Journalistische Sorgfalt im Tunnel

In populären Quizsendungen im TV sitzt das Publikum noch traut beisammen, woanders werden Hände geschüttelt. So offenbart sich der Fake dieser Konserven. Einst, es ist vielleicht 15 Jahre her, ich konnte nicht schlafen, und irgendwann habe ich den Fernseher eingeschaltet. Bei der öffentlich-rechtlichen ARD fuhr man wie ein Lokführer über eine der schönsten Eisenbahnlinien der Welt. „Führerstandsmitfahrt“ heißt das. In Österreich war es, glaube ich. Einmal tauchte die Lok in einen langen Tunnel. Zu sehen war nichts. Als ich dachte, och, hier ist es aber finster, da tauchte eine Schrifteinblendung auf:

„Tunneldurchfahrt um drei Minuten gekürzt“

Und dann kam Licht in den Tunnel und man fuhr wieder hinaus in die Landschaft. Von den Schlaflosen vor dem Gerät hätte keiner gemerkt, dass die Tunneldurchfahrt verkürzt war. Dass sie es trotzdem eingeblendet haben, nenne ich journalistische Sorgfalt. Die gleich Sorgfalt würde gebieten, das Aufzeichnungsdatum der oben genannten Konserven einzublenden. Das würde auch die irritierende Erfahrung vermeiden, dass wie gestern im Vorabendprogramm ein schnauzbärtiger Moderator zeitgleich in zwei Formaten zu sehen ist, so dass man sich fragt: „Gibt es also doch Bilokation?

Meine Frage an die Kolleginnen und Kollegen der Qualitätsmedien und der sehr guten Dreckspress: Wo bleibt bei Corona das Positive? Ja, wäre Corona ein Auto, würde es rattern in den Redaktionsoberstübchen, wie man die aktuell 56 Todesfälle als Erfolg bejubeln könnte.

Corona klingt zwar wie eine Automarke, ist aber ein Mikroorganismus. Zu den Coronaopfer in Deutschland fällt euch nur Panikmache ein. Ihr vergesst dabei, wie sensibel wir Menschen sind. Das ist alles schon zuviel, was ihr uns auf allen Kanälen an den Kopf ballert. Da braucht man keinen Mundschutz, sondern Ohrstöpsel und Augenklappe.

Apropos Menschen. Es wird in Polittalkshows und in Ansprachen wieder von „den Menschen“ gesprochen. „Wir müssen den Menschen sagen, …“ Jedes mal denke ich, vielleicht haben die Verschwörungstheoretiker doch Recht, wenn sie glauben, Angela Merkel und ihre Regierungscorana wären Reptiloide.

9 Kommentare zu “Journalistische Sorgfalt im Tunnel

  1. Scharfer dualistischer Titel würde ich meinen … 😉
    Ich assoziierte bei ihm sinngemäß mit dem später gelesenen Gedanken „Als ich dachte, och, hier ist es aber finster“ und nicht mit Verkehrstoten oder Dejavu-Erlebnissen – war vermutlich auch nicht ganz falsch.
    Von mir praktizierter Tip gegen Reizüberflutung mit Nonsens: (virtuelle) Scheuklappen und Ohrenstöpsel, soweit möglich. Blogbeiträge, wo das Reizwort ‚Corona‘ im Titel vorkommt, lese ich nicht – manche Betreiber erstellen seit Wochen keine anderen Themen mehr. Und da denk‘ ich mir: eigentlich isses bei denen im Oberstübchen so finster wie in einem Eisenbahntunnel, dessen Videodurchfahrt man um 3 Minuten kürzen muß, um die Synapsen nicht zum Gähnen zu bringen; und melde mich anschließend bei jenen per Klick ab.

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    • Danke fürs Lob. Mir ist erst später aufgefallen, dass er polyfunktional ist. Ich habe Corona jetzt weggelassen, nachdem ich gemerkt habe, dass bei vielen die Nerven blank liege. Da muss ich nicht auch noch mitmischen. Lieber etwas mäßigen.

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  2. Der Virus lauert inzwischen überall und ist natürlich auch zum Quotenbringer geworden. Wir müssen jetzt wieder das richtige Maß finden, nachdem wir über Monate so getan haben, als ginge es uns nichts an. Normalität wird so schnell nicht wieder einkehren, aber etwas Besonnenheit wäre nicht schlecht.

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      • Ich nehme an, dass in den nächsten Tagen alle damit beschäftigt sein werden, Ruhe zu propagieren. Besonders für den Fall der Ausgangssperre. Die ist sonst nicht zu ertragen. Da brauchen wir unsere tägliche Dosis Spaß, Wissen, Unterhaltung, Bewegung und schlicht und einfach Ablenkung. Truppenbetreuung hieß das mal.

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