahr“ eine Kunstpause machen musste, denn der Hafen ist gegen neugierige Blicke durch einen mit Tuch bespannten Zaun geschützt. Trotzdem bin ich schwer beeindruckt von dieser Botschaft aus einer fremden Lebenswelt, zu der Normalsterbliche keinen Zugang haben. Schon die Sprachregelung, „eine selbst konzipierte Yacht“, auf der man ganzjährig leben kann, „Kahn“ zu nennen, beeindruckt durch ihr wegwerfendes Unterstatement. Dieser rhetorischen Figur der Untertreibung entspricht, eine Villa „meine Hütte“ zu nennen. Wir kennen das schon vom reichen Landmann Thibaut d’Arc in Schillers „Jungfrau von Orleans“: „Wie kommt mir solcher Glanz in meine Hütte?“ Understatement des alten Reichtums.

Im Fahrgast-TV der Überlandwerke und Straßenbahnen Hannover AG (Üstra) lese ich ein Zitat des Dalai Lama: „Einmal im Jahr solltest du einen Ort besuchen, an dem du noch nie warst.“ Darunter steht: „Unterstützt die Reisebranche!“ Es ist legitim, wenn die durch die Lockdown-Maßnahmen schwer angeschlagene Reisebranche um Unterstützung bettelt. Auch wer ein Ein-Mann-Reisebüro betreibt, muss seine Familie ernähren. Aber der Dalai Lama als tumber Propagandist des Massentourismus? Und der Papst boxt wieder.

Am 5.April 2017 war das hier im Teestübchen zu lesen: „Es ist große Kunst, ganze 25 Immobilienmakler mitsamt Schreibtisch so auf die Fläche zu verteilen, dass jeder zum anderen exakt die gleiche Entfernung hat. Diese schwierige Aufgabe zu bewältigen unternahm ich über Nacht, so dass ich das hübsche Bild am Morgen vor mir hatte. Auch die Makler waren zufrieden, was mich mit Genugtuung erfüllte. Das gesamte Projekt wurde mir durch die erfreuliche Tatsache erleichtert, dass die fragliche Fläche topfeben war, was ich dem Arbeitseinsatz und dem Fleiß eifriger Dampfwalzenfahrer verdanke“, als von Corona-Abstandsregeln noch nicht die Rede war. (Größer klicken!) Die Dampfwalzenfahrer stehen symbolisch für den shutdown, mit dem das öffentliche Leben plattgemacht wurde. Und du sagst immer, ich hätte keine Zukunftsvisionen.

In der großen kardiologischen Gemeinschaftspraxis wimmelt es von jungen Arzthelferinnen. In den meisten Arztpraxen ist es so. Wohin verschwinden die jungen Helferinnen, wenn sie älter werden? Alle weggeheiratet von ihren Chefs? Das riecht nach ärztlicher Bigamie.

Einer schleppt ein Waschbecken unterm Arm. Er hat es ausgeladen aus einem Transporter mit der Aufschrift: „Für ein Bad mit Persönlichkeit.“ Das Waschbecken muss wegen einer schweren Persönlichkeitsstörung zum Seelenklempner.