Gekritzelt – Schon Mark Twain verleugnete Bielefeld

Galgenhumor
Ein Däne, ein Schwede und ein Norweger haben vor ihrer Hinrichtung jeder noch einen Wunsch frei. Der Däne sagt: „Ich würde gerne noch eine Flasche Bier trinken, bevor ich gehängt werde.“ Der Schwede sagt: „Ich habe im Gefängnis Erziehungswissenschaft studiert. Bevor ich hingerichtet werde, würde ich gerne ein Rede halten über die Besserung des Menschen durch Pädagogik.“ Da sagt der Norweger: „Und ich möchte gerne gehängt werden, bevor der Schwede seine Rede hält.

Breitensport
Sein Handy hat der Fußballfan mir in die Hand gedrückt und sich zu den anderen in Positur gestellt. Leider konnte ich auf dem kleinen Bildschirm nicht sehen, ob ich das Flaschen- und Schalschwingen gut festgehalten habe. Schon vorher hatte ich darüber nachgedacht, was es mit dem ständigen Fotografieren auf sich hat. Es reicht offenbar nicht, Spaß zu haben, es muss auch ein Bildbeweis her, dass man wirklich Spaß hatte. Natürlich legt der Spaß vor der Kamera noch einen Zahn zu. Die eigene Wirklichkeit zu inszenieren, ist der eigentliche Sport der Massen.

Retrofuturismus
Die Tinte des Altertums war nicht wasserfest. Mit einem Schwamm konnte sie vom Papyrus abgewaschen werden. Der römische Dichter Martial (40-104 n. Chr.) schickte seinem vollendeten Buch gleich einen Schwamm mit, damit der Freund den Text auswischen konnte, wenn er nicht gefalle. Manche Autoren bedienten sich beim Löschen missratener Textstellen der Einfachheit halber ihrer Zungen. Bei einem Wettbewerb der Dichter am Hofe des römischen Kaisers Caligula sollen die durchgefallenen Poeten gezwungen worden sein, ihre Ergüsse selbst abzulecken.

Anfang der 1990-er Jahre dachte der Chefredakteur der New York Times über die Zukunft seines Mediums nach. Seine Vision: Zeitungen kämen morgens aus dem Faxgerät. Das Trägermedium wäre eine abwaschbare Folie. Nach dem Lesen würde die Zeitung weggewischt, und die Folie könnte für die nächste Ausgabe wiederverwertet werden. Die Vision der abwaschbaren Zeitung ist nicht Wirklichkeit geworden, das Internet hat sie unnötig gemacht. Da jedoch kein Chefredakteur zu mir nach Hause gekommen wäre, um seine Zeitung abzulecken, ist das nicht wirklich bedauerlich.

Mark Twains ultimative Bielefeldverleugnung
„Himmel, die Deutschen mit ihrer brutalen Sprache! Auf meiner Reise mit Doktor Seyfried gelangte ich in Städte wie Würgsburg, Chemienitz, Gestankfurt und Schrecklinghausen. Es wunderte mich kaum noch, dass er eine Stadt namens Befiehlt erwähnte. Nur das nicht, rief ich! Es mag bei Ihnen Abortmund geben und Dünster und Rostnabrück und Hangover. Aber Befiehlt? Unannehmbar für einen überzeugten Demokraten und Pazifisten. Nein, ihr Deutschen. Die Stadt Befiehlt darf es nicht geben. Wird es nicht geben. Gibt es nicht. Niemals.“

Die Sprache des Menschen und warum ihm nicht zu helfen ist (aus den Papieren des PentAgrion)

Jedes Wort der Menschensprache ist seinem Wesen nach neutral. Deshalb ist die Menschensprache grundsätzlich ein perfektes Kommunikationsmedium. Jede Schriftsprache verfügt über Millionen Wörter. Ein Teil davon ist in Wörterbüchern verzeichnet und steht theoretisch jedem Sprecher zur Verfügung. Darüber hinaus kennt jedes Mitglied der Sprachgemeinschaft eine Fülle weiterer Wörter, die aus unterschiedlichen Gründen nicht lexikontauglich sind. In der Praxis ist der Sprachschatz dem Sprecher aber nur in Teilen zugänglich. Wollte jemand etwa zwei Millionen Wörter seiner Sprache sprechen und nehmen wir für jedes Wort die Zeit von drei irdischen Sekunden, dann wäre er (3 * 2 000 000) / 60 = 100 000 Stunden damit beschäftigt, was (((3 * 2 000 000) / 60) / 24) / 365 = 11.4155251 Erdjahren entspricht.

