Zwischen vier und sechs

Er zog sich nur ein frisches Hemd an und ging ungeduscht ins Institut, um einen Termin zu vereinbaren. Die Tür zur Anmeldung war zu. Vor der Praxistür der Ärztin lehnte ein kleines Brett. Zwei Arbeiter kamen daher und fragten was. Er beachtete sie nicht. Auf dem Parkplatz traf er die Ärztin. Er sagte, dass er Schmerzen habe. Sie sagte: „Ich fliege um 15:15 Uhr nach Moskau.“
„Können Sie nicht vorher nach meinem Zahn schauen? Ich war in dieser Sache vor einem halben Jahr bei einem Zahnarzt in einer anderen Stadt. Er hat ihn nur gesäubert und ein Medikament reingelegt.“

Sie fühlte ihm einfach in den Mund und tastete nach dem schmerzenden Zahn. Er wunderte sich, denn sie trug keine Handschuh. Hauptsächlich ärgerte er sich, dass er noch ungeduscht war. Es schien ihr nichts aus zumachen. Eine Weile waren sie zusammen unterwegs, wie er dachte, zu ihrer Praxis. Sie schäkerten miteinander und er duzte sie, entschuldigte sich aber, das wäre ihm rausgerutscht. Als sie lachte, zeigten sich bei ihr einige Zahnlücken. Sie duzte ihn später ebenfalls und küsste ihn auf den Mund. Er sagte: „Sie dürfen mich nicht duzen. Ich bin eine Respektsperson.“

Auf einem Platz waren Bänke aufgestellt. Eine improvisierte Veranstaltung wurde vorbereitet. Eine Gruppe Mensch kam daher und strebte in ein großes Veranstaltungszelt, mit ihnen ein Hauptfeldwebel in Uniform, dem der komplette Unterleib fehlte, ein offenbar Kriegsversehrter. Er sagte über den Hauptfeldwebel: „Wenn man mir im Einsatz den Unterleib weg geschossen hätte, würde ich nicht weiter in Uniform rumlaufen.“ Später tat ihm leid, so unsensibel gewesen zu sein, von rumlaufen konnte ja keine Rede sein, und er schränkte ein: „Naja, vielleicht ist die Bundeswehr sein einziger Halt.“ In der Nähe stand sein Fahrrad. Er holte es und radelte los zu ihrer Praxis. Überall standen riesige Wasserlachen, die er durchfahren musste. Sie brauste mit ihrem BMW davon.

    Ein Traum zwischen der Stunde des Wolfes und sechs Uhr. Der Termin ist um 10:30 Uhr. „Wir machen nur Notfallbehandlung“, sagte Frau Doktor am Telefon.

Journalistische Sorgfalt im Tunnel

In populären Quizsendungen im TV sitzt das Publikum noch traut beisammen, woanders werden Hände geschüttelt. So offenbart sich der Fake dieser Konserven. Einst, es ist vielleicht 15 Jahre her, ich konnte nicht schlafen, und irgendwann habe ich den Fernseher eingeschaltet. Bei der öffentlich-rechtlichen ARD fuhr man wie ein Lokführer über eine der schönsten Eisenbahnlinien der Welt. „Führerstandsmitfahrt“ heißt das. In Österreich war es, glaube ich. Einmal tauchte die Lok in einen langen Tunnel. Zu sehen war nichts. Als ich dachte, och, hier ist es aber finster, da tauchte eine Schrifteinblendung auf:

„Tunneldurchfahrt um drei Minuten gekürzt“

Und dann kam Licht in den Tunnel und man fuhr wieder hinaus in die Landschaft. Von den Schlaflosen vor dem Gerät hätte keiner gemerkt, dass die Tunneldurchfahrt verkürzt war. Dass sie es trotzdem eingeblendet haben, nenne ich journalistische Sorgfalt. Die gleich Sorgfalt würde gebieten, das Aufzeichnungsdatum der oben genannten Konserven einzublenden. Das würde auch die irritierende Erfahrung vermeiden, dass wie gestern im Vorabendprogramm ein schnauzbärtiger Moderator zeitgleich in zwei Formaten zu sehen ist, so dass man sich fragt: „Gibt es also doch Bilokation?

