Irrfahrten um den Pudding

„Planlos läuft er durch die Stadt,
weil er keinen Falk-Plan hat.“

Als Kind der 1950-er Jahre bevorzuge ich noch immer das Haptische. Zwar schätze ich die digitalen Medien, nutze sie aber sparsam, besonders was das Smartphone betrifft. In den letzten Tagen war ich bemüht, einen Fahrradweg in den Norden Hannovers zu finden, der möglichst den Autoverkehr meidet und viel durchs Grüne führt. Da ist Google maps gewiss hilfreich, auch die Navigationsapplikation. Doch letztlich komme ich nicht damit zurecht. Wenn die Sonne scheint, mag ich kein Display anschauen und hauptsächlich bin ich ungeschickt in der Handhabung.

Nachdem ein junger Freund sich so ziemlich als letzter ein Smartphone angeschafft hatte, schrieb er in einem Blogtext auf einem leider gelöschten Twoday-Blog, dass sein Ohrläppchen ständig Aktionen zu veranlassen schien. Diese Erfahrung kann ich nachvollziehen. Ich will nur die Fahrtroute auf dem Display anschauen, da fotografiert das Smartphone meinen Fuß. Bilder meiner Füße gibt es zuhauf. Und auf absichtsvoll fotografierten Motiven stört mein Zeigefinger. Ich bin für Smartphones ungeeignet, leide an Smartphone-Legasthenie.

Zurück zu Google maps und zum integrierten Routenplaner. Ich fahre und will mich zwischendurch vergewissern, doch mein Smartphone lässt die Kartenansicht verschwinden, macht am hellen Tag „Assistenzlicht“ oder ruft einfach irgendwen an. Da lobe ich mir eine gedruckte Karte. Ich habe noch eine ganze Schublade voll davon. Die Handhabung ist allerdings auch nicht einfach. Während einer Wanderung mit Kommilitonen in der Nordeifel nahm mir einer meine Karte Naturpark Nordeifel 1:50.000 aus der Hand und sagte, vor seinem Sportstudium sei er Ausbilder bei der Polizei gewesen, und von seiner Ausbilderzeit wisse er, wie man Karten zweckmäßig faltet. Das wolle er mir zeigen. Jedenfalls riss meine schöne Karte durch seine Ausbilder-Kunst an den Falzbrüchen ein und bekam Flecken von seinen Drecksfingern ab. Wo die Karte riss, hätte sie geschlitzt sein sollen, was die Idee des Falkplans ist. Man soll einen Falkplan blättern können wie ein Buch. Diese Idee des Erfinders Gerhard Falk wurde 1948 patentiert. Allerdings kenne ich niemanden, der das je geschafft hat. Gemeinhin ist ein Falkplan nach der ersten Nutzung unbrauchbar. Er lässt sich nicht mehr in geplanter Weise zurückfalten. Am besten zerknüllt man ihn gleich und kauft sich einen neuen Plan, nicht von Falk versteht sich. Google maps und all die digitalen Karten sind gewiss von Leuten entwickelt worden, die ein Falkplan-Trauma überwinden mussten.

Fahrradwegweiser Region Hannover – Foto: JvdL – größer: Bitte Klicken

Am besten sind noch immer innere Landkarten. Man legt sie mit Hilfe von Wegweisern und durch Versuch und Irrtum an. Als ich neu in Hannover war, bin ich sehr viel umhergefahren, um Stadt und ihr Umland innerlich zu kartographieren. Leider habe ich inzwischen vieles wieder vergessen oder ich ahne, wie ein Weg sich entwickelt, irre mich aber. Lange Zeit mag ich das nicht wahrhaben und versuche, die Wirklichkeit meiner Vorstellung anzupassen. Das Ergebnis sind Irrfahrten um den Pudding.