In diesen 11 Jahren hätte er nicht kommuniziert, sondern nur Wörter geleiert. Im Regelfall geht der Umfang des Wortschatzes aber weit über zwei Millionen Wörter hinaus. Hinzu kommen Wörter aus den Dialekten, aus unzähligen Fachgebieten, aus Sonder- und Gruppensprachen, Augenblicksbildungen sowie private, idiomatische Ausdrücke. Diesen gewaltigen sprachlichen Ozean zu durchmessen, ist in einem Menschenleben praktisch unmöglich, auch wenn einer den Mund noch so voll nimmt.

Ein durchschnittlicher Sprecher beschränkt sich etwa auf 10.000 Wörter. Sie sind sein aktiver und passiver Wortschatz. Den letzteren benutzt er nicht, aber versteht die darin enthaltenen Wörter. Man sollte annehmen, dass der Mensch danach trachtet, seinen aktiven Wortschatz ständig zu erweitern, denn es brächte eine Verfeinerung der Denkgewohnheiten mit sich, würde mithin sein Denken und Handeln verändern, sein Urteilsvermögen schärfen, ihm ein tieferes Verständnis seiner Welt und seiner Mitmenschen bescheren und seine soziale Kompetenz erhöhen. Tatsächlich aber herrscht in allen Kulturen die Bestrebung, den Wortschatz einzuschränken. Bestimmte Wörter sind aus religiösen, moralischen oder politischen Gründen tabuisiert, bestimmte Wörter und Sätze nur besonderen Gelegenheiten, sozialen Situationen und sprachlichen Kontexten vorbehalten. Manche Wörter tauchen nicht in Fachliteratur auf, andere nicht in erzählenden Texten. Diese Gebrauchsweisen werden angestoßen von den Massenmedien und geraten meist ungefragt in die Alltagssprache. Nach der Herkunft der Sprachmoden wird selten gefragt, denn der Mensch lebt in einer Welt der Konventionen, kann sich kaum vorstellen, dass die Dinge anders betrachtet werden könnten, als er es üblicherweise tut, wie es alle tun.

Der Erweiterung des Wortschatzes steht eine Streitmacht von Verhinderern entgegen. Die geistige Trägheit hat viele Schutzheilige in Schulen, Hochschulen, in den Medien. All diese Sprachverhinderer setzten Normen, schlagen Pflöcke ein, wo nicht weiter gegangen und gedacht werden darf, weit vor den Grenzen des Denk- und Sagbaren. Diese geistige Unterdrückung geschieht nicht aus Bosheit, sie ist nicht das Werk einer weltweiten Verschwörung, sondern entspricht einem systeminhärenten Problem der menschlichen Sprache. Allen Sprachen ist zueigen, dass sie nur für die Kommunikation in kleinen Gruppen taugen, nur taugen, den unmittelbar überschaubaren Bereich zu bewältigen. In kleinen sozialen Gruppen sind die menschlichen Sprachen entstanden, und wie seine Sprache, so der Mensch. Er ist ein Gruppenwesen, versteht nur, was er in seinem unmittelbaren Bereich sehen, riechen, schmecken und hören kann. Seine Weltwahrnehmung formt sich danach, was er mit seinen Sinnen erfasst. Größere Zusammenhänge kann er demnach nicht gut begreifen, will sie auch nicht begreifen, weil sie ihn bei der Bewältigung seiner täglichen Pflichten stören.