Meine Frage an die Kolleginnen und Kollegen der Qualitätsmedien und der sehr guten Dreckspress: Wo bleibt bei Corona das Positive? Ja, wäre Corona ein Auto, würde es rattern in den Redaktionsoberstübchen, wie man die aktuell 56 Todesfälle als Erfolg bejubeln könnte.

Corona klingt zwar wie eine Automarke, ist aber ein Mikroorganismus. Zu den Coronaopfer in Deutschland fällt euch nur Panikmache ein. Ihr vergesst dabei, wie sensibel wir Menschen sind. Das ist alles schon zuviel, was ihr uns auf allen Kanälen an den Kopf ballert. Da braucht man keinen Mundschutz, sondern Ohrstöpsel und Augenklappe.

Apropos Menschen. Es wird in Polittalkshows und in Ansprachen wieder von „den Menschen“ gesprochen. „Wir müssen den Menschen sagen, …“ Jedes mal denke ich, vielleicht haben die Verschwörungstheoretiker doch Recht, wenn sie glauben, Angela Merkel und ihre Regierungscorana wären Reptiloide.

Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Über Satzarten

Frau Nettesheim
Wollen Sie eine Pause mit dem Corona-Report machen, Trithemius?

Trithemius

Eine Aufforderung in Form eines Fragesatzes. Mein alter Chef während meiner Lehre rief mich mit den Worten: „Du willst mal in die Druckerei kommen.“

Frau Nettesheim
Eine Aufforderung in Form eines Aussagesatzes. Sie wollen eine Pause mit dem Corona-Report machen, Trithemius.

Trithemius

So! Zu Befehl, hohe Frau. Aber Sie wollen sich meine Motive anhören: Als sich die Krise vor Tagen so rasant verschärfte, dachte ich, dass ich dokumentieren soll, wie sich unser Alltag verändert, denn wir wissen ja nicht, wie lange das so geht, was noch kommt und ob es uns gelingt, unbeschadet in die alten Verhältnisse zurückzukehren oder neue geregelte Verhältnisse zu schaffen.

Frau Nettesheim
Zum Glück bin ich eine literarische Kunstfigur und eher marginal beteiligt.

Trithemius

Ich will Ihnen ja nicht Ihre Illusionen nehmen …

Frau Nettesheim
Dann lassen Sie es! Sie wollen das Thema wechseln.

Trithemius

Gestern wurde ich von einer Dame von der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek (GWLB) – Niedersächsische Landesbibliothek gemahnt. Ich solle die Pflichtexemplare meiner Bücher zustellen.

Frau Nettesheim
Warum haben Sie das versäumt?

Trithemius

Weil ich dachte, dafür sei neobooks zuständig. Aber die liefern nur an die Nationalbibliothek. Sie wissen ja: Kulturhoheit der Länder und so. Ich wäre gerne zum Gebäude der GWLB gebummelt, worin ich noch nie gewesen bin, nur um zu sehen, wohin ich meine Bücher gebe.

Frau Nettesheim
Ach so. Entsprechend der Phrase: „Ich freue mich, wenn meine Sachen in gute Hände kommen.“

Trithemius

Sie gucken eindeutig zu viele Quatschsendungen im TV, Frau Nettesheim. Jedenfalls geht das nicht. Die GWLB hat bis zum 19. April geschlossen. Sie können sich denken, warum.

Frau Nettesheim
Dass es ein Datum gibt, finde ich irgendwie tröstlich.

Trithemius

Irgendwie? Ihre sprachliche Unsicherheit, Frau Nettesheim, zeigt mir, dass Sie ein bisschen neben der Spur sind.

Frau Nettesheim
Unverschämter Patron!

Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 4

Die Frage, warum die Leute Toilettenpapier hamstern, beantwortet im Fernsehen eine Supermarktkassiererin so:
„Man muss denen nur in die Augen schauen. Da steht: ‚Ich, ich, ich!’“ Der rücksichtslose Egoismus ist freilich kein Produkt der Krise, tritt jetzt unter den Extrembedingungen nur stärker hervor. In Frau Merkels „marktkonformen Demokratie“ herrscht die neoliberale Doktrin der Individualisierung und Konkurrenz, mithin der Entsolidarisierung. Wo jede/jeder auf sich selbst gestellt ist, wirkt die epidemiologische Forderung nach „sozialer Distanzierung“ wie ein Brandbeschleuniger. Was soll da nur werden? Am Ende ist die Corona-Krise überwunden, aber jeder des anderen Feind.

Im Supermarkt sind die Regale am frühen Nachmittag noch gut bestückt. Nur Toilettenpapier ist weiterhin nicht zu bekommen. Wo es sonst aufgestapelt ist, stehen jetzt Konserven. Das dürfte hart und schmerzhaft werden. Der amerikanische Wissenschaftler Alan Dundes, Professor für Anthropologie und Völkerkunde an der University of California in Berkeley, hat schon 1987 in einer humoristischen Studie den deutschen Nationalcharakter als analfixiert beschrieben. Vermutlich hat er Recht.

Eine Freundin, deren Tochter Kinderpsychologin ist, macht mich auf den derzeitigen Stresstest für Familien aufmerksam. Die Schließung aller Schulen, Kindergärten, Kitas und der Spielplätze trifft natürlich das Prekariat am stärksten. Man mag sich gar nicht vorstellen, was derzeit in Familien geschieht, die ohnehin am Limit ihrer Belastbarkeit sind, in kleinen Wohnungen ohne Balkon und Garten, zusätzlich von materiellen Ängsten geplagt, von häuslicher Gewalt gar nicht zu reden. Und ist bei den Milliardenhilfen, die die Bundesregierung verspricht, wenigstens sichergestellt, dass die Energieversorger derzeit nirgendwo den Strom abstellen? Zwangsräumungen gibt es jedenfalls noch, wie Blogfreund Schreibenwaermt berichtet.

Meine Hände wundern sich, weil sie noch nie so oft und gründlich gewaschen wurden. Um den zusätzlichen Wasserbrauch nicht zu übertreiben, schnitt ich heute erstmalig in meinem Leben meinen Obstsalat mit Handschuhen. Es hat mich aber immer schon geschüttelt, wenn namhafte TV-Spitzenköche ihre Kreationen mit den bloßen Fingern angerichtet haben. Ich hoffe, sie tuns nicht mehr oder sind etwa die Mikroben von den Händen der Sterneköche wichtig für den Geschmack?

Vor Wochen schon sagte ein Freund am Biertisch: „Jens Spahn macht einen guten Job.“ „Warum findest du das?“, fragte ich, „weil er jetzt so oft im Fernsehen zu sehen ist?“ Wie gut er seinen Job macht, wissen wir nicht wirklich. Eine Freundin fand es hingegen beachtlich, dass ein Mann mit erst 39 Jahren eine derartige Aufgabe stemmen könne.“ Ich hielt dagegen, dass er in seinem Ministerium hochqualifizierte Fachleute habe, die im zuarbeiten. Sie wehrte ab: Natürlich habe der eine ganze Corona hinter sich. Sternstunde des Wortspiels! Corona, lat. für Kranz. Daher stammt unser Lehnwort „Krone.“ Jo mei, Corona ist Krone? Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.

Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 3

Ich rufe beim Augenarzt an. Nachdem ich meinen Namen und den heutigen Termin genannt habe, sagt die Arzthelferin:
„Wir wollten den Termin schon absagen, aber Ihre Nummer ging nicht“
„Dann hat sich das ja erledigt, denn ich habe ebenfalls absagen wollen.“
Eine Weile werde ich wohl mit der alten Lesebrille auskommen müssen. Da ich jetzt Zeit eingespart und grad nichts Besseres zu tun habe, erzähle ich die extrem langweilige Geschichte meiner Lesebrille. Ich warne dringend davor, weiter zu lesen. Reklamationen nehme ich nur noch bis zum Doppelpunkt entgegen:

Es muss etwa im Jahr 1998 gewesen sein, als ich noch Deutschlehrer an einem Aachener Gymnasium war. In der 7. Klasse lesen wir einen Text aus dem Lesebuch. Links daneben ist ein zeittypisches Gemälde abgedruckt. Ich frage lahm: „Weiß jemand von euch, aus welcher Zeit das Gemälde stammt?“
Meldet sich ein Junge und sagt: „1847!“
„Ich erstaunt: „Woher weißt du das so genau?“
„Steht doch drunter, Herr van der Ley!“
Da war tatsächlich eine winzige Unterzeile, die ich nicht hatte lesen können. Da wusste ich, dass ich eine Lesebrille brauchte. Gleich am ersten Tag als Brillenbesitzer, habe ich sie auf einem Sessel abgelegt und mich drauf gesetzt. Das Ersatzgestell habe ich bei einer Radtour im Umland von Hannover verloren. Die Sehschärfe ist aber bei allen Brillen gleich geblieben. Da man über kein vergleichendes System verfügt, habe ich erst in den letzten Monaten gemerkt, dass sich meine Sehschärfe verschlechtert hat. Deshalb habe ich vor einer Woche den Termin beim Augenarzt gemacht, der jetzt beidseitig abgesagt wurde.

Unser Treppenhaus wird geputzt. Den Putzleuten gilt meine Hochachtung und Dankbarkeit. Dafür können sie sich nichts kaufen und beeilen sich wegzukommen. Kurz darauf steigt ein Paketbote aus den oberen Etagen herab. Die Arbeit der Paketboten ist nicht wirklich leichter geworden. Früher stiegen sie höchstens bis zur ersten Etage und gaben Pakete bei mir ab, derzeit müssen sie weiter hinauf steigen, denn sie treffen die Kunden zu Hause an. Das erinnert mich an einen Spruch, den ich mal hörte, Picasso oder Dali zugeschrieben: „Die Inspiration trifft mich beim Arbeiten an.“

Aus dem Gebäude der Musikhochschule kommen keine Klänge. Sonst habe ich hier schon gehört, wie leichthändiges Klavierspiel durch offene Fenster auf den Vorplatz wehte. Jetzt ist da nur das eintönige Klimpern von drei Fahnenstangen, an denen magentafarbene Banner flattern. Ich würde erwarten, dass die Fahnenstangen vor einer Musikhochschule verschieden gestimmt sind. Freilich weiß ich nicht, was man mit drei Tönen ausrichten kann. Irgendeine Harmonie sollte möglich sein. Schließlich beherbergt eine Musikhochschule Experten für Wohlklang. (Derzeit leider nicht.)

Das studentische Volk im Georgengarten erfreut sich leichtlebig am Frühlingswetter. Man lagert zusammen auf Wiesen, treibt gemeinsam Sport und kaum jemand kümmert sich um die regierungsamtliche Verordnung zur Absonderung, im Wortlaut „Gesamte Rechtsvorschrift für Absonderung Kranker, Krankheitsverdächtiger und Ansteckungsverdächtiger (…)“, Fassung vom 18.03.2020. Auf der Straße wird wohl Abstand gehalten. „Die Leute halten Abstand und schauen einem nicht mehr in die Augen“, sagte am Telefon Anna Socopuk. Offenbar fällt soziale Distanzierung ohne Augenkontakt leichter.