Der Ehrgeiz, eine innere Landkarte anzulegen ist aber besser als völlige Missachtung der Wegführung. Ein Aachener Freund und Radsportkollege achtete fast nie auf den Weg, sondern verließ sich völlig auf mich. Einmal bei einer Radtourenfahrt fuhren wir mit zwei Radsportlern aus Köln. Die ausgeschilderte Strecke führte uns nach Belgien zum sogenannten Vennkreuz hinauf. Gerade hatte ich den beiden Kölnern erzählt, dass wir bei unseren Trainingstouren meistens den Berg hinab kämen, den wir gerade hoch fuhren, strafte mich mein Freund lügen. Er rief: „Jules, sind wir hier schon einmal gefahren?!“

Im letzten Jahr fuhr ich in den Aachener Süden, um eine alte Wirkungsstätte und liebe Kolleginnen/Kollegen zu besuchen. Obwohl ich die Strecke und ihre Teilabschnitte genau kannte, wunderte ich mich über deren Länge. Meine Innere Landkarte entrollte sich vor meinen Augen. Im Maßstab 1:1 passt sie vermutlich nicht in meinen Kopf.

Einiges über unerklärliche Ereignisse

Auf dem Gehweg schiebt ein androgyn wirkender Mann sein mit dem Einkauf bepacktes Fahrrad an mir vorbei. Obwohl die Sonne durch diverse Wolkenlöcher lacht, trägt er Regenhose und Regenjacke. Vor einer Stunde ist ein kleiner Regenguss niedergegangen, vermutlich just als er zu Hause aufgebrochen ist. Vorsorglich hat er sich gegen das Nasswerden geschützt. Ich hätte ihm abgeraten, denn mit Regenhose und Regenjacke verbinde ich Erfahrungen, die ich magisch zu nennen wage, obwohl der Leiter unserer Schreibgruppe das Wort auf die rote Liste gesetzt hat.

Einst bin ich mit einem Freund die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn geradelt. Ab Tag zwei hat es ununterbrochen geregnet. Am 3. Tag, als wir unter einer Brücke einen heftigen Schauer abwarteten, fand mein Begleiter ein Zaubermittel. Er zog eine Regenhose über, und danach hat es keinen Tropfen mehr geregnet. Es ist also etwas Magisches mit Regenjacken und -hosen. Sie sollen vor Regen schützen, doch hüllt man sich darin, regnet’s nimmer, sondern die Sonne lacht und zaubert ein tropisches Klima in die Regenhülle. Der Mensch beginnt zu triefen und ist bald von eigenen Körpersäften durchnässt. [Zeichnung → von mir]

Als ich noch ein Auto besaß, konnte ich Regen machen. Wenn ich mein Auto gewaschen habe, was nicht oft vorkam, wenn es also frischgeputzt da stand, verzeichnete die Untere Aachener Kanalbehörde ein Regenereignis, das die DIN-Normen für ergiebigen Landregen weit überschritt und für das die Kapazitäten der Kanalisation nicht berechnet worden waren, weshalb das Wasser fröhlich aus den Gullys sprudelte. Hatten sie ein Garten- oder Grillfest geplant, luden Nachbarn mich ein und quatschten mir ein Ohr ab, damit ich eventuell gehegte Autowaschgelüste vergaß. Auch bei anhaltender Trockenheit waren meine Dienste begehrt. Dann hieß es: „Ihr Auto hat wieder mal eine Wäsche nötig. In der Zeitung stand, der jüngst herüber gewehte Saharastaub greife den Lack an und müsse dringend abgewaschen werden.“ So nötigte man mich zum Autowaschen, obwohl es wegen Wasserknappheit längst verboten war.

Wenns nun am Tag der „versoichten Sophie“ immer regnet, wie eine Teestübchenbesucherin gestern geschrieben hat, haben wir es wieder mit Ursache-Wirkungs-Phänomenen abseits rationaler Erklärungen zu tun, mit Phänomen, die hier schon öfter „Fehler im galaktischen Betriebssystem“ genannt worden sind, landläufig aber auch als magisch bezeichnet werden können.

