Mit der Hand gesetzt (1)

Ich weiß, dass der Verlag diesen alten Schriftsetzer beschäftigt, weiß, dass er meinen Roman wird mit der Hand setzen müssen. Um ihn zu zanken, hätte ich Lust, den Roman mit einem unsäglich langweiligen Satz zu beginnen. Er würde darüber verzweifeln wie ein Wanderer, der mit dem ersten Schritt schon in zähen Morast gerät, besser auf einen knochentrockenen steinigen Weg unter einer gnadenlosen Sonne, so dass er nach wenigen Schritten sich schon erschöpft an ein Balkengestell anlehnen muss wie der berühmte Durstige Mann in der Tuborg-Werbung.

Dieser tödlich langweilige Satz wäre die Herausforderung, die den Alten am Berufsethos verzweifeln ließe. Den mit der Hand getreulich abzusetzen, ihn nicht zu verbessern wie einst der Kollege, der den Satz „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Vorstand fehlte noch.“ durch den Austausch von o durch e so recht zum Schillern gebracht hatte: „Der ganze Verein hatte sich versammelt; nur der Verstand fehlte noch.“

Jetzt habe ich mir selbst ein Bein gestellt. Denn es ist genauso schwer, einen tödlich langweiligen ersten Satz zu erfinden wie einen wunderbaren, so einen, der in der Anthologie schönster erster Sätze als erster genannt würde. Das vermute ich jedenfalls, denn ich habe weder einen wunderbaren noch einen tödlich langweiligen Satz geschrieben. Und hätte ich es, so würde niemand ihn kennen, nicht einmal ich.

Habe ich nicht eine Schachtel mit einem Haufen von Zettelnotizen, die ich im Wahn niedergeschrieben habe und deshalb im nüchternen Zustand nicht anschauen mag? Einen solchen Zettel bräuchte ich nur zu zücken, und schon wärs … Wunschdenken zweifellos, und unbeweisbar, weil der Zettelkasten seit Jahren nicht mehr geöffnet werden darf.

Schon greife ich dem Schriftsetzer in den Nacken und zwinge ihn an den Setzkasten. Die zehn Punkt Garamond habe ich ihm aufgestellt, ihm gesagt, er solle den Winkelhaken auf 20 Cicero Breite einstellen. Die nächsten 75 Arbeitstage wird er acht Stunden täglich an meinem Roman setzen. „Nur zu, Brauner, mach den ersten Schritt!“

    Dr. Wolfgang Schmieder war Privatgelehrter. Als ich ihn kennenlernte hatte er bereits ein Grab mit einem Grabstein, den eine Inschrift in babylonischer Keilschrift zierte. Sein Grab besuchte er regelmäßig und pflegte die Blumen. Dort sollte man ihn begraben, und nebenan ein Hutzelweib von Haushälterin, das er seine Ziehmutter nannte. Freilich ihrer beider Tod sollte noch abgewartet werden. Das Haus des Dr. Wolfgang Schmieder war bis in den letzten Winkel mit Bücherregalen bestückt. Wenn normale Menschen 400 Bücher ihr eigen nennen, so besaß Dr. Schmieder sicher 10.000. Täglich brachte der Paketbote neue Stapel, überwiegend philosophischer Werke und solche der Religionswissenschaft. Schmieder kaufte sie nicht, sondern erhielt und sammelte Rezensionsexemplare. Die Rezensionen veröffentlichte er in einer kleinen Studentenzeitschrift, aber unter Pseudonym, dem Namen einer jungen, glutvoll schönen Frau namens Raiza Procházka, deren voller Busen manchen schon zum Träumen gebracht hatte. Das Gefälle zwischen den Rezensionstexten und ihr war derart grotesk, dass ich niemals glauben konnte, dieses wunderbare Weib könnte einen derartig geschraubten Bockmist von sich geben. Da wusste ich von Dr. Wolfgang Schmieder noch nichts.

    Fortsetzung

2 Kommentare zu “Mit der Hand gesetzt (1)

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