Mit der Hand gesetzt (3) – Eine Fotokopie und ein Brief

Folge 1Folge 2

Wir begegneten uns in der Umkleide. Ich kam aus dem Waschraum, Herr Oster hängte gerade sein kariertes Jackett in den Spind und streifte den grauen Kittel über.
„Haben Sie im Verlag übernachtet“, fragte er erstaunt.
„Nicht direkt übernachtet. Ich musste noch das letzte Kapitel des Manuskripts fertig schreiben“, log ich.
„Schon seltsam“ brummte Herr Oster, „dass die Chefin mich den Roman setzen lässt, obwohl das Manuskript noch nicht fertig ist.“
„Just in time, Herr Oster. Das Prinzip kennen Sie doch.“
„Aber hier bei uns? Wozu soll das gut sein?“

Wir gingen gemeinsam in den Setzereisaal. Auf Osters Arbeitstisch lagen die Korrekturfahnen. Ich sah viel Rot. Oster nahm sie in die Hand, verglich mit dem Manuskript und schnaubte: „Wie die beschmierten Fahnen chinesischer Räuberbanden. Sie müssen bitte deutlicher schreiben, Herr Autor, dann gibt es auch nicht so viele Setzfehler.“ Er hielt mir mein Manuskript unter die Nase, um mir die ästhetische Katastrophe zu zeigen. Namentlich die vielen Streichungen und nachträglichen Kritzeleien beschämten mich. Glücklicher Weise war das Ergebnis meiner Nachtarbeit wie aus einem Guss:

    Gegen Nachmittag war plötzlich Unruhe im Institut. Dr. Bernd Reibach stürmte herein, eilte durch die Räume und zeigt ein Blatt herum. „Komm mal her, du Aktmodell!“, rief er. Schmieder musste Reibach von seiner Entdeckung erzählt haben, und Reibach hatte ihn so lange gedrängt, dass Schmieder ihm das Bild aus dem Schwulenmagazin fotokopiert hatte. Zu sehen war ein gereckt stehender nackter Mann, der mit erhobenen Armen ein gewrungenes Handtuch hinterm Nacken hielt. Er stand ein wenig gespreizt da, hatte den muskulösen Oberkörper leicht zur Seite gedreht und sah mir vor allem nicht ähnlich, wie auch die Sekretärin Kathy O. bestätigte, wobei sie errötete, denn sie sah sich plötzlich im Verdacht, mich ein bisschen näher zu kennen. „Die Nase ist doch viel gröber als deine“, sagte sie rasch, was es nicht besser machte, denn die Reinemachefrau Dressel, die sich ebenfalls dazu gesellt hatte, sagte: „Wie die Nase eines Mannes, also ist auch sein Johannes!“
    „Sie müssens ja wissen, Frau Dressel“, sagte ich, in Anspielung auf ihre alte Arbeitsstelle, denn sie hatte zuvor Häuser in der Bordellgasse geputzt. Dann sagte ich in die Runde: „Ich bitte die Anwesenden um allgemeine Bestätigung, dass das Aktfoto mich nicht zeigt.“
    „Jaja, schon gut! Du bist es nicht“, sagte Reibach, holte ein Schreiben aus seinem Jackett, das ihn am Morgen mit der Post erreicht hat. Absender: Dr. Wolfgang Schmieder. Reibach bat um Ruhe und las vor:

    „Lieber Herr Dr. Reibach,
    kaum waren Sie gestern aus dem Haus, wurde mir die Ungeheuerlichkeit bewusst, dass ich mich hatte hinreißen lassen, Ihnen das Foto aus dem Aktmagazin zu fotokopieren, das unseren gemeinsamen Bekannten, Herrn Erlenberger NICHT zeigt, da ihm die Narbe über der Augenbraue fehlt. Ich bin ob meiner Handlungsweise untröstlich, konnte die Arbeit nicht verrichten, die ich mir für den Tag vorgenommen hatte, da mir die Folgen meines Tuns unablässig vor Augen rückten. Ich bitte Sie deshalb inständig, die Fotokopie niemandem zu zeigen. Vernichten Sie das Blatt unverzüglich! Die Lust, es zur allgemeine Erheiterung herumzuzeigen, wiegt nicht auf, was Sie dem Herrn Erlenberger damit antun. Denken Sie auch an seine arme Frau!
    In Unruhe, Ihr
    Dr. Wolfgang Schmieder“

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