Dinge des Lebens – Eisheilige

Mamerz hat ein kaltes Herz.
Am Samstag war ich auf dem Sprung, mit dem Fahrrad wegzufahren, als mir auf der Treppe der Hausverwalter begegnete, der mich in ein Gespräch über die Wartung meiner Therme verwickelte. Er habe davon keine Rechnung. Ich versuchte die Verwicklungen um meine Therme zu rekonstruieren und sagte, sie sei außer der Reihe gewartet worden, wusste aber grad nicht warum. Eben fiel es mir wieder ein, als meine Heizung trotz Temperatursturz nicht ansprang. Pünktlich mit dem 11. Mai übernahm nämlich Mamertus, der erste der Eisheiligen, die Macht, aber meine Therme ist noch im Schlafmodus wie jeden Montag. Ich hatte nämlich den Handwerker gebeten, die Nachtabschaltung neu zu programmieren, und weil der sich wohl im Datum vertan hatte, gilt meiner Therme der Sonntag als Samstag und der Montag als Sonntag, was ja insofern hübsch ist, als mein Wochenende somit drei Tage umfasst.

Morgen herrscht übrigens Pankratius, dann Servatius, gefolgt von Bonifatius und der kalten Sophie. Das Narrativ von den Eisheiligen ist natürlich purer Aberglaube, neutraler gesagt: Volksglaube. Drei der fünf gelten als Märtyrer, Mamertus und Servatius waren Bischöfe und sollen Wunder gewirkt haben. Sie alle personifizieren das wiederkehrende Wetterphänomen plötzlich einströmender Polarluft in die vormals warmen ersten Maitage. Daraus erklärt sich, dass Mamertus in Süddeutschland nicht bekannt ist. Die fußlahmen Heiligen brauchen einen Tag länger, um die Kälte auch in den Süden zu verschleppen.

Jedenfalls trug ich einen Mantel, als ich zum Bäcker eilte. Eine Straßenbahn zog vorbei. Aus den Fenstern schauten lauter Leute mit Mund-Nasen-Schutz. Das wirkte ziemlich deppert. Ich komme übrigens nicht mit dem Wort „Gesichtsmaske“ zurecht. Jedes mal denke ich an Quarkgesichter und Gurkenscheiben auf den Augen. Solche Gesichtsmasken wünsche ich in der Straßenbahn zu sehen, ersatzweise könnten die Insassen mein Buch Die schönsten Augen nördlich der Alpen hochhalten.

„Die Eisheiligen nehmens diesmal ganz genau“, sagte die Bäckereifachverkäuferin. Nur meine Therme nicht. Die hat heute Sonntag. Übrigens: Das derzeit längste bekannte Wortpalindrom ist das finnische Wort für Seifenverkäufer: „saippuakivikauppias.“ Dagegen verblasst sogar das längste deutsche, das von Arthur Schopenhauer gefundene „Reliefpfeiler.“

Einfach nur dasitzen

Trithemius
Eine meiner Lieblingstätigkeiten, wird Sie wundern, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Löcher in die Luft starren?

Trithemius

Fast. Meine liebste Tätigkeit ist Untätigkeit.

Frau Nettesheim

Nicht, dass es Ihnen ergeht wie dem Grafen Oblovmow des Iwan Gontscharow, dass Sie nicht mehr herausfinden aus der Trägheit. Müßiggang ist aller Laster Anfang!

Trithemius

Kommen Sie mir nicht mit Ihrer evangelischen Arbeitsethik. Ein andere Russe, Anton Tschechow, schreibt: „Das Leben stimmt nicht mit der Philosophie überein: Es gibt kein Glück ohne Müßiggang, und nur das Nutzlose bereitet Vergnügen.“

Frau Nettesheim

Von nichts kommt nichts.

