Schlechte Manieren am Kanal

Quer über den Mittellandkanal hinweg zeigte ich einem Paar am anderen Ufer den gereckten Mittelfinger – aus Gründen. Meine Freundin und ich waren mit den Rädern an der Schleuse Anderten. Der Weg dorthin am Kanal entlang ist steinig und uneben, eine Tortour für Mensch und Material.
„Zurück fahren wir auf der anderen Seite. Dort ist der Weg besser“, sagte sie. Er war aber nicht besser, sogar noch steiniger, so dass ich Mühe hatte, auf dem losen Schotter nicht wegzugleiten. Nach etwa drei Kilometern passierten wir ein junges Paar, das in trauter Zweisamkeit rechts vom Weg in der Böschung saß und den Sonnenuntergang genoss.


Hundert Meter weiter bog der Weg um eine Landzunge und endete. Dort mündete ein Stichkanal und es gab keine Möglichkeit, ihn zu überqueren. Das bestätigten zwei Angler, die unten am Kanal saßen: „Sie müssen zurück und über die Brücke zur anderen Seite.“ Also zurück. Das Paar saß noch da. Er lächelte süffisant. Die nächste Brücke erwies sich als Eisenbahnbrücke. Sie hatte einen schmalen Steg für Radfahrer, der aus, wie es schien, lose aufliegenden Metallplatten bestand. Jedenfalls lärmten sie beim Überrollen wenig vertrauenerweckend. Um mich abzulenken, erinnerte ich mich an ähnliche Erlebnisse im Hannoverschen Umland:

Einmal fuhr ich einen von Hecken gesäumten, schnurgeraden Wirtschaftsweg entlang, geschoben von einem heftigen Wind. Die Sonne kam hervor, tauchte die Äcker in freundliches Licht, und über eine ferne Bodenwelle hinweg schien mein Weg am Horizont in den blauen Himmel zu tauchen. Da freute ich mich, gut voranzukommen. Nach einer Weile kam mir ein älterer Mann auf dem Rad entgegen. Ich nickte ihm einen Gruß zu. Er muckte nicht einmal, sondern sah stur geradeaus. Bald hatte die Wegdecke lehmige Traktorspuren, die Asphaltierung hörte auf, und ich fuhr über wucherndes Gras. Dann sah ich voraus einen schmalen Kanal, der sich quer durch die Felder zog. Da war keine Brücke, der Weg lief tot. Also wieder zurück. Gegen den heftigen Wind kam ich kaum voran, ständig gerieten die Räder in tiefe Furchen, die sich unter der Grasnarbe verbargen, da hatte ich Zeit, den Kerl zu verfluchen, der mich ja hätte warnen können.

Bei einer anderen Tour ließen mich zwei Radfahrer sehenden Auges einen Weg fahren, der zuerst holperig wurde und dann totlief. Die beiden, ein Mann und eine Frau saßen an einem Weiher. Ihre Fahrräder hatten sie sauber nebeneinander geparkt. Das war im Dorf Ihme, das ich nach einigem Suchen gefunden hatte, denn ich wollte ab dort am Bächlein Ihme entlang fahren bis Hannover, wo die Ihme das meiste Wasser der Leine aufnimmt und vorübergehend zum Fluss wird. Ich biege also im Dorf Ihme in einen Weg entlang der Ihme ein. Mann und Frau drehen sich zu mir um, als sie das Britzeln und Bratzen der Steinchen unter meinen Reifen hören. Er hat einen weißen Mullstreifen quer über der Nase. Später, als ich wieder zurückkomme, drehen sie sich erneut um und sehen mir nach. Und ich denke: Ein weißer Mullstreifen quer über der Nase ist gewiss nicht angenehm für den Eigentümer der Nase. Die Frau neben ihm leidet wahrscheinlich mit. Doch weder Mullstreifen noch Mitleid mit der Nase unter dem Mullstreifen sind eine Entschuldigung dafür, dass man mich wortlos hat in die Irre fahren lassen.

Eigentlich sind die Menschen in Hannover und seinem Umland recht freundlich. Daher neige ich inzwischen zur Vermutung, dass sie einen nicht aus Gleichgültigkeit, wegen Nasenqualen oder aus Liebestrunkenheit in die Irre fahren lassen, sondern aus Toleranz. Doch wie wir am Mittellandkanal entlang holpern und drüben sitzt das Paar noch immer gemütlich in der Abendsonne, ist es aus mit meiner Toleranz. Ich strecke besagten Finger in den Himmel – für die drei anderen Fackelsnasen mit.

