Unkeusches Geld und ein Gottesräuber

Ein Gottesräuber ist keiner, der Kirchen ausraubt. Obwohl das Wort nicht mal im Duden steht, weiß ich Gottesräuber, was das ist, denn ich habe keinen irdischen Gegenstand aus der Kirche mitgehen lassen, ich habe Gott höchstpersönlich geraubt. Zum Zeitpunkt meiner Erstkommunion war ich etwa zehn Jahre alt und hatte in der Vorbereitung gelernt, wie man als guter Katholik zu beichten hat. Die Beichte muss aufrichtig sein, sonst ist sie ungültig. Wer nach einer ungültigen Beichte zur Kommunion geht, ist ein Gottesräuber. Meine Erstbeichte war ungültig, und das kam so:

Der alte Fünf-Markschein trug auf seiner Rückseite ein Abbild der nackten Europa auf dem Stier. Ich hatte ich mir die nackten Brüste der Europa angeschaut. Das habe ich gebeichtet, denn mir schien, das fiel unter das 6. Gebot „Unkeuschheit“, zumal ich neuartige, durchaus schöne Regungen in mir verspürt hatte. Ich weiß noch, wie ich im hölzernen Beichtstuhl kniete, meine Beichte herunterleierte, bis ich ans fürchterliche sechste Gebot kam, auf das die Priester immer so neugierig waren. Mit Herzklopfen flüsterte ich meine Todsünde. Der Priester fragte nach: „Hast du das denn absichtlich getan?“ Ich traute mich nicht mit der Wahrheit heraus, sondern sagte: „Nein.“ Er sagte „dann ist es nicht so schlimm“, und erteilte mir die Absolution.

Todsünde! Heidnische Schweinerei auf Geld

Er hätte natürlich sagen können, Abbildungen auf Geld sind nicht unkeusch, Geld überhaupt ist unkeusch, aber weil jeder es irgendwann in die Hand bekommt, ist dessen Betrachtung keine Todsünde. Aber er war genau wie ich völlig verkorkst durch die verklemmte katholische Sexualmoral, ja, er hatte sie mir sogar eingetrichtert und meine kindliche Seele in Gefahr gebracht. Dann, als es am Tag meiner Erstkommunion ununterbrochen geregnet hat, dachte ich folgerichtig, das wäre ein Zeichen göttlichen Unmuts über meinen Gottesraub. Die Strafe war aber irgendwie unlogisch, denn wenn ich Gott geraubt hatte, wurde er ja selber nass.

In unserer Nachbarschaft gab es einen Jungen, der noch mit 17 Jahren Angst vor allem Weiblichen hatte. Wenn die Rede auf Kontakte mit Mädchen kam, schrie er „Küssen? Todsünde!“ Ein Freund von mir hat ihn Jahre später wieder getroffen, als beide in Kiel studierten. Mein Freund sagte, er habe im Leben noch nicht so einen versoffenen, verhurten Kerl gesehen. Mir scheint das die logische Folge von zu lange aufgestauter sexueller Energie zu sein. Wenn der Damm der katholischen Sexualmoral einmal bricht, sind die Folgen verheerend. Vor einer Weile hat Der Bund der Katholischen Jugend in einer vom Papst beauftragten Studie herausgefunden, dass die katholische Sexualmoral für neun von zehn katholischen Jugendlichen keine Rolle spielt. Man kann das aus Sicherheitsgründen nur begrüßen, weil gewiss nicht alle Opfer der verklemmten katholischen Sexualerziehung so manierliche, verantwortungsvolle und artige Menschen werden wie ich.

    „Ich danke es dem lieben Gott tausendmal, dass er mich zum Atheisten hat werden lassen.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

20 Kommentare zu “Unkeusches Geld und ein Gottesräuber

  1. Die verlogene Sexualmoral der katholischen Kirche halte neben ihrem weltweit einheitlichen Anspruch für ihre größte Crux, verbunden mit der Abwaschbeichte.
    Ich verstehe auch nicht, wie die wenigen Priester (Pastoren sind hier automatisch evangelisch), die ich hier kenne schwul und HIV-positiv, diese predigen können.
    Klar gehören zu meinem Umfeld auch praktizierende Katholiken, die ich sehr schätze auch im Rahmen der hiesigen Aidhilfe.
    Ida Ehre gab ihrer Autobiographie den Titel „Gott hat einen größeren Kopf, als Du mein Kind …“ und bezog sich damit auf einen Satz ihrer Mutter.
    Damit kann ich mehr anfangen.