Das Gruppenwesen Mensch aber findet sich in einem Staatswesen vor, von dem er nur über Fremdzeugnisse erfährt, also mittelbar über die Fernkommunikation durch die diversen sekundären Medien. Was er davon begreift, ist von Zufällen bestimmt und wird in der Regel nicht kontrolliert durch den Abgleich mit den Fakten. Denn viele der Informationen aus den Massenmedien werden erzeugt in sozialen Zirkeln, zu denen nur Medienvertretern eingeschränkten Zugang haben. Der mediale Einfluss auf den Einzelnen ist enorm. Die irdischen Massenmedien sind gigantische Manipulationsmaschinen, deren Macht täglich wächst. Sie sind die Denkfabriken, in denen der Inhalt der Köpfe erzeugt wird. Sie begründen die Ohnmacht des Menschen, denn wichtig und wirklich, das ist in seinen Augen nur, was den medialen Segen der Denkfabriken erfahren hat. Selten ist es sein eigenes Leben, wo er doch so gerne teil hätte und aufgenommen würde in die Sozialgemeinschaft des globalen, für ihn viel zu großen Dorfes. Seine Tiernatur treibt ihn dahin, wo die Musik spielt. Aber die Musik lockt ihn weg vom eigenen Herd, wo seine Aufmerksamkeit gefordert ist. Aus diesem Dilemma ist dem Menschen nicht zu helfen.

Von hier…

Plausch mit Frau Nettesheim – Dumm und dümmer


Trithemius
Was ist denn das für ein nasses Zeug, das da vom Himmel fällt, Frau Nettesheim?

Frau Nettesheim
Auf den Quatsch falle ich nicht rein, Trithemius.

Trithemius
Diente auch nur der Gesprächseröffnung. Ich wollte Sie etwas anderes fragen, aber nicht mit der Tür ins Haus und so. Als ich mir gestern Texte aus Band 2 des PentAgrion durchlas, fand ich, dass sie viel essayistischer waren, weniger erzählend. Glauben Sie, dass ich vor meinem Schlaganfall klüger war als ich heute bin?

Frau Nettesheim
Nein, Sie schrieben die essayistischen Passagen als PentAgrion. Der ist klüger als Sie. Eigentlich sind viele Figuren in Ihrem erzählerischen Kosmos klüger als Sie, auch Jeremias Coster. Sie schaffen Figuren, die klüger als Sie sind: PentAgrion, Coster; witziger und radikaler: Volontär Hanno P. Schmock; unfähiger: die Teppichhaus-Humorexperten; irrwitziger: Chefredakteur Julius Trittenheim. Je nach Rolle, ändern sich Ihr Schreibstil und der Anteil an Intelligenz im Text. Als Trithemius sind Sie eindeutig der Dümmste und Eitelste.

Trithemius
Na, erlauben Sie mal, Frau Nettesheim! Das will ich überhört haben. Aber bedeutet Ihre These, ich müsste mir nur einen Bestsellerautor als Alter Ego erdenken, und schon schriebe ich einen Bestseller?

Frau Nettesheim
Nö, das können Sie nicht.

Trithemius
Warum nicht?

Frau Nettesheim
Wenn Sie schreiben wollten wie ein Bestsellerautor, würden Sie sich zu sehr schämen. Dann würde es nichts, nur ein hoffnungsloses Gewürge.

Trithemius
Glücklicherweise sind wenigstens Sie nicht klüger als ich, Frau Nettesheim.

Frau Nettesheim
Wie kommen Sie darauf?

Trithemius
Na, wer mir nicht mal sagen kann, was für ein nasses Zeug eben vom Himmel fiel…

Undenkbar

Ich möchte den Haarscheitel gerne rechts. Gibt es gute Gründe, das nicht zu tun? Wenn ich den Scheitel rechts trüge, würden meine Haare links über die Stirn fallen und meine schwache Seite beschützen. „Links sind Sie ein wenig unterentwickelt“, befand einst meine Ärztin, Dr. Helene Horn. Folglich bin ich bei gesundheitlichen Problemen immer linksseitig betroffen gewesen, also schon vorher, nicht erst, nachdem Frau Dr. Horn meine Schwäche ausgesprochen hatte. Dass ich links schwächer bin als rechts, habe ich schon früher als Frau Dr. Horn erkannt und mich gewappnet.