7 Kommentare zu “Schlechte Manieren am Kanal

  1. Ich hab drüber nachgedacht. Ich glaube, ich würde auch nichts sagen, weil ich immer davon ausgehe, dass die anderen etwas wissen, was ich nicht weiß. Mir fallen jede Menge Gründe ein, warum man (alleine oder zu zweit) in einen Sackgassenweg fahren MUSS.

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    • Mir scheint es eine Mentalitätsfrage zu sein. Rheinländer sind eher bereit, einen offenbar Unkundigen auf eine Sackgasse hinzuweisen. Ich habe es kürzlich noch am Mittellandkanal getan, als eine ganze Gruppe Radfahrer einen Weg ansteuerte, der einen Abstieg von der Brücke mit Treppenstufen überwand.

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      • Ich denke, da hast Du Recht, aber ich kann mich einfach nicht überwinden, mich ungefragt in das Leben eines anderen einzumischen, auch wenn es nur um Sackgassen geht. Außerdem, wer weiß, vielleicht ist gerade DIESE Sackgasse besonders schön und Du willst mit Deiner Liebsten genau deswegen dahin, weil euch da sowieso niemand stören wird. Ich meine das nicht böse, ehrlich nicht 😦

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  2. Wir leben in einem touristischen Hotspot und sind es gewohnt, unsere Gäste nicht in die Irre laufen oder fahren zu lassen. Wir wohnen in einer Sackgasse, über die durch zwei entsprechende Schilder informiert wird.
    Der gut gemeinte Hinweis, führe man weiter, lande man direkt im Flüsschen, wird einem nicht unbedingt gedankt.
    Eine Auswahl von Antworten in teilweise obstinatem Tonfall:
    Das Navi sagt das aber so.
    Halten Sie Ihr blödes Maul.
    Was geht Sie das an, wo ich hinfahre?
    Auf der Karte ist eine Brücke eingezeichnet (ja, eine 1m breite Fußgängerbrücke)
    Ich bin schon hundertmal hier lang gefahren (mit einem Amphibienfahrzeug?)
    Sind Sie hier der Blockwart?

    Auch eine Antwort: wütendes Wenden des Fahrzeugs, bei dem Mülltonnen umgefahren werden, Beete umgewühlt, Zäune angeschrammt. Hübsch ist das Geräusch anzuhören, wenn der beratungsresistente Weiterfahrer beim Wendeversuch mit dem Findling kontaktet, den ein Nachbar auf seinem Grundstück plaziert hat, nachdem ihm zum wiederholten Mal die Hecke beschädigt wurde.

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    • Hallo MIchaela, willkommen im Teestübchen! Dein Kommentar war leider im Spam-Ordner gelandet, Danke für deinen Bericht. Derlei Erfahrungen sind nicht schön. Vermutlich sind Autofahrer so undankbar. Von Radfahrern habe ich das bislang nicht erlebt.

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  3. Danke für deinen Willkommensgruß Jules von der Ley. Das Teestübchen ist eine schöne Perle in meiner Blogline.

    Radfahrer*innen fallen in unserem Städtchen eher dadurch unangenehm auf, dass sie schrill gedresst durch die Fußgägerzone brausen, das Schild „Fußgängerzone“ wird geflissentlich ignoriert.
    Die „Bumps“ in den Nebenstraßen, die dem Ausbremsen der KFZ dienen sollen, sind sportlich ambitionierten Radlern willkommene Rampen für gewagte Sprünge, gerade bei fußläufigem Publikum.
    Nun ja, was soll man da sagen?
    Die Perspektive wechselt, je nachdem, wie man unterwegs ist, motorisiert, auf dem Fahrrad oder zu Fuß.
    Ob es regionale Unterschiede gibt, wie man Radfahler in die Sackgasse rauschen lässt, ist mir nicht bekannt. In unserer Gegend gewährt man Gästen und Touristen einen relativ hohen Unfähigkeitsspielraum und wir freuen uns, wenn sie uns in angenehmer Erinnerung behalten.
    Frau Feldlilie, ich kann Ihre Unaufdringlichkeit durchaus verstehen.
    Durch unsere Besucher*innen geschult, die wir ja nicht als Deppen dastehen lassen wollen, kleiden wir unsere Hinweise oft in Fragen, sozusagen als rhetorischen Kunstgriff, wie beispielsweise „Sie wissen, dass in 150 m der Radweg endet?“
    Hierzulande ist es auch üblich, dass man entgegen Kommende beim Wandern grüßt. Das würde ich mich nie getrauen, wenn ich nördlich von Bayern oder Baden-Württemberg wäre.

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