Einiges über unerklärliche Ereignisse

Auf dem Gehweg schiebt ein androgyn wirkender Mann sein mit dem Einkauf bepacktes Fahrrad an mir vorbei. Obwohl die Sonne durch diverse Wolkenlöcher lacht, trägt er Regenhose und Regenjacke. Vor einer Stunde ist ein kleiner Regenguss niedergegangen, vermutlich just als er zu Hause aufgebrochen ist. Vorsorglich hat er sich gegen das Nasswerden geschützt. Ich hätte ihm abgeraten, denn mit Regenhose und Regenjacke verbinde ich Erfahrungen, die ich magisch zu nennen wage, obwohl der Leiter unserer Schreibgruppe das Wort auf die rote Liste gesetzt hat.

Einst bin ich mit einem Freund die Kaiserroute von Aachen nach Paderborn geradelt. Ab Tag zwei hat es ununterbrochen geregnet. Am 3. Tag, als wir unter einer Brücke einen heftigen Schauer abwarteten, fand mein Begleiter ein Zaubermittel. Er zog eine Regenhose über, und danach hat es keinen Tropfen mehr geregnet. Es ist also etwas Magisches mit Regenjacken und -hosen. Sie sollen vor Regen schützen, doch hüllt man sich darin, regnet’s nimmer, sondern die Sonne lacht und zaubert ein tropisches Klima in die Regenhülle. Der Mensch beginnt zu triefen und ist bald von eigenen Körpersäften durchnässt. [Zeichnung → von mir]

Als ich noch ein Auto besaß, konnte ich Regen machen. Wenn ich mein Auto gewaschen habe, was nicht oft vorkam, wenn es also frischgeputzt da stand, verzeichnete die Untere Aachener Kanalbehörde ein Regenereignis, das die DIN-Normen für ergiebigen Landregen weit überschritt und für das die Kapazitäten der Kanalisation nicht berechnet worden waren, weshalb das Wasser fröhlich aus den Gullys sprudelte. Hatten sie ein Garten- oder Grillfest geplant, luden Nachbarn mich ein und quatschten mir ein Ohr ab, damit ich eventuell gehegte Autowaschgelüste vergaß. Auch bei anhaltender Trockenheit waren meine Dienste begehrt. Dann hieß es: „Ihr Auto hat wieder mal eine Wäsche nötig. In der Zeitung stand, der jüngst herüber gewehte Saharastaub greife den Lack an und müsse dringend abgewaschen werden.“ So nötigte man mich zum Autowaschen, obwohl es wegen Wasserknappheit längst verboten war.

Wenns nun am Tag der „versoichten Sophie“ immer regnet, wie eine Teestübchenbesucherin gestern geschrieben hat, haben wir es wieder mit Ursache-Wirkungs-Phänomenen abseits rationaler Erklärungen zu tun, mit Phänomen, die hier schon öfter „Fehler im galaktischen Betriebssystem“ genannt worden sind, landläufig aber auch als magisch bezeichnet werden können.

14 Kommentare zu “Einiges über unerklärliche Ereignisse

  1. Meine olle Gartenhose kann auch sowas. Tagelang kann ich mit ihr im Dreck wühlen, Rotwein trinken, Erdbeerkuchen essen und nie wird sie von einem konkret zu bezeichnenden Fleck verunziert. Es ist eher die Gesamtsandmenge, die eine Wäsche erforderlich macht. Kaum habe ich mich umgezogen….Ich überlege ernsthaft, das gute Stück auch auf demnächst wieder stattfindenden festlichen Ereignissen zu tragen.

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  2. Sehr schön. Das mit der Regenhose kann ich nur bestätigen. Man ist meistens von innen nass. Ich besitze deshalb auch keine mehr. Als Radfahrer bin ich chronisch unterausgerüstet. Ich steige mit meinen ganz normalen Klamotten aufs Rad. Mit den Klamotten, mit denen ich auch zur Arbeit, auf Partys, ins Kino oder Essen gehe. Das ist voll praktisch aber leider bin ich fast immer unpassend gekleidet. Mit ein bisschen Ignoranz und Phantasie kann man das aber auch als eigenen Stil bezeichnen. Lediglich zu Beerdigungen packe ich meinen alten Hochzeitsanzug aus. Der hilft aber auch nicht bei Regen.

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  3. Weil “Magie” so in Verruf gekommen ist und neuerdies zu viele an “Zufälle” glauben…
    Wenn mein Vater den Garten düngt, ist das geradezu eine Schönwettergarantie, weil Dünger Regen braucht. Pack ich den Schirm ein, hält bestimmt die Frisur, weil es garantiert nämlich nicht regnen wird, solange ich etwas für Regen dabei hab. Hülle ich mich auf dem Rad in den Windbrecheranorak ein, flaut sofort der Wind ab und mein Körper wirft in der atmungsfeindlichen Plaste-Teilkörperhaut das Drüsenprüfprogramm an.
    Geh ich in den Garten, versteckt sich schnell der Gesekohl im Phlox.
    Stelle ich die Kübel endlich vom Winter frei, weil es wochenlang warm vor sich hin lenzte, kommt so ein Eisheiliger wie Mamertus, Pankratius(heute) oder Servatius und bonifazt mir was von der nassen Sophie.
    Magie? Die passiert sonst einfach irgendwie zwischen all dem Erklärbaren und mit Magie verhält es sich wie mit der Praxis, die Theorie ist, wenn alle wissen wie Magie funktiniert – aber sie funktioniert einfach nicht. Magie ist wenn sie funktioniert- aber niemand kann sich erklären, warum.
    Bleib gesund und liebe Grüße

    Amélie

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    • Dass es im Leben einer Fee viele magische Momente gibt, kann sich jeder vorstellen. Was du darüber sagst, dem stimme ich zu. Allerdings gebe ich zu, in letzter Zeit nüchterner zu interpretieren. Entsprechend wenig Zauber ist in meinen Texten. Schon Kurt Schwitters hat ja gesagt: „Es gibt keine Zufälle. Eine Tür kann zufallen.“
      Schön, wieder von dir zu lesen, liebe Amélie. Ich hoiffe, es geht dir gut ud du lässt dich nicht anstecken, weder vom Virus noch von der Panik ringsum.
      Lieben Gruß
      Jules

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      • Lieber Jules,
        Textzauber entsteht hinter Buchstaben. Ein Zauberer zaubert immer. Er kann nichts anderes sein als ein Zauberer. Sogar, wenn er gar nicht zaubern will, heimsen sich Minimagien zwischenzeilig und hintersinnig in Wortschöpfungen, unterwandern sachliche Argumentationen und kitzelt selbst knallharte Fakten durch.
        Kurt Schwitters Spruch habe ich sofort archiviert um ihn immer in zugefallenen Momenten als Fuß in die Tür der Klugkopferten zu stellen.
        Mir geht es den Umständen entsprechend, lieber Jules, danke Deiner Nachfrage.
        Die Situation treibt mich um, ich lese viel und schaue das Interview mit Hannah Arendt und Günter Gaus. Das Gespräch ist faszinierend. Hannah Arendt ist eine Art denkerisches Vorbild und ich lerne gerade viel, wichtig und gut.
        Besonnenheit wünsche ich mir…für mich selbst…für andere und mehr Nachdenken über Benamsungen von globalen Ausnahmezuständen.
        Worte erschaffen Wirklichkeit.,.
        Bin immer gern bei Dir.
        Bitte bleib gesund und sei herzlich gegrüßt

        Amélie

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