Kaffeeplausch mit Frau Nettesheim – Über Satzarten

Frau Nettesheim
Wollen Sie eine Pause mit dem Corona-Report machen, Trithemius?

Trithemius

Eine Aufforderung in Form eines Fragesatzes. Mein alter Chef während meiner Lehre rief mich mit den Worten: „Du willst mal in die Druckerei kommen.“

Frau Nettesheim
Eine Aufforderung in Form eines Aussagesatzes. Sie wollen eine Pause mit dem Corona-Report machen, Trithemius.

Trithemius

So! Zu Befehl, hohe Frau. Aber Sie wollen sich meine Motive anhören: Als sich die Krise vor Tagen so rasant verschärfte, dachte ich, dass ich dokumentieren soll, wie sich unser Alltag verändert, denn wir wissen ja nicht, wie lange das so geht, was noch kommt und ob es uns gelingt, unbeschadet in die alten Verhältnisse zurückzukehren oder neue geregelte Verhältnisse zu schaffen.

Frau Nettesheim
Zum Glück bin ich eine literarische Kunstfigur und eher marginal beteiligt.

Trithemius

Ich will Ihnen ja nicht Ihre Illusionen nehmen …

Frau Nettesheim
Dann lassen Sie es! Sie wollen das Thema wechseln.

Trithemius

Gestern wurde ich von einer Dame von der Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Bibliothek (GWLB) – Niedersächsische Landesbibliothek gemahnt. Ich solle die Pflichtexemplare meiner Bücher zustellen.

Frau Nettesheim
Warum haben Sie das versäumt?

Trithemius

Weil ich dachte, dafür sei neobooks zuständig. Aber die liefern nur an die Nationalbibliothek. Sie wissen ja: Kulturhoheit der Länder und so. Ich wäre gerne zum Gebäude der GWLB gebummelt, worin ich noch nie gewesen bin, nur um zu sehen, wohin ich meine Bücher gebe.

Frau Nettesheim
Ach so. Entsprechend der Phrase: „Ich freue mich, wenn meine Sachen in gute Hände kommen.“

Trithemius

Sie gucken eindeutig zu viele Quatschsendungen im TV, Frau Nettesheim. Jedenfalls geht das nicht. Die GWLB hat bis zum 19. April geschlossen. Sie können sich denken, warum.

Frau Nettesheim
Dass es ein Datum gibt, finde ich irgendwie tröstlich.

Trithemius

Irgendwie? Ihre sprachliche Unsicherheit, Frau Nettesheim, zeigt mir, dass Sie ein bisschen neben der Spur sind.

Frau Nettesheim
Unverschämter Patron!

Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 4

Die Frage, warum die Leute Toilettenpapier hamstern, beantwortet im Fernsehen eine Supermarktkassiererin so:
„Man muss denen nur in die Augen schauen. Da steht: ‚Ich, ich, ich!’“ Der rücksichtslose Egoismus ist freilich kein Produkt der Krise, tritt jetzt unter den Extrembedingungen nur stärker hervor. In Frau Merkels „marktkonformen Demokratie“ herrscht die neoliberale Doktrin der Individualisierung und Konkurrenz, mithin der Entsolidarisierung. Wo jede/jeder auf sich selbst gestellt ist, wirkt die epidemiologische Forderung nach „sozialer Distanzierung“ wie ein Brandbeschleuniger. Was soll da nur werden? Am Ende ist die Corona-Krise überwunden, aber jeder des anderen Feind.

Im Supermarkt sind die Regale am frühen Nachmittag noch gut bestückt. Nur Toilettenpapier ist weiterhin nicht zu bekommen. Wo es sonst aufgestapelt ist, stehen jetzt Konserven. Das dürfte hart und schmerzhaft werden. Der amerikanische Wissenschaftler Alan Dundes, Professor für Anthropologie und Völkerkunde an der University of California in Berkeley, hat schon 1987 in einer humoristischen Studie den deutschen Nationalcharakter als analfixiert beschrieben. Vermutlich hat er Recht.

Eine Freundin, deren Tochter Kinderpsychologin ist, macht mich auf den derzeitigen Stresstest für Familien aufmerksam. Die Schließung aller Schulen, Kindergärten, Kitas und der Spielplätze trifft natürlich das Prekariat am stärksten. Man mag sich gar nicht vorstellen, was derzeit in Familien geschieht, die ohnehin am Limit ihrer Belastbarkeit sind, in kleinen Wohnungen ohne Balkon und Garten, zusätzlich von materiellen Ängsten geplagt, von häuslicher Gewalt gar nicht zu reden. Und ist bei den Milliardenhilfen, die die Bundesregierung verspricht, wenigstens sichergestellt, dass die Energieversorger derzeit nirgendwo den Strom abstellen? Zwangsräumungen gibt es jedenfalls noch, wie Blogfreund Schreibenwaermt berichtet.

Meine Hände wundern sich, weil sie noch nie so oft und gründlich gewaschen wurden. Um den zusätzlichen Wasserbrauch nicht zu übertreiben, schnitt ich heute erstmalig in meinem Leben meinen Obstsalat mit Handschuhen. Es hat mich aber immer schon geschüttelt, wenn namhafte TV-Spitzenköche ihre Kreationen mit den bloßen Fingern angerichtet haben. Ich hoffe, sie tuns nicht mehr oder sind etwa die Mikroben von den Händen der Sterneköche wichtig für den Geschmack?

Vor Wochen schon sagte ein Freund am Biertisch: „Jens Spahn macht einen guten Job.“ „Warum findest du das?“, fragte ich, „weil er jetzt so oft im Fernsehen zu sehen ist?“ Wie gut er seinen Job macht, wissen wir nicht wirklich. Eine Freundin fand es hingegen beachtlich, dass ein Mann mit erst 39 Jahren eine derartige Aufgabe stemmen könne.“ Ich hielt dagegen, dass er in seinem Ministerium hochqualifizierte Fachleute habe, die im zuarbeiten. Sie wehrte ab: Natürlich habe der eine ganze Corona hinter sich. Sternstunde des Wortspiels! Corona, lat. für Kranz. Daher stammt unser Lehnwort „Krone.“ Jo mei, Corona ist Krone? Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht.