Faustischer Buchdruck – Die Lib zu Christinen – Verrat im Morgengrauen der Schwarzen Kunst

Im geschätzten Archivalia-Blog von Klaus Graf ist eine Rezension von Buchkultur im Abendrot erschienen, wortgleich beim Bibliotheksboten Netbib. Aus diesem erfreulichen Anlass eine Abbildung und ein Kapitel aus dem Buch:
Das Besondere an der Erfindung des Buchdrucks ist die bewegliche Druckletter aus Metall, genauer aus Blei, Zinn und Antimon. Als der Goldschmied Johannes Gensfleisch, genannt Gutenberg, um das Jahr 1435 damit experimentierte, weihte er den Kalligraphen Peter Schöffer in seine noch geheim gehaltene „aventur und kunst“ ein, wie Gutenberg sein Unternehmen verschleiernd nannte. Schöffer sollte vermutlich bei der Gestaltung der Drucklettern helfen, denn Gutenberg hatte den Ehrgeiz, seine Drucke wie handgeschrieben aussehen zu lassen. Das erklärt die herausragende Qualität seines Meisterstücks, der 42-zeiligen Bibel.

Das hiermit aufziehende Zeitalter des Buchdrucks beginnt mit einem Wirtschaftsverbrechen, das erst Mitte des 19. Jahrhunderts aufgedeckt wurde. Bis dahin galt nicht Johannes Gutenberg, sondern der Mainzer Anwalt und Geldverleiher Johannes F(a)ust als Erfinder des Buchdrucks. Am Anfang dieses historischen Irrtums steht ein kapitalistisches Lehrstück. Gutenberg hatte sich von Johannes Fust mehrmals Geld geliehen, zuletzt 800 Taler für den Druck der 42-zeiligen Bibel. Als die Bibel beinahe fertig gedruckt war, verlangte Fust sein Darlehen zurück, weil Gutenberg es angeblich zweckentfremdet hatte. Gutenberg konnte nicht zahlen, und so ließ Fust seine Werkstatt pfänden, um sich in den Besitz der Druckerei zu bringen. Vorher schon hatte er Gutenbergs Gehilfen Peter Schöffer zu seinem Kumpanen gemacht. Schöffer wurde später sein Schwiegersohn. Es kam zu einem Prozess, den Gutenberg verlor. Er erschien nicht einmal selbst vor Gericht. Denn als er erfuhr, dass Schöffer mit Fust gemeinsame Sache machte, wusste Gutenberg, dass er verloren hatte. Die Geschichte wird in dieser Werbeanzeige hübsch illustriert dargestellt. Die Motive des Verräters Peter Schöffer habe ich in der Dramatisierung „Die Lib zu Christinen“ erzählt, zu lesen am Schluss des Kapitels.

„Fust wins suit. Gutenberg loses shirt“ (Geschäftsanzeige in: Upper and lower case, 1/1983)
Die opulente Federzeichnung zeigt das Schurkenstück wie Johannes Fust sich in den Besitz der Erfindung Gutenbergs setzt. Gezeigt ist Gutenbergs Druckerei, darin der verzweifelte Gutenberg mit der 42-zeiligen Bibel in der Hand, hinter ihm ein Büttel, der die Hand auf seine Schulter legt, daneben der skrupellose Fust, der die Schuldverschreibung präsentiert. Einer der vier Gesellen im Hintergrund muss Gutenbergs erster Gehilfe, der ehemalige Kalligraph Peter Schöffer sein. Die Hintergründe habe ich in der Dramatisierung „Die Lib zu Christinen“ erzählt.

Wir schlüpfen in die Haut von Peter Schöffer:

Du hast Eisblumen am Fenster und bibberst in deinem Bettkasten. Es will dir nicht warm werden. Du hast einfach zu lange in der Hofeinfahrt gestanden. Wie hast du in der Finsternis gewartet. Gezittert hast du unter deinem Umhang, und verflucht hast du dein elend dünnes Wams. Ja, das war in Paris ein anderes Leben gewesen. Dort konntest du dich besser kleiden, in der Zeit, als man deine Dienste benötigte. Für deine Schrift hat man dich gelobt, dich gut bezahlt, wenn du ihnen ein Blatt in der Gebrochenen geschrieben hast, die du so artig zu schreiben verstehst. Deshalb hat der Gensfleisch dich auch haben wollen. Er vermochte es nicht selbst. Das Alphabet von deiner Hand hat er sich fragen müssen von dir.
„Als Vorbild“, hat der Gensfleisch gesagt. Und du hast gewusst, dass er mehr von dir wollte als ein geschrieben Blatt.
„Wenn’s ein Vorbild sein soll, dann ist es nicht wohlfeil. Du wirst mich in deine Kunst einweisen müssen!“, hast du erwidert, und der Gensfleisch hat dir deinen Willen lassen müssen. Er ist ein Technicus dieser Gensfleisch. Woran ihr gemeinsam schafft, das wird gut. Die Tryckkunst, das Prenten, es wird euch reiche Frucht eintragen. Doch noch ist das Säckel leer, der Lohn ist karg. Wie sollst du dir also ein Winterwams zulegen?
„Ach, Christine, warum lässt du mich warten!“ seufzest du in die Nacht hinein. Einmal nur spüren, wie ihr Atemhauch das Gesicht dir streift, einmal nur ihre Hände halten, einmal nur merken, wie ihr Busen sich im Seufzer hebt. Da! Ein flackernd Licht hinterm Fenster!
„Bist du es, Christine, Geliebte mein?“
„Ja, mein Peter, ich konnt’s nicht eher richten. Der Vater hat mich nicht ausgelassen. Er ahnt etwas, Peter, du bist in Gefahr. Er wird die Mordbuben nach dir senden.“
„Das soll mich nicht schrecken“, hast du gesagt. Doch kalt ist dir geworden. Und ehe Christine dich hat erwärmen können, ist sie auch schon fort. Nur ein flüchtiger Kuss ward dir gegeben.
Nun will auch dein Bett dich nicht wärmen, und wie du noch jammerst, wird jäh dir eng ums Herze. Du liegst starr: Was atmet da in der Finsternis? Du bist nicht allein in deiner finstren Kammer! Ein meckernd Lachen. Und dann erhebt sich eine Stimme, sie ist dir wie Grollen und Gewitterhall:
„Was wagst du es, Schöffer Peter, unter meinen Augen meine Tochter zu freien?! Du wirst mir Rechenschaft ablegen, Bube! Und kommst du nicht aus, musst du mir zu Willen sein!“
Und so ist es in dieser Nacht zur Verabred mit dem Fust gekommen. Christinen will er dir geben. Doch du musst falsch Zeugnis ablegen gegen den Gensfleisch vor Gericht. Auch sollst du den Fust in der Kunst des Gensfleisch unterweisen. Er will mit dir vollenden, was der Gensfleisch nimmer vollenden wird. Morgen wird der Fust die Gerichtsbüttel holen und herüber kommen zu des Gensfleisch Werkstatt. Du sollst dich raushalten, hat Fust dir gesagt, denn der Gensfleisch soll nit wissen, was die Verabred ist, er ist ein jäher Meister.
“Willst du leiden, dass er dir ans Leben geht? Ich brauche dich, Schöffer Peter, wir beide haben einen Pakt.“
„Hab nit drauf geschworen!“
„Doch, du hast! ‚Sonst soll mich der Gottseibeiuns holen‘, ich hab’s von deiner Hand auf dem Kontrakt! Und willst du nicht auch mein Eidam werden?“

5 Kommentare zu “Faustischer Buchdruck – Die Lib zu Christinen – Verrat im Morgengrauen der Schwarzen Kunst

  1. Pingback: Tunk nie ein Knie ein, Knut! | Archivalia

  2. Das Blöde an Kurzprosa ist gleichzeitig das Gute daran: Ich vergesse sie meist recht schnell, aber wenn ich sie dann wieder lese, kann ich sie erneut genießen.
    Klaus Graf hat recht, da Du im Impressum als Verleger genannt bist, bist Du auch auch verantwortlich für die Pflichtexemplarsabgabe. Das muß man natürlich wissen, ein Versäumnis von epubli, daß sie Dich nicht darauf hingewiesen haben. Soviel ich weiß, müssen übrigens auch zwei Pflichtexemplare kostenlos an die Nationalbibliothek in Frankfurt geliefert werden.

    Liken

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