Trithemius

Jaaa, gnädige Frau. Trotzdem mag, ich einfach nur dazusitzen und nichts zu wollen. Wie heute Morgen. Schaue ich von meinem Frühstücksplatz zum linken Fenster hinaus, fällt mein Blick durch das Gitter von Josies Palmwedeln. Ich habe Josie aufgerichtet und abgestützt, und jetzt zeigen sich wieder prächtige grafische Überschneidungen der Wedel in dunkelgrün, vor der Helle des Tageslicht fast schwarz. Dahinter das saftig grüne Laub der Eiche, in verschiedenen Schattierung je nach Lichteinfall, wie ihre Zweige sich sanft im Wind wiegen und Lücken lassen für die Himmelsbläue. Durch das mittlere Fenster schaue ich auf die Vogelkirsche. Derzeit ist sie bestäubt mit im Sonnenlicht blendend weißen Blüten. Das Fenster zur Straße zeigt mir die halb von Laub verdeckte Hausfront des großen Hauses schräg gegenüber mit seinen roten Klinkern und den weißen Fensterlaibungen. Und am Tisch sitze ich, hab gefrühstückt, den letzten Schluck Kaffee genommen und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.

Frau Nettesheim

Sie sind doch Atheist, Sie Trollo.

Trithemius

Das ist mir in diesem friedlichen Augenblick egal. Einfach dasitzen, die Gedanken spazieren zu lassen, das ist herrlich. Da kann ich mich gar nicht dazu überreden, den Zustand der Untätigkeit zu beenden. Schon das Überreden ist ja Tätigkeit und ich kann mich nicht mal überreden, mich zu überreden.

Frau Nettesheim

Jetzt wird’s kompliziert. Wie viele Instanzen gibt es da in Ihrem Kopf?

Trithemius

Keine Ahnung, ich habe ja immer nur mit Ihnen und den anderen Unterbeamten zu tun. Wie die Hierarchie darüber aussieht, weiß ich nicht. Jedenfalls ist man derzeit sowohl in der unteren als auch in der oberen Tätigkeitveranlassungsbehörde ziemlich verschnarcht. Ob in den Büros hinter den dunklen Eichentüren überhaupt etwas passiert, also irgendeine Form von Aktivität ist, weiß man nicht. Vielleicht sitzen alle glückselig da, ohne etwas zu wollen, und keine Vorgesetzten, die sie zur Arbeit ermahnen. Oder alle sind im Home-Office, schauen zum Fenster hinaus auf das saftig grüne Laub der Bäume. Und sie sehen die halb von Laub verdeckte Hausfront des großen Hauses schräg gegenüber. Hinter dessen Fenster sitze ich und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.

Frau Nettesheim

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Mir wird gleich schwindlig.

Nusskernmischung auf Finnisch

Vor langer Zeit schrieb ich für mich 40 Lebensregeln auf, nach denen ich lebe oder zu leben wünsche. Die erste Regel enthielt die Forderung „Wenig Fernkommunikation.“ Obwohl ich diese Regel situationsbedingt breche – ich könnte ja nicht lesen in anderen Blogs und selbst nicht bloggen, hätte beispielsweise aktuell nicht gegen die Coronapanik und das Niederschießen unserer verfassungsmäßigen Rechte protestieren können. Ich müsste wieder zum Kartoffeldruck zurück, ein Bettlaken bestempeln und es aus dem Fenster hängen lassen. Die Leute würden stirnrunzelnd hochschauen und sich fragen: „Was wohnt denn da für ein Sonderling?“, würden vor allem den Inhalt meines Bettlakenprotestes ignorieren. Das Medium ist nämlich die Botschaft, und aus dem Fenster gehängte Bettlaken sind kein positiv konnotiertes Medium, sondern gelten als Aufschrei der ohnmächtigen Verzweiflung. Am Ende würde mich noch der Hausbesitzer abmahnen, ich hätte zwar die Wohnung gemietet, nicht aber die Außenwand.