Wenn ich ein heikles Gespräch zu führen hatte, habe ich immer darauf geachtet, die Sitzordnung über Eck zu wählen und zwar so, dass ich dem Gesprächspartner die starke rechte Seite zugewandt habe. War er oder sie Rechtshänder wie ich, wandte er/sie mir gleichzeitig die schwache Seite zu. Für mich gehört das zu den rhetorischen Tricks, derer ich mich ohne Scham bediene. Denn wer möchte nicht gern im Gespräch die Oberhand gewinnen? Solange ich meinen Scheitel links tragen muss, weil mein Friseur oder die Haare das nicht anders akzeptieren, ist auch erlaubt, die Sitzordnung so zu wählen, dass ich vor dem Fenster sitze, der oder die andere also nicht nur mit der schwachen Seite gegen meine starke sitzt, sondern auch noch gegen das Licht blinzeln muss. Das sollte mir die rhetorische Überlegenheit sichern.

Es gibt aber auch etwas Hübsches bei der linksseitigen Schwäche. Mit dem linken, emotionalen Auge sehe ich Farben ein wenig wärmer als mit dem nüchternen rechten. Darum ziehe ich es vor, in Bus oder Bahn etwa immer mit dem linken Auge zum Fenster zu sitzen, weil mich dann die Eindrücke der Landschaft besser erreichen. Pech ist’s nur, wenn der Zug durch öde Landschaften fährt, sich quasi verirrt, weil irgendwo eine Weiche falsch gestellt war und den Zug dahin umgeleitet hat, wo man aus Sorge um die eigene psychische Gesundheit besser nicht aus dem Fenster schaut.

Man munkelt nämlich, dass gewisse Streckenstilllegungen der Bahn keine ökonomischen Gründe hatten, sondern ganz andere, dass die Lokführer und Zugbegleiter sich geweigert hätten, diese verrufenen Gleise länger zu befahren. Sie wären dann nämlich abends immer um Jahre gealtert nach Hause gekommen. Manche Ehefrauen hätten gar die Tür verrammelt und ihren schwer gealterten Bahnmännern den Zutritt verweigert. Vorzeitiges Ergrauen sei nicht selten gewesen, und tiefe Kerben um die Mundwinkel seien den Bahnmännern gehauen gewesen. Was es mit diesen gottverlassenen Gegenden auf sich hat, weiß ich nicht. Ich denke sie mir ja gerade erst aus und fürchte fast, das Entsetzen der Ehefrauen betraf undenkbare Gründe.

Über Klosetts und Verwaltung

Die geringe Verwaltungsarbeit, die mein Leben mir abverlangt, kann ich nebenher erledigen. Sie droht mir nur über den Kopf zu wachsen, wenn ich sie zu lange vor mir her geschoben habe. Beim morgendlichen Weg zum Bäcker komme ich an den Räumen eines Handwerksbetriebs für Installationen, landläufig, „Gas, Wasser, Scheiße“ vorbei. An letzteres gemahnt eine putzige Kindertoilette aus Porzellan, die seit längerem im Schaufenster steht, seit der Adventszeit von einigen Tannenzweigen umgeben.
Dekoration oder Kaufanreiz?

Gibt es einen Bedarf, gibt es Eltern, die nach Anblick des Schaufensters beschließen, ihrem Kind zu Weihnachten ein eigenes Klosett zu schenken? Oder gibt es Kinder, die sich bettelnd an die Schöße ihrer Eltern hängen und sich ein eigenes putziges Kinderklosett wünschen? „Mama, Papa! Ich will ein Klo!“ Offenbar zu wenige, denn das Miniklosett steht im Schaufenster wie festgeschraubt, was natürlich auch besser ist, denn wer wollte schon, dass das edle Kind bei einer Sitzung damit umfällt?

