Ein Bettabenteuer

    „Ich kenne einen Schriftsteller, der, nachdem er sich Wochen hindurch vergeblich abgemüht hatte, einen geeigneten Stoff aufzutreiben, endlich auf den possierlichen Gedanken kam, eine Entdeckungsreise unter seine Bettstelle zu veranstalten. Das Ergebnis des waghalsigen und gefährlichen Unternehmens war jedoch, wie jedermann ihm, der es bewerkstelligte, zum voraus hätte sagen können, gleich Null.“
    (Robert Walser, Das Zimmerstück)

Ich habe unter meinem Bett nachgesehen, aber nicht um ein Thema zu finden, sondern weil das undankbare Teil erneut unter mir eingebrochen ist. Vor nun fast elf Jahren ist es schon einmal geschehen. Ich kam von einer pataphysischen Forschungsreise zurück und hatte im ICE gesprächeshalber den ägyptischen Sonnengott Re beleidigt, dessen Name bei Nacht nicht genannt werden darf. Die unbotmäßige Namensnennung war eher versehentlich geschehen, so dass ich hoffte, Re oder Ra würde sie nicht rachsüchtig ahnden. Was dann geschah, hier im O-Ton:

    Gegen zwei Uhr in der Nacht legte ich mich ins Bett und war der Meinung, meine pataphysische Forschungsreise sei nicht nur erfolgreich gewesen, sondern auch ohne nennenswerte Zwischenfälle verlaufen. Sollte der ägyptische Sonnengott, dessen Namen ich vorsichtshalber jetzt nicht erwähne, sollte er einen Groll auf mich gehabt haben, so hatte er mich offenbar nicht gefunden. Im selben Augenblick gab mein Bett Geräusche. Obwohl ich mich nicht bewegte, begann es mehr und mehr zu knarren. Das Knarren ging in ein Knarzen über, dem Geräusch von brechendem Holz. Dann eine Sekunde des Verharrens, und indem ich aufatmete, brach mein Bett ein. Die Matratze sackte unter mir nach unten und blieb dann in der Schwebe.

    Ich machte Licht, stand auf und betrachtete den Schaden. Dazu musste ich das Bettzeug ausräumen und die Matratze hochstellen. Unter der Mitte meines Bettes hatten sich zwei breite Stützen befunden. Beide waren abgebrochen und hatten mir damit einen leisen Schrecken eingejagt. Da musste ich schmunzeln. Offenbar war die verderbliche Anweisung des ägyptischen Sonnengottes nicht ordentlich ausgeführt worden war, als er selbst die Sache nicht überwachen konnte, weil er bekanntlich bei Nacht nicht da ist. Da ich nicht mitten in der Nacht zu tischlern anfangen wollte, schob ich einen alten Setzkasten mitten unter mein Bett und erhöhte ihn durch zwei Versandhauskataloge und die beiden abgebrochenen Bretter. Das hält, und ich schlief ziemlich gut auf dem Relikt der Schwarzen Kunst, den tausendfachen Verheißungen der Kataloge und zwei stabilen Stützbrettern.

Vor einigen Jahren schon hatte mein Sohn den Schaden repariert. Vorgestern am hellen Tag nun dachte ich nichts Böses, erst recht nicht an den ägyptischen Sonnengott. Es bestand keine Veranlassung, denn jede Schmach verjährt doch einmal. Ich ließ mich also arglos auf eine Bettkante sinken. Die Seite brach ohne Weiteres ein. Was heißt hier „ohne Weiteres?“ Ich erwarte nicht, dass mein Bett onomatopoetische Gedichte rezitiert, bevor es einbricht. Aber ein warnendes Knarzen wird man doch wohl verlangen dürfen. Alles ging holterdiepolter, zackzack, ratzfatz – die gesamte Leiste, die das Lattenrost tragen sollte, riss auf voller Länge ab und ließ die Matratze absacken. Wer mir jetzt unterstellt, ich hätte zuviel Bettgymnastik betrieben, erkläre mal bitte, wieso mir tags zuvor am Ende einer wirklich schönen Radtour die Kette gerissen ist, weshalb meine aparte Begleiterin und ich gut vier Kilometer zu Fuß gehen mussten. Plausibler ist, hier eine erneute Bestätigung von Murphys Gesetz anzunehmen: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Gemäß der tröstlichen Erweiterung: „[…] und man findet immer jemanden, der es wieder in Ordnung bringt“, brachte mir meine fürsorgliche Begleiterin gestern sechs Klinkersteine und half mir, die Leiste damit abzustützen. Das brachte Entspannung an der Bettenfront, denn ich kann mir jetzt Zeit lassen, bis die Läden wieder öffnen, um ein neues Bett zu kaufen.