Dann lieber Bloggen und dem Mainstream etwas entgegensetzen. Wenn man meine Blogaktivitäten freundlich unter „wenig Fernkommunikation“ abhaken mag, bleibt da ja noch das Telefon. Als einer, der noch mit dem Dosentelefon aufgewachsen ist, telefoniere ich ungern. Das Telefon als gerätemäßige Erweiterung der Stimmkraft, ist mir aus nachvollziehbaren Gründen fremd geblieben. Als ich nämlich 17 Jahre alt war, wohnten wir in einer Lehrerwohnung der Schule. Wir hatten noch kein eigenes Telefon. Für den Notfall gaben wir die Telefon-Nummer des nebenan wohnenden Lehrers an. Was ein Notfall ist, wurde unterschiedlich interpretiert. Jedenfalls gab es auch Mädchen, die beim Lehrer Ruß anriefen und mich zu sprechen verlangten. Frau Ruß kam dann in den rosafarbenen Plüschpantoffeln über den Schulhof und benachrichtigte mich vom aufgelaufenen Notfall. Das Festnetztelefon stand in der Diele. Ich erinnere mich an den Brokatbezug des Gehäuses, dessen Muster ich verlegen studierte, während das jeweilige Mädchen Liebesschwüre von mir verlangte. Da stand ich rotohrig in der Diele, denn ich ahnte, dass hinter der nur angelehnten Wohnzimmertür Frau und Herr Ruß interessiert lauschten. Ob das Trauma mich zur Regel „wenig Fernkommunikation“ veranlasst hat?

Vordergründung argumentiere ich so, dass durch Fernkommunikation die Eile und Hetze in unseren Alltag dringt und ihn ummodelt. Viele kennen aus dem Berufsleben, dass einkommende E-Mails sogleich beantwortet werden müssen. Die Messenger-Dienste des Smartphones tragen zur ständigen Ablenkung von Arbeits- und Denkprozessen bei, indem dort ebenfalls zeitnahe Reaktionen gefordert sind. Wer wie ich gerne in eigenen Gedankenwelten unterwegs ist, wird durch den Umstand, auf so vielen offenen Kanälen erreichbar zu sein, immer wieder gestört.

Als Fernkommunikation noch existenziell war – Montage: JvdL

Als mir vor nun acht Jahren eine Liebe entschwand, habe ich als erstes WhatsApp gelöscht, um diesen Kanal zu schließen. Am letzten Wochenende habe ich aber aus guten Gründen einen alternativen Messenger-Dienst auf meinem Smartphone installiert. Der Name des Dienstes verweist auf eine frühe Technik der Fernkommunikation. Gestern Morgen nun war mir, als würden verschiedene Telegrammboten sich meine Türklingel streitig machen. Man stelle sich das Gedränge vor. Wo bleibt social distinction? Ich plädiere für 250 Meter Mindestabstand.

Indem sich meine Lebenssituation verändert hat, muss ich mich neu orientieren. Darum schreibe ich derzeit aus dem Off, bin also nur halb da. Bis ich wieder mit ganzer Aufmerksamkeit bloggen kann, verrate ich wenigstens, was Nusskernmischung auf Finnisch heißt, nämlich: „Pähkinäsekoitus“

Aus dem Off – Gallopierendes Herz

Eine meiner Tanten litt am „galoppierenden Herz.“ So jedenfalls nannte sie die Wahrnehmung eines chronischen Herzrasens, das sie sich kurz nach den Kriegsende zugezogen hatte. Sie war mit anderen Frauen über die Felder zur Bahnlinie gegangen, um bei den dort haltenden Güterzügen zu „fringsen.“ So hieß das Stehlen von Kohlen und Briketts für den Eigenbedarf nach dem Kölner Kardinal Frings, der es für erlaubt erklärt hatte. Die Güterzüge mit Waggons voller Kohlen und Briketts standen offenbar bereit, um als Reparationszahlung nach Belgien und Frankreich zu fahren. Beim Fringsen wurde meine Tante von Wachposten überrascht und beschossen. Sie hatte bei ihrer Flucht vor den Schüssen meinen fünfjährigen Cousin an der Hand. Zeit seines Lebens mochte er keine Schüsse oder ähnliche Geräusche hören, geriet selbst bei den Böllern zu Silvester in Panik.

