Erinnerungen an Menschen und Dinge

Bisher, das gebe ich zu, habe ich während der Zeit des Corona-Stubenhockens so gut wie gar nichts geschafft, abgesehen von der täglichen Teestübchen-Veröffentlichung, aber die gab es ja auch ohne Stubenarrest. Gerne sitze ich einfach so da, und wenn es in mir unruhig denkt: „Steh endlich auf!“, entgegne ich schlagfertig: „Wieso?“ Ich darf es mir bequem machen. Manche lernen jetzt Mandarin, habe ich gehört. Vor hochansteckendem Selbstoptimierungswahn muss eindringlich gewarnt werden. „Mandarin!“ Ich schäle und genieße ein Mandarinchen.

Und beteilige ich mich lieber am Projekt „Erinnerungen“, zu dem mich Freund Merzmensch eingeladen hat. Ein bisschen fühle ich mich an das Taschenprojekt von Sergej Tretjakow erinnert, die Biographie der Dinge, bei dem aus der Beschreibung der Dinge autobiografische Notizen werden.

Ich möchte beginnen mit einem flachen Ding auf meinem Schreibtisch. Es liegt links von meiner Tastatur, ist grau, etwa so groß wie zwei Handteller, also stattliche Handteller wie von einem ehrlichen Handwerker und vielleicht drei Millimeter hoch, also flacher als der flacheste Handwerker. Ringsum hat es eine unregelmäßige schwarze Kante.

Derzeit steht mein Stövchen darauf, gekrönt von meiner geblümten Teetasse. Was heute nur eine Unterlage ist, habe ich mal sachgemäß als Mousepad genutzt. Es war mir freilich der Kante wegen unangenehm am Handballen. Wer genau hinschaut, entdeckt im Grau des Pads drei Gruppen winziger Schriften. Ich muss nachlesen, es sind Hieroglyphen, koptische und altgriechische Schriftzeichen. Mein Mousepad ist eine Nachbildung des polyglotten Steins von Rosette, mit dessen Hilfe der französische Sprachwissenschaftler Jean-François Champollion die ägyptischen Hieroglyphen entziffert hat.

Vom Frühjahr bis zum Herbst 2009 schrieb ich im Teppichhaus Trithemius auf der Plattform Blog.de den interaktiven Roman: „Die Papiere des Pentagrion.“ Am 26. Oktober 2009, als ich schon früh mein Rad aus der Haustür schob, stand eine neue Postbotin vor mir und war im Begriff gewesen zu klingeln. Ich hielt ihr den Fuß in die Tür. Sie kannte sich offenbar nicht aus, fragte mich, ob im Haus das Teppichhaus Trithemius wäre. Auf dem Klingelbrett sei es nicht aufzufinden. „Ich bin zwar kein ganzes Haus, wie Sie unschwer sehen können, doch der Umschlag ist für mich.“ Sie drückte ihn mir vertrauensvoll in die Hand. Er war nicht sonderlich hübsch, schon mal gebraucht gewesen. Doch der unscheinbare Umschlag enthielt etwas für mich Wunderbares. Der Berliner Blogger, Autor und Verleger Wilhelm Ruprecht Frieling sandte mir den Stein von Rosette als Mousepad, das er jüngst im Britischen Museum erstanden hatte.

Zu jener Zeit waren wir befreundet. Einmal beim „Weltbloggertreffen“ von Blog.de habe ich Ruprecht (Prinz Rupi) Frieling in Berlin getroffen, einmal hat er mich in Hannover besucht. Lange Zeit hatten wir uns in unseren jeweiligen Blogs wechselseitig Kommentare geschickt. Da ging es immer geistreich und witzig zu. Legendär auch unser Verona-Poth-Ähnlichkeitswettbewerb. (Im Bild: Mein Wettbewerbsbeitrag – zum Wettbewerb bitte Bild klicken.) Leider verlor ich nicht nur den Wettbewerb, sondern mit Versinken der Plattform Blog.de auch den Kontakt zu Prinz Rupi. Schade drum.

13 Kommentare zu “Erinnerungen an Menschen und Dinge

  1. Mandarin… ich schaffe noch nicht mal täglich 10 Minuten Yoga. Diese ganzen Selbstoptimierungsaufrufe verursachen bei mir graue Haare. Und dann ist der Friseur dicht! Vielleicht schau ich mal nach den Karnevalsperücken und verkleide mich als Verona Poth. Und dann geh ich Brötchen holen 😉

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  2. Es ist so wunderbar zu wissen, dass Deine Geschichten fast physisch auf dem Stein von Rosetta entstehen. Dieser Stein ist in meinen Augen einer der wichtigsten Schlüssel in der Weltgeschichte – zur Sprache, zur Kultur, zu allem.

    Ich freue mich, dass Du bei unserem Projekt mitmachst und bin gespannt auf andere Dinge von Dir! Ich suche schon auch bei mir (aber es gibt jede Menge davon) 🙂

    blog.de-Zeiten – das war prägende Epoche!

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    • Es hatte tatsächlich etwas Magisches, als ich an den Pentagrionpapieren schrieb. Du hast dich damals ja auch kommentierend daran beteiligt. Du hast Recht: Blog.de-Zeiten waren inspirierend. Leider sind beim Datenbexport sämtliche Bilddateien nicht mit exportiert worde, weil sie vermutlich auf einem separaten Server lagen. Da er erst später abgeschaltet wurde, habe ich den unvollständigen Export nicht bemerkt. Manchmal mach ich mir die Mühe und lade ein altes Bild hoch wie jetzt das von Frielings Mongoleibriefmarke.

      Gespannt auf deinen neuen Beitrag. Beste Grüße aus Hannover, „mit festem Bauchklatsch“ Kurt Anna Trithemius

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  3. Meine liebsten liebsten Blog Artikel handeln von Dingen, von Gegenständen oder Erinnerungen. Das sind meist sehr persönliche Einträge, die ich besonders gern lese. Sie müssen nicht einmal besonders spektakulär sein. Wenn ich einen Blog schon lange verfolge, dann finde ich es einfach sehr interessant welches Ding oder welchen Gegenstand sich der Schreibende herauspickt und was ihm in seinem Alltag richtig ist. Das Mauspad wäre mir wahrscheinlich zu unbequem gewesen, hätte mir aber trotzdem sehr sehr gut gef. Liebe Grüße

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