Aus dem Off – Gallopierendes Herz

Eine meiner Tanten litt am „galoppierenden Herz.“ So jedenfalls nannte sie die Wahrnehmung eines chronischen Herzrasens, das sie sich kurz nach den Kriegsende zugezogen hatte. Sie war mit anderen Frauen über die Felder zur Bahnlinie gegangen, um bei den dort haltenden Güterzügen zu „fringsen.“ So hieß das Stehlen von Kohlen und Briketts für den Eigenbedarf nach dem Kölner Kardinal Frings, der es für erlaubt erklärt hatte. Die Güterzüge mit Waggons voller Kohlen und Briketts standen offenbar bereit, um als Reparationszahlung nach Belgien und Frankreich zu fahren. Beim Fringsen wurde meine Tante von Wachposten überrascht und beschossen. Sie hatte bei ihrer Flucht vor den Schüssen meinen fünfjährigen Cousin an der Hand. Zeit seines Lebens mochte er keine Schüsse oder ähnliche Geräusche hören, geriet selbst bei den Böllern zu Silvester in Panik.

Ähnliche Traumata werden die Corona-Pandemie-Kinder erleiden. Letztens sah ich eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, und die sprach so vernünftig, dass ich dachte: „Mädchen, wo ist dein Kindsein geblieben?“ Während dieser Wochen, derweil Spielplätze, Kitas, Kindergärten und Schulen geschlossen sind, Kinder auf die häusliche Umgebung zurückgeworfen sind, eingepfercht mit ihren besorgten und überforderten Eltern, werden sie Konflikte erleben und Worte hören, die nicht geeignet sind für kindliche Seelen. Das zu verkraften, müssen die Corona-Kinder ganz schnell reifen. Zum ersten Mal sah ich gestern eine Mutter mit Kind auf den nicht abgesperrten Spielplatz gehen. Das Kind wirkte ungemein verletzlich, als hätte es in letzter Zeit einiges durchgemacht. Wie Kinder diese Zeit erleben, können wir nur ahnen. So fragil wie ihre Seelen, sind ihre Botschaften. Fast zu Tränen gerührt haben mich unzählige Graffiti auf Gehwegen und Bürgersteigen, gerne vor Haustüren, die ich seit Tagen versäumt habe zu fotografieren.

    Lotte, Johanna, Eli und Henning
    wir vermissen euch
    C+W+L+M

    Hallo Emil,
    wir freuen uns darauf, dich wiederzusehen.

Solche Botschaften finden sich in meinem Viertel in großer Zahl – wie auch Kreidebilder und die typischen Frühlingsboten, die Hüpfekästchen. Nun haben zaghafte Regentropfen und ungezählte Fußsohlen sie schwächer werden lassen. Aber indem Kinder ihre Graffiti hinterlassen, wissen wir, dass sie in den Häusern sind. Wie ihnen dort geschieht, können wir nur ahnen. Mehr dann je haben Kinder bei uns keine Stimme.

Natürlich wird die Krise unterschiedlich erlebt. Der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer schilderte neulich in einer Talkshow, wie prima die Sache mit den Homeschooling bei Kretschmers zu Hause liefe. Da sei nachmittags eine Frau vorbeigekommen und habe die Hausaufgaben für seine Söhne am Gartenzaun abgegeben. Dass es ganz andere Lebenswirklichkeiten gibt, dass viele Kinder eben nicht in einem Haus mit Garten leben, auch keinen Ministerpräsidenten zum Vater haben, dass es in manchen Haushalten nur einen Computer gibt, den sich mehrere Personen teilen müssen, ist ihm wohl nicht in den Sinn gekommen, als er die Situation seiner Kinder verabsolutierte und damit demonstrierte, wie weit unsere politischen Entscheidungstragender sich von denen entfernt haben, denen sie ihre Stellung verdanken.

Der Presse war jüngst zu entnehmen, dass schon vor den Corona-Einschränkungen jedes 5. Kind hungrig zum Unterricht kam, dass also die Schulmensa ihnen die einzige Mahlzeit geboten hat. Seit die Corona-Beschränkungen greifen, sind die hungernden Kinder verborgen in Häusern, wo sie zudem Auseinandersetzungen miterleben, nervliche Zusammenbrüche ihrer Vertrauenspersonen, Verzweiflung, häusliche Gewalt, Missbrauch. Die eigenen Eltern hilflos, ratlos, verängstigt, aggressiv und übergriffig zu erleben, ist sicher eine Erfahrung, die Kinder rascher altern lässt.

In den letzten Tage wurde offenbar, dass die Virologie nur dort exakte Aussagen machen kann, wo sie Tröpfchen zählt. Vieles, was aus Virologenmund kam und die Entscheidungen unserer Politik bestimmt hat, war Hochrechnung, Interpolation, Spekulation und Panikmache. Die Empfehlungen kamen widersprüchlich daher, waren vor allem frei von Überlegungen, welche Kollateralschäden die empfohlenen Maßnahmen haben. Gänzlich vernachlässigt wurde die Tatsache, dass die menschliche Immunabwehr gestärkt werden muss. Mediziner setzten auf ihre Gerätschaften und auf pharmazeutische Lösungen, auch wenn sie derzeit keine bieten können. So lange wird eine ganze Generation von Kindern einem brutalen Stress ausgesetzt, geschwächt und traumatisiert. Außer natürlich die Kinder von Herrn Kretschmer und in ähnlich privilegierten Haushalten.

11 Kommentare zu “Aus dem Off – Gallopierendes Herz

  1. Wie gut! Ich sage es jeden Tag, wo immer ich kann: Ich will das alles nicht. Wegen meines Alters wurde ich zur „besonders schützenswerten Art“ erklärt, aber niemand hat mich je gefragt, ob ich das Leid der Kinder gegen ein paar Lebensjahre eintauschen möchte. Ich liebe das Leben, aber nicht nur mein eigenes. Mehr als mein eigenes liebe ich das Leben der Kinder. Und auf mich selbst kann ich ganz gut aufpassen, da brauche ich kein Lock down und keine Verbote.

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  2. Lieber Jules, die Kreidezeichnungen auf der Straße rühren mich auch seit Wochen. Der Nachbarsjunge darf endlich wieder in den Kindergarten in dir Notbetreuung. Selten in den letzten Wochen habe ich mich so für ihn gefreut wie bei dieser Nachricht.

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