Flackernde Lichter

Derweil das Gezweig der Bäume noch kahl ist, sehe ich bei Dunkelheit durch eines der nördlichen Fenster die Lichter des Schnellwegs. Sie scheinen zu flackern, aber das liegt wohl an der mächtigen Fichte weiter hinten, wenn sich deren Wedel im Wind bewegen und die Lichter ab und zu verdecken. Jedenfalls sitze ich vor dem Schlafengehen lange da und schaue hinüber, wo die Lichter des Schnellwegs blinken. Da werden Erinnerungen losgetreten, denen ich mich bei Nacht gerne hingebe, indem ich mich in Hannover fast zu Hause fühle.

St. Marienthal – Foto: JvdL


St. Marienthal, ein Kloster im äußersten Osten der Republik an der Grenze zu Polen und unweit von Tschechien. Oft bin ich da gewesen, aber immer im Winter. Hier im östlichsten Zipfel Deutschlands sinkt die Dunkelheit früh herab, so dass ich im Finstern eintraf nach einer Anreise aus dem 762 Kilometer entfernten Aachen, Deutschland querdurch. Während in Aachen bedingt durch ständige Westwinde ein gemäßigtes Klima herrscht, war es in Marienthal immer bitterkalt. Nirgendwo habe ich mich je so verloren gefühlt wie an diesem einsamen Ort.

Man könnte mir nachsagen, ich sei zu empfindsam, die lange Fahrt habe meine Sinne überreizt. Ich wende ein und gebe zu bedenken, dass für einen Rheinländer direkt hinter dem Rhein die eurasische Steppe beginnt.

Das Kloster Marienthal ist mit Mitteln der Bundesstiftung Umwelt zur Begegnungsstätte mit Seminarräumen und Gästezimmern ausgebaut worden. Die befinden sich in verstreuten Bauten rund um den inneren Bereich des Klosters. Der ist gewöhnlichen Menschen verschlossen. Nur manchmal tritt eine geisterhaft wirkende Nonne aus der Mauerpforte. Man kann sie auch im Klosterladen treffen, wenn einem daran gelegen ist. Das Gebäudeensemble liegt im Tal der Neiße. Man kommt über den Höhenrücken heran und sieht es unten liegen. Ich lasse den schweren Firmenwagen hinab rollen, vorbei an der dunklen Klosterschenke, durch das Tor auf den Hof. Ich bin spät, denn über die Höhenrücken der Lausitz pfiff ein Schneesturm. Die Straßen sind verweht gewesen.

Das Abendessen habe ich verpasst, der Speiseraum liegt dunkel. Die Schulklassen sind schon in den verschiedenen Gebäuden auf den Zimmern. Das nimmt mir die Gelegenheit, mich mit den Lehrerinnen und Lehrern bekannt zu machen, deren Schülerinnen/Schüler ich am nächsten Tag in Medienkunde unterweisen soll. Sie haben heute ihren Recherchetag gehabt, irgendeine Einrichtung besucht, und beim Frühstück morgen wird mir das Lehrpersonal erklären, nicht gewusst zu haben, dass ihre Klassen beim Recherchetermin Notizen machen sollten, was mir die ganze Planung ruinieren wird. In dieser Hinsicht sind Lehrerinnen/Lehrer keinen Deut besser als gewöhnliche Deppen. Vom Institut waren sie vorab mit reichlich Material und Instruktionen versorgt worden. Man hätte nur lesen müssen.

Ich parke vor dem geschlossenen Gästeempfang. Telefonisch hat man mir mitgeteilt, in welchem Gebäude mein Zimmer reserviert ist und wo ich den Schlüssel finde. Es liegt auf der zweiten Etage, erreichbar über eine knarrende Holztreppe. Sie soll mich in den Tagen meines Aufenthalts noch öfter narren, denn es hört sich an, als folge mir jemand, so dass ich mich mehr als einmal umdrehe. Man hat mir mein Essen auf die Klosterstube gebracht. Da stehen Teller mit Brot, Wurst und Käse und eine Kanne Tee. Der Raum unterm Dach ist weiß getüncht und hat schwarzes Gebälk. Kleine Fenster nur, doch das ist gut. Denn stoße ich die Flügel auf und spähe hinaus in die Nacht, braust unter mir in der Schwärze ein eisiges Wehr der wilden Neiße.

