Neueste Nachrichten vom Stubenhocken

Ich bin der geborene Stubenhocker. Leider hat man mir das lustvolle Zuhausesein schon früh ausgetrieben. Ich erinnere mich an den Jungen, der ich mit 13 Jahren war. Mein Lieblingsort war das Sofa, worauf ich lag, unserer ärmlichen Stube den Rücken zukehrte und las, in der Woche fünf Romane. Der Welt den Rücken zuzukehren, war freilich unwirksam, wenn die Welt an mir zu rütteln begann. Einmal, ich musste mich besonders abschotten, denn meine Mutter hatte die Stühle hoch gestellt und wischte den Boden, da berichtete eine Radiostimme, US-Präsident Kennedy sei einem Attentat zum Opfer gefallen, nämlich erschossen worden. Das war nichts, was ich hören wollte. Dann war die Ruhe dahin. Meine Mutter begann, an mir zu rütteln. Der 22. November 1963 war ja ein Freitag. Drum der Hausputz. Sie wollte, dass ich mich aufraffte, und hinüber zu Schreinerei von Schlafs Kaspar ging. Dort übte in der kalten Jahreszeit freitags das Tambourcorps, und ich sollte nach dem Willen meiner Mutter Mitglied werden und trommeln lernen. Man sehe davon ab, mich einen faulen Sohn zu nennen, der auf dem Sofa liegt, derweil die Mutter schuftet. Zu jener Zeit war ich schon Schritsetzerlehrling, war täglich 12 Stunden unterwegs, samstags sechs Stunden, und hatte kaum Freizeit. Man könnte sagen, die Schüsse von Dallas hätten meine Exerzitien auf dem Sofa beendet. Seitdem habe ich nie mehr Muße zum Stubenhocken gehabt. Immerzu gab es etwas zu lernen, zu machen und zu tun.

Das behördlich verordnete Stubenhocken begrüße ich. Wohl dem, der nicht hinaus in die Kälte muss. Sie ist arktisch unter einer hellen Sonne und dem eisblauen Himmel. Heute um 9:30 UHr wird mir ein weher Zahn gezogen. Danach hoffe ich, wieder anknüpfen zu können, an dem süßen Dasein, das mir mit 13 ausgetrieben wurde. Ich glaube, in Gracians Büchlein Kunst der Weltklugheit steht auch der Rat, man solle nicht sinnlos nach draußen rennen und das Gedränge auf dem Markt vergrößern. Manches Unheil wäre vermieden worden, wenn die Leute einfach zu Hause geblieben wären.

    „Der Weise sei sich selbst genug.“

Man verzeihe die rein männliche Form. Im 17. Jahrhundert wurde noch nichts korrekt gegendert. Ich hatte Zeit, Gracians Handorakel ganz durchzublättern und nach dem Zitat zu suchen. Da wuchs in mir die Gewissheit, dass ich den Rat, das Gedränge auf dem Markt nicht grundlos zu vergrößern, bei Seneca gelesen hatte. Da werde ich später nachschauen.

Ein Rat für Stubenhocker ist mir aber in der Kunst der Weltklugheit aufgefallen.
Als ich einmal einer Freundin per E-Mail zum Geburtstag gratuliert habe, saß ich vor dem Rechner im weißen Hemd. Das festliche Hemd habe ich auch bei der ersten Lesenacht getragen, die ich im Internet veranstaltet habe. Ein Format aus den Anfängen meines Bloggens, das ich bald wiederbeleben will. Es passt gut in diese Zeit des erzwungenen Stubenhockens. Man pflege sich für sich. [Für Gracians Handorakel online klicke den Screenshot.]

13 Kommentare zu “Neueste Nachrichten vom Stubenhocken

    • Mir fielen gestern viele ähnliche Selbstauskünfte auf. Den Sonntag war ich auch herumgeschlumpft – und fühlte mich unwohl dabei. Wir achten ja eigentlich nicht der anderen wegen auf uns.Also lieber in der „Spur“ bleiben. Besser ist das.

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  1. Lieber Jules, die Ruhe tut gut. Trotz allem oder gerade deswegen. Seltsam ist es gerade dennoch normal zu arbeiten und zugleich mehr Zeit zu haben.
    Stubenhocker. Wer hätte gedacht, dass ich das wieder so zu schätzen weiß.

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