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    • Dein Eingangssatz lässt sich angesichts der vielen MIssbrauchsfälle kaum bestreiten. Gegen praktizierende Katholiken habe ich nichts. Muss jeder selbst entscheiden. Der Satz „Gott hat einen größeren Kopf“ ist ja kurios. Pferde haben auch einen größeren Kopf als Menschenskinder.

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  2. Ich bin der Meinung, daß der Herr Pfaffe ein Gottesbeuger war, obzwar er eigentlich mild mit dir umging und dir die Möglichkeit zur Lüge durchaus in den Mund zu legen schien. Dennoch hätte er den Unterschied zwischen dem was man landläufig als künstlerische Darstellung von Nacktheit und dem tierischen Aspekt einer pösenpösen Porno-Darstellung in seiner Erklärung genauer andeuten können. Immerhin: „…nicht so schlimm“ ist ja auch kalmierend und Rom hätte ihm daraus keinen Vorwurf konstruieren können.
    ‚Mein‘ Beichtvater hatte es da ungleich schwerer: mußte er sich doch mit der Erzählung eines Siebenjährigen auseinandersetzen, der bereits drei Jahre zuvor etliche weibliche Opfer fand, die sich mit ihm gemeinsam unter einem Tisch im Kindergarten ihrer Kleider entledigten, um architektonische Vergleiche um die Art der jeweiligen Konstruktion anzustellen. Die auferlegte Beichte von 3 (drei) Vaterunser und den Vortrag mir zu überlegen, ob ich nicht Priester werden wolle um fürderhin ein gottesfürchtiges Leben ohne fleischeslüsterne Versuchung leben zu können, fand ich dermaßen ungerecht einerseits und anmaßend andererseits, daß ich beschloß, mir solche Fiesematenzen nicht mehr anzutun bzw antun zu lassen. Seit diesem Schlüsselerlebnis bin ich glücklich und zufrieden und mir als Atheist selbst genug – und bin vielleicht einer der Wenigen die sich rühmen dürfen, sich mit neun Jahren bereits die Freiheit genommen zu haben, einem (faden) katholischen Lehrer (damals gab es noch nicht die Möglichkeit, sich vom Unterricht abzumelden) eine Schallende verabreicht zu haben, nachdem mir dieser seinerseits eine Ohrfeige androhte, sollte ich nicht zuhören, was er vorzutragen habe … ich hatte ihn jedoch zuvor gewarnt und gebeten, die Drohung zurückzunehmen; doch machte ihn seine Stellung seiner (falschen) Meinung nach unangreifbar … 😉
    Daß Gott nicht doch für den Dauerregen bei deiner Erstkommunion verantwortlich war, wäre ich an deiner Stelle allerdings nicht sicher. Nachdem er ‚Alles‘ kann, kann er sicher auch jemanden naß werden lassen und selbst trocken bleiben.

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    • Dein letzter Satz ließ mich laut auflachen. Dem wäre nur die Frage entgegen zu halten, ob der Allmächtige eine Mauer bauen kann, so hoch, dass er sie selbst nicht überspringen kann.
      Danke für deinen Erfahrungsbericht. Die Frage des Pfarrers, ob du nicht Priester werden wolltest, nachdem du gerade kindliche Doktorspiele gebeichtet hattest, ist ja auch nicht ohne Komik. Als hättest du dich damit zum Priesteramt qualifiziert 😉

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      • Der Allgegenwärtige hat bestimmt schon so manche Mauer gebaut, die er selbst als Gottes Sohn nicht überspringen konnte – da er aber immer auf allen Seiten der Mauer als Feinstofflichkeit gleichzeitig vorhanden ist, muß er das auch gar nicht 😉 …
        Ich glaub‘ bei mir ja, daß er im Verein mit dem Gehörnten in einem dieser schwarzen Löcher sitzt, die uns alle irgendwann verschlingen werden und die schnapsen sich aus, welcher Planet als nächster dran ist. Hat einer ein Pummerl, kriegt’s ein Sonnensystem nach Wahl des Gewinners ab, welches als nächstes dran ist. Ich schreib‘ das aber nicht gern, denn falls jemand der berufener ist als ich, meine Erkenntnis liest, macht der vielleicht glatt eine neue Philosophie daraus, Neroterik genannt oder so.
        Die Überlegung des Beichtvaters hat mir schon damals gezeigt, daß da offenbar Geisteskräfte mit im Spiel sind, die ich bei mir nicht finden konnte. Mittlerweile bin ich nicht unruhiger geworden und seit ich weiß, daß ‚Selig sind die Armen im Geiste‘ eine gültige Erklärung für meine Widerborstigkeit sein könnte, schlafe ich zwar nicht ruhiger, denke aber, was der Herr nur den Seinen im Schlafe gibt aber mir verweigert: dafür kann ICH doch nix … 😉

