Mit der Hand gesetzt (4)) – Raiza Procházka berichtet

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Es war schon etwas Besonderes zu erleben, wie mein Manuskript zur Satzform wurde, wie Oster Letter um Letter, Wort um Wort in den Winkelhaken setzte, die Zeile ausglich, also Wortzwischenräume verringerte oder austrieb, um den Randausgleich zu erreichen. Saß die Zeile dann fest im Winkelhaken, legte er als Zeilenabstand eine 2-Punkt-Regelette darüber. Wenn der Winkelhaken fünf Zeilen enthielt, hob er sie mit Hilfe einer Setzlinie aus Messing vorsichtig heraus und sicherte sie auf dem Setzschiff. Hier wuchs die Satzform der Seite Zeile um Zeile, bis 25 Zeilen übereinander gestapelt waren. Oster legte unter die letzte Zeile eine Ein-Cicero-Regellette und band die Form mit sauberen Wicklungen jener roten Kolumnenschnüre aus, die bei genauer Betrachtung ein schlauchförmiges Gewebe waren, das hohem Zug standhielt. Ich sah fasziniert zu, wie meine flüchtigen Gedanken durch Handwerkskunst Gewicht bekamen und jetzt wie unverrückbar zusammenhielten, so dass Oster sie vom Setzschiff auf den Metalltisch der Abzugspresse schieben konnte. Die einfache Handabzugspresse bestand aus einem festen Metalltisch, mit Schienen an den seitlichen Rändern, über die kleine Eisenräder liefen, die wiederum eine Gummiwalze antrieben, wenn die Einrichtung von Hand vor und zurück bewegt wurde. Zum Abziehen wurden die Gesichter der Buchstaben mittels Handwalze satt eingefärbt mit schwarzer Druckfarbe, dann wurde ein Bogen Papier aufgelegt und die Druckwalze einmal darüber gezogen. Den jetzt bedruckten Bogen abzuheben und erstmals eine weitere Seite aus meinem Roman zu sehen, wie er in feinsten Garamond-Lettern schwarz auf dem weißen Papier stand, war mir der schönste Augenblick.

    Wenn Dr. Reibach grinste, entblößte er ein prächtiges Pferdegebiss. Während der gesamten Briefvorlesung konnte er sich vor Vergnügen kaum halten. Die im Dauergrinsen gebleckten Zähne taten mir weh für den armen Dr. Schmieder. Ich malte mir aus, was er im Brief andeutete, wie er ruhelos durch seine Privatbibliothek streifte und sich Vorwürfe machte, nicht nur, dass er sich hatte hinreißen lassen, das Aktfoto, das mich NICHT zeigte, dem Reibach in Fotokopie auszuhändigen, sondern dass ihn auch sein Brief reute, der ja alles noch schlimmer machte. Es war klar, dass gerade durch seine Bitte, die Fotokopie nicht herumzuzeigen, ja, dass durch den gesamten Brief, Reibachs Spottlust angestachelt würde, denn Reibach war in Schmieders Augen ein durch und durch schlechter Mensch. Schmieder verachtete ihn, nicht zuletzt für die geringschätzige Weise, wie er Raiza Procházka behandelte.

    *
    Vor dem Fotoladen stieß ich mit ihr zusammen. Sie trug ein enganliegendes gelbes Sommerkleid und sah atemberaubend aus. Frau Procházka freute sich, mich zu sehen. „Was machst du denn hier? Auf dem Weg zum nächsten Fotoshooting?“, fragte sie spöttisch.
    „No, ich muss mir ja zuerst eine Narbe übers Auge schminken lassen. Jetzt bummle ich ein wenig durch die Stadt“, sagte ich “Und du?“

    „Ich habe Urlaubsfotos abgeholt.“ Sie überlegte kurz und fragte dann: „ Die künstliche Narbe ist doch scheiß, oder? Hast du Lust, einen Kaffee zu trinken?“

    „Zweimal ja!“

    Wir setzten uns nach draußen vors Café Mohren unter einen Sonnenschirm. Sie brachte das Gespräch sogleich auf Reibach und wie er den armen Schmieder im Institut bloßgestellt hatte. Offenbar war es ihr ein Anliegen, mir die Augen über Reibach zu öffnen. Sie hatte Urlaub mit ihm in Griechenland gemacht. Sie waren mit Reibachs Sportwagen hingefahren. Bei der Rückfahrt aus dem Urlaub, irgendwo auf einer einsamen Gebirgsstraße des Balkans waren sie in Streit geraten. Da warf Reibach sie aus dem Auto und fuhr davon, ließ sie einfach zurück. Da hatte sie, nur mit einem Bikini bekleidet, also quasi nackt in einer wilden Gegend gestanden, ohne Geld und Papiere.

Fortsetzung