Soziale Distanz ist der feuchte Traum neoliberaler Demokratiefeinde. Dagegen hilft nur Gemeinschaftssinn. Am Laternenmast vor einem Supermarkt an der Limmerstraße fordert ein handgeletterter Aushang demgemäß: „Solidarität statt Hamstern!“
Schaut einander in die Augen!

Morgens denke ich, dass Toilettenpapier bald die neue Währung sein könnte, mittags zeigt mir eine Freundin einen Videoclip, der bei WhatsApp kursiert. Ich habe meine Lesebrille vergessen, aber meine gesehen zu haben, wie ein Mann in einer Bar seine Cocktails mit Abrissen von einer Klopapierrolle bezahlt.

Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 2

10 Uhr. Ein junger Arbeiter im Blaumann mit Werkzeuggürtel kauft in der Bäckerei frohgemut sein Frühstück ein. Die Summe von 3,65 Euro will er mit einem 50-Euro-Schein bezahlen. Die Bäckereifachverkäuferin lehnt den Schein ab. Bei den wenigen Kunden bislang habe sie kaum etwas eingenommen, so dass sie nicht wechseln könne. Der junge Mann ist zu schnell für mich. Bevor ich reagieren kann und seinen Einkauf bezahle, greift er seinen Schein und eilt davon. Dass ich so langsam war, tut mir doppelt leid, denn er wirkte mit seinem punkig rasierten Schädel und dem Zopf ein wenig rachitisch auf mich – wie einer, den man in seiner Kindheit kaum beachtet hat. Dem hätte es gut getan.

Auf der im Zeitungsständer ausgelegten Bildzeitung fordert Bayerns Ministerpräsident Söder, die Fußballstars sollten auf Millionen verzichten, um die Vereine vor Insolvenz zu bewahren. Welch ein Segen, dass auch an die Multimillionäre und die millionenschweren Vereinsunternehmen gedacht wird. Ich hatte mir schon vor lauter Sorge die Fingernägel abgekaut.

Auch meinen mitgebrachten Brötchenbeutel lehnt die Bäckereifachverkäuferin ab. Natürlich ist die Papiertüte hygienischer, denke ich und stecke den Beutel wieder ein. Beim Einkauf Ressourcen zu schonen, ist derzeit schwer. Ich kaufe wieder abgepacktes Gemüse, denn wer möchte schon kaufen, was 25 „Gemüseexperten“ vorher abgetatscht haben. Auch mag ich gar nicht an all die lebendigen Bäume denken, die jetzt den Klopa-Hamsterkäufen geopfert werden. Die Hersteller von Toilettenpapier wie die WEPA Industrieholding SE können sich über ein fettes Geschäftsjahr freuen und mit ihr der Vorsitzende des Aufsichtsrats Friedrich Merz. Gestern wurde bekannt, dass er positiv auf Corona getestet wurde, obwohl er in Klopapier baden könnte. Scheint also nicht zu helfen.

Teestübchen-Blog-Freund Schreibenwaermt teilt in einem Kommentar mit, dass in Frankfurt die Bordelle geschlossen wurden, weil sie entgegen aller Erwartungen doch nicht systemrelevant seien.

Den Fußweg hoch kommt ein alter Mann, sicher weit über 80 Jahre. Er geht, aufrecht zwar, aber ganz langsam, denn er trägt links und rechts in Beuteln schwer an seinem Einkauf. Für einsame alte Menschen ist diese Zeit doppelt bedrohlich.

In der Natur geht das Grünen und Blühen, das Tirili der Vögel unverdrossen weiter. Es fällt schwer, das mit der Coronabedrohung überein zu bringen. Der Mikrokosmos der Viren und Bakterien ist ja auch Natur. Wäre unser Planet ein Organismus, dann wehrt er sich gerade mit seinem kleinsten gegen den größten Schädling, wobei in Covid 19 einen Schädling zu sehen, die menschliche Sicht ist. Vage erinnere ich mich an eine Fabel. Darin wundern sich die Gänseblümchen: Warum schimpft man über den Wolf, wo er doch die Schafe frisst, die uns abrupfen? Wer kennt die Fabel und kann sie mir nachweisen?

Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 1

In der Apotheke ist ein Absperrband quer vor die Ladentheke gespannt. Ich frage die junge Apothekerin: „Fühlen Sie sich ausreichend geschützt durch die Absperrung?“
„Nein!“, sagt sie. „ Aber was sollen wir machen? Wir müssen ja.“
Freundin Socopuk empfindet „große Genugtuung, dass das Wort ’systemrelevant‘ gerade eine sehr würdige Verwendung in der Berichterstattung findet.“

Ein Mann steht grübelnd vor seinem jüngst aufwendig umgebauten Kiosk, einem Markt, in dem er auch warme Speisen anbietet. Im Kiosk kein Kunde. Er scheint sich zu sorgen, wie er wohl die Pacht für das Ladenlokal aufbringen soll, wenn die Kunden ausbleiben. Die soziale Vernunft würde gebieten, dass auch der Vermieter nichts kassiert, wenn sein Mieter keine Einnahmen hat. Es nutzt ihm doch nichts, wenn der Kioskbetreiber insolvent wird und aufgeben muss.

Samstag 17:30 Uhr im Aldi-Markt, viele leere Regale. An der Kasse frage ich die Kassiererin: „Waren Sie schon jemals zuvor so leer gekauft?“
„Jeden Abend! Wir kommen gar nicht mit dem Einräumen nach.“

Die Scillablüte auf dem Lindener Berg sei im ZDF gezeigt worden, teilt mir Freundin S. mit. Wir wären aber nicht zu sehen gewesen. Klar, wir hatten keine Kameraleute gesehen, als wir dort bummelten. Vermutlich waren wir gerade bei der versteckt liegenden neugotischen Friedhofskapelle, die der Hannoveraner Architekt und Hochschullehrer Conrad Wilhelm Hase entworfen hat. Hase ist mir ein Begriff, weil von ihm der apodiktische Ausspruch stammt:

    „Putz ist Lüge.“

Aus Gründen kaufte ich im Supermarkt beim Vorkassenbäcker ein einzelnes Brötchen.
„Bitteschön!“
„Ich hätte gerne ein Brötchen.“
„Ein ganzes?“
„Ja. – Nein, ein halbes!“

Mensch, Meme und Klopapier

Gibt es einen logischen Grund, warum die Leute weltweit Klopapier hamstern? Auch aus Australien wurde es berichtet. Ich hatte kürzlich flapsig geschrieben, dass die Leute Toilettenpapier kaufen, weil sie Schiss haben. Doch das ist keine Erklärung. Das Hamstern von Toilettenpapier ist ein Kulturphänomen, neudeutsch ein Meme, und wenn es des Beweises bedurfte, dass rationales Handeln die Sache des Menschen nicht ist; an seinem gestörten Verhältnis zu Toilettenpapier ist es ablesbar. Doch das war schon vor der Corona-Pandemie irrational.

Bei einem Poetry-Slams hörte ich vor Jahren einen jungen Slammer von einer ihm furchtbar peinlichen Begegnung im Supermarkt erzählen, wie er nämlich gerade einen 10-er-Pack Toilettenpapier gegriffen hat, und plötzlich steht sein heimlicher Schwarm vor ihm. Da kann er nur verlegen stammeln.
Gegen solche Peinlichkeiten hilft natürlich die Ghettoblaster-Verpackung, die es eine Weile bei einem Drogerie-Discounter zu kaufen gab. Da kann der schamhafte Mensch vor seiner Angebeteten immer noch so tun, als würde er gerade Musik hören. Mir war freilich klar, dass ich einen falschen Ghettoblaster nicht kaufen würde. Ich hätte die Sorge, Ex-Schüler von mir würden mich damit sehen. Man ist und bleibt ja Vorbild als Lehrperson. Obwohl ich in Aachen Lehrer war, hätte ich diese Sorge selbst in Hannover. Kurz nachdem ich nach Hannover-Linden gezogen war und morgens Brötchen für mich und meine Liebste gekauft hatte, hörte ich von einem Balkon, wie eine junge Frauenstimme erstaunt meinen Namen rief, also meinen richtigen mit „Herr“ davor, nicht mein Autorenpseudonym, unter dem man mich in Hannover kennt.

Konnte ja sein, dass eine Exschülerin von Aachen zu ihrem Freund nach Hannover gezogen war, etwa um hier zu studieren. Gerade zupft sie die verwelkten Blüten aus den Geranien, da groove ich mit einer Ghettoblaster-Packung Klopapier am Ohr vorbei. Sie geht rein und sagt: „Stell dir vor: Justament ging mein früherer Deutschlehrer aus Aachen vorbei und horchte doch tatsächlich an einer 10-er-Packung Lokuspapier.“ Und ihr hipper Freund sagt ganz smart: „Dein Deutschlehrer hört Radio mit Klopapier? Was seid ihr da für Freaks in diesem Aachen?“

Lichtblicke – Wenn die Sonne schön scheint

Wenn de Sonn schön schingk
weed et Wedder widder wärm
dann pack sich d’r Pap de Mama en dä Ärm (…)
(De Bläck Fööss)

Zum Wochenende krabbelt die Temperatur erneut über die magische Zehn-Grad-Marke. Wenn sie drei Tage hintereinander über zehn Grad Celsius bleibt, beginnt in der Natur das Grünen. Das Wort Grünen bedeutet Wachsen, niederländisch: „groeien“, schwedisch „gro“, englisch „to grow“. Alle diese Wörter sind verwandt mit dem althochdeutschen Adjektiv „gruoen“, woraus unser Adjektiv „grün“ entstand. „Grün“ ist wiederum eng mit „Gras“ verwandt. Eigentlich bezeichnet unser Farbadjektiv „grün“ demnach wachsendes Gras.

Der Frühling kommt auf leisen Sohlen. Zehn Grad, dann sprießen in den Vorgärten die Frühlingsblumen. Morgen werde ich nachsehen, ob auf dem Lindener Berg die Scillablüte begonnen hat. Dass unsere Vorfahren jedoch nicht die Blumen, sondern das sprießende Gras in ein Wort für Wachsen gefasst haben, ist ein Hinweis auf ihre Lebensweise. Sie waren Ackerbauern und Viehzüchter. Deshalb achteten sie in erster Linie darauf, wenn nach dem harten Winter das Gras wieder wuchs und das Vieh auf die Weiden konnte. Demgemäß staunt der Germane in der Edda, dass es nichts gab, bevor die Welt entstand, nicht einmal Gras.

Urzeit war es, da Ymir hauste:
nicht war Sand noch See noch Salzwogen,
nicht Erde unten, noch oben Himmel,
Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.

(Lieder-Edda, Völuspá 3)

Das Gras grünt. Der Satz ist pleonastisch, denn Gras und Grün bedeuten ja eigentlich das gleiche. Leider ist in der Stadt vom Grünen nicht viel zu sehen. „Da jedermann gehet, waechst kein Grasz“, wusste man schon 1622. Der germanische Schutzgott Heimdall konnte das Gras wachsen hören. Dazu ist der Mensch nur im übertragenen Sinne fähig, und wenn er es noch so hübsch besingt wie The Move in „I Can Hear the Grass Grow“ (1967). Wir hörens nicht vor lauter Gedöns. Egal jetzt. Meinetwegen kann Gras drüberwachsen.