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    • Auf dem Dorf war ein Museumsbesuch nicht üblich. Folglich hatte dort auch niemand Aktmalerei gesehen. So war der Fünfmarkschein die einzige Gelegenheit, einmal einen nackten weiblichen Körper zu sehen. Ich hatte vermutlich einen, weil ich mit zehn beim Bauern auf dem Feld Kartoffeln aufgehoben hatte, wofür es 1,20 DM Stundenlohn gab. Zum Vergleich: Ein Glas Kölsch kostete 45 Pfennig.

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  3. Spannend Spannend! Ich habe mich übrigens taufen lassen. Auf eigenen Wunsch. Als ich 10 Jahre alt war. In katholischen Warschau, in der Metropolitenkirche der St. Maria Magdalena, hinter dem Zoo. Das war 1989, Jahr von Solidarność, Widerstand gegen Sowjetische Vorherrschung.

    Der Pfarrer hat für mich extra die Kirche aufmachen lassen. Meine Eltern (die keine Atheisten waren, aber nicht kirchlich,eher weltgläubig), folgten mir. Der Pfarrer zeigte mir die Kirche und sogar führte mich hinter Altar. Nach der russisch-orthodoxen Taufe sassen wir noch stundenlang und sprachen über Gott und die Welt. Der Pfarrer hat wiedeholt gesagt: „Ich bin ohne diese“ und streifte sich die Schultern ab. Er meinte damit die Schulterklappen eines KGB-Grades. Die Russisch-Orthodoxe Kirche war damals (und ist immernoch) von KGB infiltriert.

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    • Spannend finde ich auch deinen Erfahrungsbericht, lieber Freund. Nicht jeder kann von sich sagen, mit der Taufe eine bewusste Entscheidung getroffen zu haben und mit zehn Jahren in Warschau von einem Popen getauft worden zu sein. Danke für den Einblick in eine fremde Welt.

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  4. Wann soll es solche Geldscheine gegeben haben? So einen habe ich noch nie gesehen. Oder waren das DDR-Mark?… Ich schaute mir als Kind oft die vielen barbusigen Damen auf Zeitschriften an. Als einziges Gefühl empfand ich Verwunderung darüber, dass ein derart gewöhnliches, eher etwas langweiliges Motiv zu Hunderten und Aberhunderten jede Woche in ‚zig Varianten wiederholt wurde. Selbst die Fleurop-Minizeitschrift „bunte blumenwelt“ hatte in meinen Augen schönere Titelmotive, nämlich kunstvolle Blumensträuße. Reichte zwar nicht ganz an Geparden, Antilopen und vor allem herrliche Pferde heran, wie ich fand, den sich ähnelnden Damen waren sie jedoch deutlich vorzuziehen. Du siehst, ich war nicht katholisch erzogen ( obwohl so getauft) – ich war ein reines, unschuldiges, die Natur als göttlich empfindendes Meretlein 🙂

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    • Lt. Wikipedia gab es diesen Fünfmarkschein vom 22. März 1950 bis 31. Juli 1966. Du bist vermutlich zu jung, den gesehen zu haben, was auch dein Hinweis auf die Zeitschriftenmotive zeigt. Barbusiges gab es erst ab etwa 1968 zu sehen. Zuvor war der Fünfmarkschein schon eine Sensation im Alltag.Schön, sagen zu können: „Ich war ein reines, unschuldiges, die Natur als göttlich empfindendes Meretlein.“ So sollte es sein.Also, nicht jede/jeder sollte Meret heißen, obwohl es ein hübscher Name ist, aber jeder sollte frei von der verklemmten katholischen Sexualmoral aufwachsen.

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      • Es gibt noch wesentlich verklemmtere Bekenntnisse als den Katholizismus, der zum Ausgleich für entgangene Sinnenfreuden immerhin andere anbot: Üppige Düfte, opulente Bildwerke und Geschichten deftigsten Inhalts, über die man sich im stillen Kämmerlein ein Kopfkino ausdenken konnte. Zudem reichlich Feste mit großen Mahlzeiten, Musik und Ringelpietz. Andere, ich schiele da vorsichtig zu einem im Namen einer großen Religion auftretenden Dichter, Denker und Diktator, erlauben nicht einmal den Anblick hübscher oder auch nur freundlicher Frauengesichter….

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