Dinge des Lebens – Eisheilige

Mamerz hat ein kaltes Herz.
Am Samstag war ich auf dem Sprung, mit dem Fahrrad wegzufahren, als mir auf der Treppe der Hausverwalter begegnete, der mich in ein Gespräch über die Wartung meiner Therme verwickelte. Er habe davon keine Rechnung. Ich versuchte die Verwicklungen um meine Therme zu rekonstruieren und sagte, sie sei außer der Reihe gewartet worden, wusste aber grad nicht warum. Eben fiel es mir wieder ein, als meine Heizung trotz Temperatursturz nicht ansprang. Pünktlich mit dem 11. Mai übernahm nämlich Mamertus, der erste der Eisheiligen, die Macht, aber meine Therme ist noch im Schlafmodus wie jeden Montag. Ich hatte nämlich den Handwerker gebeten, die Nachtabschaltung neu zu programmieren, und weil der sich wohl im Datum vertan hatte, gilt meiner Therme der Sonntag als Samstag und der Montag als Sonntag, was ja insofern hübsch ist, als mein Wochenende somit drei Tage umfasst.

Morgen herrscht übrigens Pankratius, dann Servatius, gefolgt von Bonifatius und der kalten Sophie. Das Narrativ von den Eisheiligen ist natürlich purer Aberglaube, neutraler gesagt: Volksglaube. Drei der fünf gelten als Märtyrer, Mamertus und Servatius waren Bischöfe und sollen Wunder gewirkt haben. Sie alle personifizieren das wiederkehrende Wetterphänomen plötzlich einströmender Polarluft in die vormals warmen ersten Maitage. Daraus erklärt sich, dass Mamertus in Süddeutschland nicht bekannt ist. Die fußlahmen Heiligen brauchen einen Tag länger, um die Kälte auch in den Süden zu verschleppen.

Jedenfalls trug ich einen Mantel, als ich zum Bäcker eilte. Eine Straßenbahn zog vorbei. Aus den Fenstern schauten lauter Leute mit Mund-Nasen-Schutz. Das wirkte ziemlich deppert. Ich komme übrigens nicht mit dem Wort „Gesichtsmaske“ zurecht. Jedes mal denke ich an Quarkgesichter und Gurkenscheiben auf den Augen. Solche Gesichtsmasken wünsche ich in der Straßenbahn zu sehen, ersatzweise könnten die Insassen mein Buch Die schönsten Augen nördlich der Alpen hochhalten.

„Die Eisheiligen nehmens diesmal ganz genau“, sagte die Bäckereifachverkäuferin. Nur meine Therme nicht. Die hat heute Sonntag. Übrigens: Das derzeit längste bekannte Wortpalindrom ist das finnische Wort für Seifenverkäufer: „saippuakivikauppias.“ Dagegen verblasst sogar das längste deutsche, das von Arthur Schopenhauer gefundene „Reliefpfeiler.“

13 Kommentare zu “Dinge des Lebens – Eisheilige

  1. Über Servatius musste ich als Student der Niederlandistik mal eine Hausarbeit schreiben. Das Seminar hieß Heiligenleben in mittelniederländischer Überliegerung oder so. Da Servatius vor der Reformation wirkte, war er ja für mich als Sohn protestantischer Eltern noch mit zuständig. In Maastricht habe ich dann die Basilika gesehen, die ihm geweiht ist und die älteste erhaltene Kirche der Niederlande sein soll. Ich Depp war nicht drin, wer weiß, wann diese Gelegenheit wieder kommt. Als einen der Eisheiligen habe ich ihn mir nicht gemerkt, obwohl die ja auch in evangelischen Gegenden bekannt sind. Und mein Nachname bedeutet im Finnischen Butter. Das ist nett und die sollte auch kühl gehalten werden, womit wir wieder bei den Eisheiligen und der kalten Wohnung wären.

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    • Danke für die ergänzenden Informationen. Als ich noch in Aachen lebte, war ich zwar oft in Maastricht, doch in der Servaasbasiliek am Vrijthof bin ich auch nie gewesen, wohl oft über die Sint Servaasbrug gegangen, ohne daran zu denken, dass die nach unserem Eisheiligen benannt ist.
      Sie soll übrigens die älteste Fußgängerbrücke Hollands sein.
      Voita=finn. Butter ist ja hübsch.

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  2. Tatsächlich kenne ich Mamertus aus meiner süddeutschen Heimat nicht. Die kalte Sophie heißt bei uns übrigens die „versoichte Sophie“, d. h. sie ist bekannt als die Bettnässerin unter den honorigen bischöflichen Eisheiligen. Und tatsächlich hat es in meiner Kindheit, zumindest gefühlt, an diesem Tag immer geregnet.
    Diese Sache mit dem Heizungsmonteur, verehrter Herr Trithemius, ist allerdings eigenartig. Warum stellt er ihre Heizung in einen wechselnden Wochenend- Werktagsmodus?
    Haben Sie ihn vielleicht in dem Glauben gelassen, der werktägliche morgendliche Gang zum Bäcker sei der Gang zum täglichen Broterwerb? Und in Wirklichkeit waren Sie den ganzen Tag…. ach, man mag sich das ja gar nicht ausmalen, wo auch immer. Ich hoffe, Sie haben es inzwischen wieder mollig warm in Ihrer Bude- an den vier Werktagen ebenso wie an den drei Wochenendtagen.

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    • Natürlich hat der Heizungsmonteur bei seinen Besuchen sogleich gesehen, dass ich ein hart arbeitender Mensch bin, verehrte Spangenhalsgärtnerin (hübscher Name übrigens). Alltäglich sah er mich früh ins Wortbergwerk einfahren und im Schweiße meines Angesichts die kostbaren Blogtexte aus dem Felsgestein meißeln, so dass er dachte, nach diesem schweren Tagwerk steht der Mann am Wochenende niemals vor 10 Uhr auf, also darf auch die Heizung länger pausieren. Danke für die ergänzenden Informationen zur „versoichten Sophie“ – klingt irgendwie schwäbisch.

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    • Dass es trotz des Klimawandels auch in diesem Jahr zu diesem „singulären Wettererignis“ kam, erstaunt mich am meisten, diesmal sogar pünktlich, wenngleich sich der Temperatursturz schon am Sonntagnachmittag abzeichnete. Die jährliche Wiederkehr war für den Bauern ein wichtiger Indikator,. Er durfte die Saat erst ausbringen, wenn die Tage vorbei waren. Zur besseren Beachtung und als Mnemotechnik wurden diese Tage benamst.

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  3. unter diesen blog gehöre ich ganz unbedingt drunter. schon wegen meines avatars.
    übrigens sah ich heute in der stadt (was man hier so stadt nennt) einen mann mit grünen(!) brillengläser und gesichtsmaske. ich hätte ihn gern fotografiert, denn meine befindlichkeiten waren ähnliche. aber ich glaube, man kann sich das auch so vorstellen.

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