Bleibt gesund und lasst euch nicht verrückt machen!
Teestübchen Trithemius wünscht ein schönes Wochenende

Wie Kevin zum Deppen gemacht wurde

Als Lehrer ertappte ich mich dabei, schriftliche Leistungen in Klassenarbeiten und Klausuren positiver einzuschätzen, wenn sie in schöner Handschrift niedergelegt waren. Die Psychologie weiß aus Untersuchungen, dass die Leistungen schöner Menschen positiver beurteilt werden als die der anderen. Lehrkräfte schätzen Kinder mit Brille intelligenter ein. Über diese gefühlsmäßig beeinflussten Urteile sprachen wir beim HaCK-Treffen am vergangenen Freitag, auch über den Fall Kevin und die Stigmatisierung aller Träger dieses Namens. Wie ist es dazu gekommen?

Im Jahr 2009 wurde vom Spiegel die Studie der Lehramtsabsolventin Julia Kube bekannt gemacht. Sie hatte in ihrer Masterarbeit 2000 Lehrer online zu ihren Namensvorlieben und den zugehörigen Assoziationen befragt. Herausgefunden hat sie, dass Lehrer die Träger bestimmter Namen für intelligenter halten als andere. Eine Lehrerin hatte beim Namen Kevin vermerkt: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose“. Man kann sich vorstellen, wie es zu der „Diagnose“ gekommen ist: Die Lehrerin hatte zufällig zwei, drei schwierige Schüler mit dem Namen Kevin erlebt und in der Umfrage ihrem Ärger Luft gemacht. Die findigen Köpfe in der Spiegelredaktion haben ihren Stoßseufzer sogleich für eine gute Überschrift gehalten. Scheinheilig berichtete man über ungerechte Leistungsbeurteilung, setzte aber mit der Überschrift jedem Kevin die Narrenkappe auf.

Aus Der SPIEGEL, 16.09.2009 – zum Artikel bitte klicken!


Auf diese Weise wurde das Vorurteil der Grundschullehrerin millionenfach verbreitet und von der Presse, die sich gerne beim Spiegel bedient, wieder aufgegriffen, um letztlich von beschränkten Comedians vermeintlich witzig vermarktet zu werden. So drang der Befund einer gestressten Lehrerin ins kollektive Bewusstsein der bildungsbeflissenen Mittelschicht. Kevin verschwand über Nacht aus der Hitliste der beliebtesten Vornamen, wurde zum Schimpfwort und unter Jugendlichen zum Alpha-Kevin. Um sein Wörterbuch der Jugendsprache zu vermarkten, sucht der Langenscheidt Verlag alljährlich per Online-Abstimmung das Jugendwort des Jahres. Im Jahr 2015 hatte sich das Koppelwort „Alpha-Kevin“ an die Spitze gesetzt. Gemeint ist damit ein besonders blöder Junge mit „Diagnose“. Alpha-Kevin war dem Langenscheidt Verlag aber peinlich. Man nahm das Wort aus der Bewertung und entschuldigte sich, man habe keine konkreten Personen beleidigen wollen.

Die Jugendsprache dient wie alle Sondersprachen der Abgrenzung und Identitätsbildung der beteiligten Sprecher. Darum hatte ich arglos angenommen, dass Alpha-Kevin ein Ehrentitel ist und jemanden bezeichnet, den Jugendliche in trotziger Missachtung erwachsener Normen zum Alphatier machen. Denn so funktioniert gesellschaftliche Starbildung. Schon Jeremias Gotthelf zeichnet in seiner Novelle „Die schwarze Spinne“ von 1842 das Bild eines unklugen, wüsten Knechts, der den Mägden gerade deshalb am liebsten von allen ist.

So oder so, wenn Kevins Stigmatisierung durch erwachsene Dumpfbacken in die an sich anarchische Jugendsprache eindringen konnte, spiegelt die Sprache, dass auch etwas bei den Jugendlichen nicht stimmt, indem sie sich nicht mehr abgrenzen. Es ist überhaupt abzulehnen, dass Erwachsene sich aus Gewinnsucht beschreibend in das Geschehen innerhalb der Jugendsprache einmischen. Indem Wörter aus der Jugendsprache in die Medien geraten, wirkt das natürlich auf die Jugendsprache zurück und verändert sie.