Überhaupt beschäftigt mich die Frage, in welchem Bad genug Platz wäre für ein Erwachsenenklosett und eines für den Kinderpopo? Allein die Rohrinstallationen stelle ich mir kompliziert vor. Die Benutzung ebenfalls, denn sollte sie simultan möglich sein? Ist das überhaupt schicklich?“ Anderenfalls wo bliebe die Kontrolle über den kindlichen Stuhlgang? Stichwort: Aufsichtspflicht. Witzig finde ich auch die Vorstellung, dass ein Kind durch Nahrungsaufnahme und anschließender Defäkation aus dem eigenen Kinderklo herauswächst, sich über die Grenzen seines Klosettbeckens quasi hinausscheißt [verd., jetzt ist es raus!]

Vielleicht ist der Installationsbetrieb überhaupt auf komplizierte Lösungen spezialisiert, bietet natürlich nicht buchstäblich „Lösungen“ an, sondern versichert, alles gut zu verschrauben. Eigentlich wollte ich über ein anderes Thema schreiben: In den beiden Räumen gibt es vier Computerarbeitsplätze. Klar, einer ist zur Planung komplizierter Rohrlösungen mit CAD-Software nötig. Aber die anderen?

Oft sehe ich eine junge Frau, manchmal auch zwei dabei, wie sie offenbar Verwaltungsarbeiten verrichten. Heute Morgen fragte ich mich, ab wann eine Verwaltungskraft nötig wird. Sie muss ja den ganzen Tag zu tun haben. Wann ist bei einem Unternehmen die Größe erreicht, dass man ganztägig eine Verwaltungskraft beschäftigen kann? Und wann, das ist die interessantere Frage, erzeugt diese Verwaltungskraft weitere Verwaltungsarbeit, dass eine zweite dazu kommen muss. Wann verselbstständigt sich das? Gewiss hat mal ein Professor der Betriebswirtschaftslehre etwas dazu veröffentlicht. Ich weiß über das zugrunde liegende Gesetz leider nichts, wüsste ja noch nicht mal, wie und wo man im Bad ein Kinderklosett installiert (Sicherheitsabstand!)

Trithemius Blog-Geschichte: Ein Bär auf großer Fahrt

Elf Jahre ist es her, dass die Kunde ging von einem leisen Bären. Im Oktober, als die anderen Bären in ihre Höhlen krochen, um ihren Winterschlaf zu halten, startete vom belgischen Leuven aus ein musikalischer Bär ein 365-Tage-Projekt. Er packte seine Gitarre ein, setzte sich aufs Fahrrad und begab sich auf eine abenteuerliche Reise. Abends klopfte der Bär an eine Haustür und bat um ein Nachtlager und Verpflegung. Natürlich wollte der fahrende Bär nichts geschenkt. Als Gegenleistung für die freundliche Aufnahme erhellte er die Stuben seiner Gastgeber mit zarter Hausmusik.

Der damals 23-jährige Nils Verresen aus dem flämischen Genk war „The Bear That Wasn’t.“ Nachdem er Belgien durchstreift hatte, verließ er im Mai 2010 sein Heimatland und zog durch die Niederlande und Deutschland hoch nach Dänemark und hinüber nach England. Seine Wanderroute konnte man im Internet verfolgen, wo auch alle seine Gastgeber aufgelistet sind.

    Der Name „The Bear That Wasn’t“ geht zurück auf ein Kinderbuch von Frank Tashlin aus dem Jahr 1946. Im Buch erwacht der Bär aus seinem Winterschlaf und findet sich in einem Industriegebiet wieder. Sogleich will man ihn zum Arbeiten zwingen, worauf der Bär erwidert: „Aber ich bin kein Mensch, ich bin ein Bär!“ Das wollen die Bosse nicht gelten lassen, sondern verlangen, dass der Bär sich rasiert. Und sie stellen ihn vor die Wahl: Arbeiten oder Zoo …