Ähnliche Traumata werden die Corona-Pandemie-Kinder erleiden. Letztens sah ich eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, und die sprach so vernünftig, dass ich dachte: „Mädchen, wo ist dein Kindsein geblieben?“ Während dieser Wochen, derweil Spielplätze, Kitas, Kindergärten und Schulen geschlossen sind, Kinder auf die häusliche Umgebung zurückgeworfen sind, eingepfercht mit ihren besorgten und überforderten Eltern, werden sie Konflikte erleben und Worte hören, die nicht geeignet sind für kindliche Seelen. Das zu verkraften, müssen die Corona-Kinder ganz schnell reifen. Zum ersten Mal sah ich gestern eine Mutter mit Kind auf den nicht abgesperrten Spielplatz gehen. Das Kind wirkte ungemein verletzlich, als hätte es in letzter Zeit einiges durchgemacht. Wie Kinder diese Zeit erleben, können wir nur ahnen. So fragil wie ihre Seelen, sind ihre Botschaften. Fast zu Tränen gerührt haben mich unzählige Graffiti auf Gehwegen und Bürgersteigen, gerne vor Haustüren, die ich seit Tagen versäumt habe zu fotografieren.

    Lotte, Johanna, Eli und Henning
    wir vermissen euch
    C+W+L+M

    Hallo Emil,
    wir freuen uns darauf, dich wiederzusehen.

Solche Botschaften finden sich in meinem Viertel in großer Zahl – wie auch Kreidebilder und die typischen Frühlingsboten, die Hüpfekästchen. Nun haben zaghafte Regentropfen und ungezählte Fußsohlen sie schwächer werden lassen. Aber indem Kinder ihre Graffiti hinterlassen, wissen wir, dass sie in den Häusern sind. Wie ihnen dort geschieht, können wir nur ahnen. Mehr dann je haben Kinder bei uns keine Stimme.

Natürlich wird die Krise unterschiedlich erlebt. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer schilderte neulich in einer Talkshow, wie prima die Sache mit den Homeschooling bei Kretschmers zu Hause liefe. Da sei nachmittags eine Frau vorbeigekommen und habe die Hausaufgaben für seine Söhne am Gartenzaun abgegeben. Dass es ganz andere Lebenswirklichkeiten gibt, dass viele Kinder eben nicht in einem Haus mit Garten leben, auch keinen Ministerpräsidenten zum Vater haben, dass es in manchen Haushalten nur einen Computer gibt, den sich mehrere Personen teilen müssen, ist ihm wohl nicht in den Sinn gekommen, als er die Situation seiner Kinder verabsolutierte und damit demonstrierte, wie weit unsere politischen Entscheidungstragender sich von denen entfernt haben, denen sie ihre Stellung verdanken.

Der Presse war jüngst zu entnehmen, dass schon vor den Corona-Einschränkungen jedes 5. Kind hungrig zum Unterricht kam, dass also die Schulmensa ihnen die einzige Mahlzeit geboten hat. Seit die Corona-Beschränkungen greifen, sind die hungernden Kinder verborgen in Häusern, wo sie zudem Auseinandersetzungen miterleben, nervliche Zusammenbrüche ihrer Vertrauenspersonen, Verzweiflung, häusliche Gewalt, Missbrauch. Die eigenen Eltern hilflos, ratlos, verängstigt, aggressiv und übergriffig zu erleben, ist sicher eine Erfahrung, die Kinder rascher altern lässt.

In den letzten Tage wurde offenbar, dass die Virologie nur dort exakte Aussagen machen kann, wo sie Tröpfchen zählt. Vieles, was aus Virologenmund kam und die Entscheidungen unserer Politik bestimmt hat, war Hochrechnung, Interpolation, Spekulation und Panikmache. Die Empfehlungen kamen widersprüchlich daher, waren vor allem frei von Überlegungen, welche Kollateralschäden die empfohlenen Maßnahmen haben. Gänzlich vernachlässigt wurde die Tatsache, dass die menschliche Immunabwehr gestärkt werden muss. Mediziner setzten auf ihre Gerätschaften und auf pharmazeutische Lösungen, auch wenn sie derzeit keine bieten können. So lange wird eine ganze Generation von Kindern einem brutalen Stress ausgesetzt, geschwächt und traumatisiert. Außer natürlich die Kinder von Herrn Kretschmer und in ähnlich privilegierten Haushalten.