Mensch, Meme und Klopapier

Gibt es einen logischen Grund, warum die Leute weltweit Klopapier hamstern? Auch aus Australien wurde es berichtet. Ich hatte kürzlich flapsig geschrieben, dass die Leute Toilettenpapier kaufen, weil sie Schiss haben. Doch das ist keine Erklärung. Das Hamstern von Toilettenpapier ist ein Kulturphänomen, neudeutsch ein Meme, und wenn es des Beweises bedurfte, dass rationales Handeln die Sache des Menschen nicht ist; an seinem gestörten Verhältnis zu Toilettenpapier ist es ablesbar. Doch das war schon vor der Corona-Pandemie irrational.

Bei einem Poetry-Slams hörte ich vor Jahren einen jungen Slammer von einer ihm furchtbar peinlichen Begegnung im Supermarkt erzählen, wie er nämlich gerade einen 10-er-Pack Toilettenpapier gegriffen hat, und plötzlich steht sein heimlicher Schwarm vor ihm. Da kann er nur verlegen stammeln.
Gegen solche Peinlichkeiten hilft natürlich die Ghettoblaster-Verpackung, die es eine Weile bei einem Drogerie-Discounter zu kaufen gab. Da kann der schamhafte Mensch vor seiner Angebeteten immer noch so tun, als würde er gerade Musik hören. Mir war freilich klar, dass ich einen falschen Ghettoblaster nicht kaufen würde. Ich hätte die Sorge, Ex-Schüler von mir würden mich damit sehen. Man ist und bleibt ja Vorbild als Lehrperson. Obwohl ich in Aachen Lehrer war, hätte ich diese Sorge selbst in Hannover. Kurz nachdem ich nach Hannover-Linden gezogen war und morgens Brötchen für mich und meine Liebste gekauft hatte, hörte ich von einem Balkon, wie eine junge Frauenstimme erstaunt meinen Namen rief, also meinen richtigen mit „Herr“ davor, nicht mein Autorenpseudonym, unter dem man mich in Hannover kennt.

Konnte ja sein, dass eine Exschülerin von Aachen zu ihrem Freund nach Hannover gezogen war, etwa um hier zu studieren. Gerade zupft sie die verwelkten Blüten aus den Geranien, da groove ich mit einer Ghettoblaster-Packung Klopapier am Ohr vorbei. Sie geht rein und sagt: „Stell dir vor: Justament ging mein früherer Deutschlehrer aus Aachen vorbei und horchte doch tatsächlich an einer 10-er-Packung Lokuspapier.“ Und ihr hipper Freund sagt ganz smart: „Dein Deutschlehrer hört Radio mit Klopapier? Was seid ihr da für Freaks in diesem Aachen?“

17 Kommentare zu “Mensch, Meme und Klopapier

  1. Das Toilettenpapier ist ein Phänomen. Amüsant bei dir davon zu lesen. Ich hatte auf Facebook gepostet, dass ich jetzt jedes Mal Blumen kaufe, wenn ich sehe, dass Klopapier alle ist.
    Das Experiment breche ich nun mangels Vasen, Krügen und Stellplatzproblemen ab 😉🙈

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  2. Diese Sache mit den Memes haben meine Kinder mir zu erklären versucht, eher halbherzig muss ich sagen, denn sie waren wohl der Auffassung, für jemanden, der als heißen Scheiß empfindet, was für sie Alltag ist, kommt jede Erklärung tatsächlich (😊) zu spät. Überhaupt nicht wundert mich das beinahe weltweite Phänomen der Rollenhortung, weil das Peinlichkeitsgefühl nach beendetem Geschäft ohne Papier ebenfalls universell sein dürfte.

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  3. Klopapier war zumindest einmal eine Art Kulturgut. Mit einer selbstgehäkelten „Mütze“ auf dem Kofferraumdeckel der Familienkarosse ließ man sich auf der Straße gern sehen, obwohl, wenn ich es recht bedenke, war das vielleicht der Vorgänger des Ghettoblasters.

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