Auch der musikalische Bär verweigerte sich den rüden Anforderungen der Industriegesellschaft und wohl auch dem nicht weniger rüden Musikgeschäft. Inzwischen hat The Bear That Wasn’t seine Wanderjahre beendet und sich offenbar im belgischen Flandern als Hausarzt niedergelassen. Seine wunderbare Musik hat mir im Jahr 2010 als Untermalung der PentAgrion-Texte Band 2 gedient, einem Blog-Projekt im Teppichhaus Trithemius auf Twoday.net, das ich im Jahr zuvor mit Band 1 im Teppichhaus Trithemius auf der versunkenen Plattform Blog.de begonnen hatte. Band 1 habe ich zu einem externen WordPress-Blog überführen können. Leider fehlen alle Bilder und Tondateien. Band 2 ist noch auf Twoday.net zu finden (auch ohne Bild und Ton). Ein Klick aufs Bild links führt zu einem Kapitel, das ich geschrieben habe, als ich mal wieder vom Liebeskummer geplagt war. Damals war ich stark gerührt vom Song „And So It Is Morning Dew.“ Verresens Management hatte mir die Musikverwendung übrigens erlaubt. Meine lieben Damen und Herren, hören Sie selbst:

Tanzen mit sauren Gurken und Fisch

Nachdem die Handschrift ganz im Privaten versunken ist, gewähren Einkaufszettel einen Blick auf ihren Zustand. Dieser Einkaufszettel, gefunden im Januar 2020 bei Aldi-Nord in Hannover, Linden-Mitte fasziniert mich vor allem wegen der räumlichen Anordnung nach Sachgruppen. Obwohl die Schrift eigentlich gut lesbar ist, hat mir deshalb der letzte Punkt der Liste unten links Rätsel aufgegeben und zwar, weil mich der Kontext verwirrte. Bei „Gurke, Mandarinen, Nüsse“ erwartete ich keine „Zeitschrift“, zumal der Schriftzug unvollständig ist.

Von vorne: Während wir im schulischen oder beruflichen Schreiben formale Konventionen einhalten, ist das bei Einkaufszetteln nicht nötig. Andererseits zeigt sich beim Einkaufszettel, dass formale Konventionen nützlich sind. Es wäre sinnlos, einen Einkaufszettel so nachlässig hinzukritzeln, dass er im Supermarkt nicht gelesen werden kann. Auch hat es guten Grund, sich an gelernte Orthographie zu halten. Sie sichert das Verständnis, selbst wenn die Handschrift entgleist ist, was bei mangelnder Übung oder wie hier beim Schreiben mit Kugelschreiber droht.

Wenn in letzter Zeit heftig diskutiert wurde, ob man für den Erstschreibunterricht die verbundene Handschrift aufgeben dürfe, was Traditionalisten mit zum Teil absurden Argumenten verneinten, zeigen viele erwachsene Handschriften, dass die gelernten Verbindungen nicht mehr eingehalten oder höchst eigenwillig ausgeformt werden, ja, dass zwischen den überwiegend unverbundenen Buchstaben zum Teil disfunktionale Abstände auftreten, beispielsweise bei „Ingwer tee“ , „Toi lettenpapier“ und „B Manda rin.“ Wichtig ist zu wissen, dass diese Pausen im Schreibfluss inhaltlich nichts bedeuten. Bei „Mandarin“ fällt das Fehlen der Pluralform als grammatischer Regelverstoß auf. Ein Rechtschreibfehler findet sich bei „Johurt.“

Obwohl beim Einkaufszettel auf die meisten Verbindungen sowie die Schleifen und Girlanden der verbundenen Lateinschrift verzichtet wurde, bleibt der Eindruck einer Handschrift erhalten. Anders als die Graphologie behauptet, lässt sich nicht eindeutig sagen, ob die Schrift von Mann oder Frau stammt. Auffällig ist eine energische Ausformung einzelner Buchstaben und ihr unkonventionelles Tanzen. Sowohl Männer wie Frauen können methodisch sein und trotzdem mit viel Energie beschwingt durchs Leben gehen.

