Dinge des Lebens – Corona-Report, Tag 3

Ich rufe beim Augenarzt an. Nachdem ich meinen Namen und den heutigen Termin genannt habe, sagt die Arzthelferin:
„Wir wollten den Termin schon absagen, aber Ihre Nummer ging nicht“
„Dann hat sich das ja erledigt, denn ich habe ebenfalls absagen wollen.“
Eine Weile werde ich wohl mit der alten Lesebrille auskommen müssen. Da ich jetzt Zeit eingespart und grad nichts Besseres zu tun habe, erzähle ich die extrem langweilige Geschichte meiner Lesebrille. Ich warne dringend davor, weiter zu lesen. Reklamationen nehme ich nur noch bis zum Doppelpunkt entgegen:

Es muss etwa im Jahr 1998 gewesen sein, als ich noch Deutschlehrer an einem Aachener Gymnasium war. In der 7. Klasse lesen wir einen Text aus dem Lesebuch. Links daneben ist ein zeittypisches Gemälde abgedruckt. Ich frage lahm: „Weiß jemand von euch, aus welcher Zeit das Gemälde stammt?“
Meldet sich ein Junge und sagt: „1847!“
„Ich erstaunt: „Woher weißt du das so genau?“
„Steht doch drunter, Herr van der Ley!“
Da war tatsächlich eine winzige Unterzeile, die ich nicht hatte lesen können. Da wusste ich, dass ich eine Lesebrille brauchte. Gleich am ersten Tag als Brillenbesitzer, habe ich sie auf einem Sessel abgelegt und mich drauf gesetzt. Das Ersatzgestell habe ich bei einer Radtour im Umland von Hannover verloren. Die Sehschärfe ist aber bei allen Brillen gleich geblieben. Da man über kein vergleichendes System verfügt, habe ich erst in den letzten Monaten gemerkt, dass sich meine Sehschärfe verschlechtert hat. Deshalb habe ich vor einer Woche den Termin beim Augenarzt gemacht, der jetzt beidseitig abgesagt wurde.

Unser Treppenhaus wird geputzt. Den Putzleuten gilt meine Hochachtung und Dankbarkeit. Dafür können sie sich nichts kaufen und beeilen sich wegzukommen. Kurz darauf steigt ein Paketbote aus den oberen Etagen herab. Die Arbeit der Paketboten ist nicht wirklich leichter geworden. Früher stiegen sie höchstens bis zur ersten Etage und gaben Pakete bei mir ab, derzeit müssen sie weiter hinauf steigen, denn sie treffen die Kunden zu Hause an. Das erinnert mich an einen Spruch, den ich mal hörte, Picasso oder Dali zugeschrieben: „Die Inspiration trifft mich beim Arbeiten an.“

Aus dem Gebäude der Musikhochschule kommen keine Klänge. Sonst habe ich hier schon gehört, wie leichthändiges Klavierspiel durch offene Fenster auf den Vorplatz wehte. Jetzt ist da nur das eintönige Klimpern von drei Fahnenstangen, an denen magentafarbene Banner flattern. Ich würde erwarten, dass die Fahnenstangen vor einer Musikhochschule verschieden gestimmt sind. Freilich weiß ich nicht, was man mit drei Tönen ausrichten kann. Irgendeine Harmonie sollte möglich sein. Schließlich beherbergt eine Musikhochschule Experten für Wohlklang. (Derzeit leider nicht.)

Das studentische Volk im Georgengarten erfreut sich leichtlebig am Frühlingswetter. Man lagert zusammen auf Wiesen, treibt gemeinsam Sport und kaum jemand kümmert sich um die regierungsamtliche Verordnung zur Absonderung, im Wortlaut „Gesamte Rechtsvorschrift für Absonderung Kranker, Krankheitsverdächtiger und Ansteckungsverdächtiger (…)“, Fassung vom 18.03.2020. Auf der Straße wird wohl Abstand gehalten. „Die Leute halten Abstand und schauen einem nicht mehr in die Augen“, sagte am Telefon Anna Socopuk. Offenbar fällt soziale Distanzierung ohne Augenkontakt leichter.

Soziale Distanz ist der feuchte Traum neoliberaler Demokratiefeinde. Dagegen hilft nur Gemeinschaftssinn. Am Laternenmast vor einem Supermarkt an der Limmerstraße fordert ein handgeletterter Aushang demgemäß: „Solidarität statt Hamstern!“
Schaut einander in die Augen!

Morgens denke ich, dass Toilettenpapier bald die neue Währung sein könnte, mittags zeigt mir eine Freundin einen Videoclip, der bei WhatsApp kursiert. Ich habe meine Lesebrille vergessen, aber meine gesehen zu haben, wie ein Mann in einer Bar seine Cocktails mit Abrissen von einer Klopapierrolle bezahlt.