Einfach nur dasitzen

Trithemius
Eine meiner Lieblingstätigkeiten, wird Sie wundern, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim

Löcher in die Luft starren?

Trithemius

Fast. Meine liebste Tätigkeit ist Untätigkeit.

Frau Nettesheim

Nicht, dass es Ihnen ergeht wie dem Grafen Oblovmow des Iwan Gontscharow, dass Sie nicht mehr herausfinden aus der Trägheit. Müßiggang ist aller Laster Anfang!

Trithemius

Kommen Sie mir nicht mit Ihrer evangelischen Arbeitsethik. Ein andere Russe, Anton Tschechow, schreibt: „Das Leben stimmt nicht mit der Philosophie überein: Es gibt kein Glück ohne Müßiggang, und nur das Nutzlose bereitet Vergnügen.“

Frau Nettesheim

Von nichts kommt nichts.

Trithemius

Jaaa, gnädige Frau. Trotzdem mag, ich einfach nur dazusitzen und nichts zu wollen. Wie heute Morgen. Schaue ich von meinem Frühstücksplatz zum linken Fenster hinaus, fällt mein Blick durch das Gitter von Josies Palmwedeln. Ich habe Josie aufgerichtet und abgestützt, und jetzt zeigen sich wieder prächtige grafische Überschneidungen der Wedel in dunkelgrün, vor der Helle des Tageslicht fast schwarz. Dahinter das saftig grüne Laub der Eiche, in verschiedenen Schattierung je nach Lichteinfall, wie ihre Zweige sich sanft im Wind wiegen und Lücken lassen für die Himmelsbläue. Durch das mittlere Fenster schaue ich auf die Vogelkirsche. Derzeit ist sie bestäubt mit im Sonnenlicht blendend weißen Blüten. Das Fenster zur Straße zeigt mir die halb von Laub verdeckte Hausfront des großen Hauses schräg gegenüber mit seinen roten Klinkern und den weißen Fensterlaibungen. Und am Tisch sitze ich, hab gefrühstückt, den letzten Schluck Kaffee genommen und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.

Frau Nettesheim

Sie sind doch Atheist, Sie Trollo.

Trithemius

Das ist mir in diesem friedlichen Augenblick egal. Einfach dasitzen, die Gedanken spazieren zu lassen, das ist herrlich. Da kann ich mich gar nicht dazu überreden, den Zustand der Untätigkeit zu beenden. Schon das Überreden ist ja Tätigkeit und ich kann mich nicht mal überreden, mich zu überreden.

Frau Nettesheim

Jetzt wird’s kompliziert. Wie viele Instanzen gibt es da in Ihrem Kopf?

Trithemius

Keine Ahnung, ich habe ja immer nur mit Ihnen und den anderen Unterbeamten zu tun. Wie die Hierarchie darüber aussieht, weiß ich nicht. Jedenfalls ist man derzeit sowohl in der unteren als auch in der oberen Tätigkeitveranlassungsbehörde ziemlich verschnarcht. Ob in den Büros hinter den dunklen Eichentüren überhaupt etwas passiert, also irgendeine Form von Aktivität ist, weiß man nicht. Vielleicht sitzen alle glückselig da, ohne etwas zu wollen, und keine Vorgesetzten, die sie zur Arbeit ermahnen. Oder alle sind im Home-Office, schauen zum Fenster hinaus auf das saftig grüne Laub der Bäume. Und sie sehen die halb von Laub verdeckte Hausfront des großen Hauses schräg gegenüber. Hinter dessen Fenster sitze ich und lasse den lieben Gott einen guten Mann sein.

Frau Nettesheim

Da beißt sich die Katze in den Schwanz. Mir wird gleich schwindlig.