Die Gruppe „Fisch in Joghurtsoße“, „saure Gurken“, „Fisch“ zeigt spezielle Vorlieben an, „Toilettenpapier“ als letzter Punkt ist nicht ohne Komik, denn egal, was aus den Nahrungsmitteln zu Mahlzeiten zusammengerührt wird, am Ende geht doch alles den Weg des Irdischen, in unserer Kultur glücklicher Weise des Unterirdischen.

Schwerer Hirnriss im Menschenverstand dank Corona

Brav melden unsere Medien jährlich die Zahl der Verkehrstoten und finden’s gut. So frohlockte der Tagesspiegel im Jahr 2009: „Berlins Straßen sind die sichersten Deutschlands – Jedes Jahr ein neuer Rekord: Die Zahl der Verkehrstoten sinkt seit Jahren. 2009 registrierte die Polizei nur 48 Tote, so wenig wie nie zuvor seit dem Krieg. Zum Vergleich: 1999 waren es 103 Tote, 2008 noch 59.“
Wir spüren die Macht der Autoindustrie. Jährlich werden in ganz Deutschland etwa 3000 Menschen im Straßenverkehr getötet, aber immer finden die Medien einen freudigen Anlass: Für das Jahr 2019 jauchzt die Zeitschrift Auto Motor Sport: „Neuer Tiefststand erwartet – Im November 2019 sind in Deutschland 218 Menschen bei Straßenverkehrsunfällen ums Leben gekommen, 18 Personen weniger als im November 2018. Für das Gesamtjahr gehen die Statistiker von einem neuen Tiefststand aus.“

Um etwa 3000 Verkehrstote jährlich zu toppen, müssten wir mindestens eine Kompanie Selbstmordattentäter ins Land holen. Aber warum ausländische Arbeitskräfte für eine Sache anwerben, die wir selber viel besser können, zumal ein paar verstreute Sprengsätze zwar saftige Kollateralschäden anrichten, aber nicht geeignet sind, eine Dunstglocke aus Abgasen über die Städte zu stülpen. Bei ausgedehnten Wanderungen oder Radtouren durch den Wald bekomme ich häufig Kopfschmerzen. Da sind einfach nicht genug Abgase in der Luft, weshalb Selbstmordattentäter für mich keine Alternative sind. ADAC-Mitglieder sind zuverlässiger. Das ist noch gute deutsche Wertarbeit. Und so gesehen, bin ich doch ziemlich froh, dass die Autoindustrie weiterhin kein Tempolimit auf deutschen Autobahnen erlaubt.

Gerade hat der Europäische Verkehrssicherheitsrat alarmierende Zahlen veröffentlicht. Zwischen 2010 und 2018 sind europaweit im Straßenverkehr 70.000 Fußgänger und Radfahrer getötet worden, 24 Mitmenschen pro Tag. Dazu sendet die ARD keinen Brennpunkt, Maybrit Illner lädt keine durchgeknallten Experten, auch sonst leiden unsere Qualitätsmedien unter selektiver Wahrnehmung. Woran liegts? Das Corona Virus hat nicht nur fünf (5!) deutsche Mitbürger erkranken lassen, darüber hinaus verursacht es ein einziges Chaos in den Redaktionsoberstübchen, und zu den von ihm verursachten Krankheitssymptomen müssen unbedingt schwerer Hirnriss und fortgeschrittene Hysterie gezählt werden.

In einem Land, in dem die Autoindustrie den Ton angibt, wird die Meldung von mehr als 70.000 Verkehrstoten rasch beiseite gewischt oder aber witzig euphemistisch umschrieben. Die Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs waren und seien sie „bei Unfällen gestorben, an denen ein Motorfahrzeug beteiligt war.“ (Tagesspiegel) Dass Menschen einfach so bei Unfällen sterben, gibt es ja, vom Zusehen etwa – vor lauter Aufregung. Wenn „Motorfahrzeuge“ beteiligt waren, dann wurden die 70.000 Fußgänger und Radfahrer wieder mal von diesen saugefährlichen Rasenmähern gekillt.