Es ist ein guter Raum trotz des Rauschens, das durch die Fenster dringt. Man darf in einem katholischen Kloster keine französischen Doppelbetten erwarten. Die schmalen Betten sind übereck angeordnet, getrennt durch einen hellgrauen Kleiderschrank. Zwei der Dachgaubenfenster zeigen nach Osten. Eines ist genau über dem ebenfalls grauen Schreibtisch. Ich verstaue meine Sachen und erkunde mein Reich. An den Raum muss ich mich noch gewöhnen, das zeigt er mir, nachdem ich vom Schreibtisch aufstehe und mir an der Gaubenwand den Kopf anstoße.

Zum Schlafen ist es zu früh. Ich hülle mich in den Mantel und gehe wieder hinunter, um zu telefonieren und zu rauchen. Mein Mobiltelefon empfängt nur ein schwaches Signal eines polnischen Anbieters. Das wird oben an der Straße nach Ostritz hoffentlich anders sein. Du lieber Himmel, ist es hier kalt. Wann immer man aus dem Windschatten eines Gebäudes tritt, packt einen der eisige Sturmwind, der mutwillig durch die weiträumige Klosteranlage pfeift. Oben durch die kahlen Baumwipfel des finsteren Kalvarienbergs scheint ein Güterzug zu brausen. Da wird der Herrgott erbärmlich frieren an seinem Steinkreuz. In das Tosen des Windes mischt sich das Rauschen des Neißewehrs. Wie ich oberhalb des Klosters stehe, sehe ich weit im Osten auf polnischer Seite die Lichter einer Autobahn blinken. Womit wir wieder beim Anfang wären. Fünfzehn Jahre sind seither vergangen. Ich gehe nun zu Bett.

9 Kommentare zu “Flackernde Lichter

  1. Was für eine stimmungsvolle Miniatur, danke!
    Ich mag solche Orte als Referentin oder Teilnehmerin viel lieber als kommerzielle Tagungszentren oder gar Hotels. Mein schlimmstes Eilenburg war ein Luxus Hotel an Starnberger See, die zu allem Überfluss auch noch Vegetarisches und Fleisch gemeinsam auf Platten angerichtet haben….

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    • Dankeschön für dein Lob. Ehrlich gesagt bin ich lieber in Hotels gewesen als an diesem einsamen Ort, in dem um 20 Uhr alles dicht gemacht wird und ringsum nur Natur ist. Die langen Abende waren ziemlich öde. Den Starnberger See kenne ich von einer Kur her. Als ich in den 1990-er Jahren in Marienthal war, gab es fast nichts Vegetarisches. Ich musste es in der Küche bestellen. Da hat sich einiges verbessert. Allerdings mag ich auch keinen Käse essen, der halb unter der Wurst gelegen hat.
      Schreibst du mir noch die Daten deiner Ankunft, liebe Anna?

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  2. Bisher hatte ich nur eine Begegnung mit Polen, von der mir zweierlei im Gedächtnis geblieben ist : Ein Wintermärchen-Ort mit von Schneemauern gesäumten weißen Gässchen und die geradezu unverschämt köstliche Rote-Beete-Suppe bei der Mutter der gastgebenden Lehrerin.

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    • So um das Jahr 2000 war ich mit einer Schulklasse eine Woche in Frankfurt/Oder. Die Kollegen fuhren zum billigen Tanken und Einkauf über die Oder auf die polnische Seite der Stadt, Słubice.
      Doch niemand wusste mir zu sagen, wie denn das durchgestriche L im Namen gesprochen wird. Man sprach auch nur verächtlich vom ehedem sozialistischen Brudervolk. Ich bin einmal drüben gewesen, doch im Landesinneren war ich nie. KollegInnen eines Austauschs aus Weißrussland erzählten, schon beim Grenzübertritt nach Polen sei das enorme Wohlstandsgefälle aufgefallen, beim Übetritt nach Deutschland wärs noch einmal eine große Stufe gewesen.

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  3. Für mich macht die Mahlzeit, die man dir bereitgestellt hat, das Bild der Einsamkeit, des Abgeschnittenseins perfekt. Schlüssel liegt irgendwo, Essen steht da. Keine Menschenseelse. Irgendwo Lichter, der Wind, die Kälte und das Wasser. Ich will jetzt schon unter die warme Decke.

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    • Da bin ich froh, dass ich das vermitteln konnte und hoffe, du hast ein warmes Plätzchen gefunden. Manchmal bin ich schon nach Ende des Seminartags nach Hause gefahren, um nicht noch so einen öden Abend im Kloster zu erleben. Auf überstandene Mühen und Härten zurückzuschauen, hat ja immer etwas Erhebendes.

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