Teestübchen TV-Kritik – „Wer weiß denn sowas?“

Eine sehr gute Quizshow läuft derzeit fast täglich im Vorabendprogramm der ARD: „Wer weiß denn sowas?“, moderiert von einem launigen Herrn namens Pflaume. Zwei Rateduos kämpfen gegeneinander, wählen Fragen aus diversen Kategorien und müssen aus aberwitzigen Multiple-choice-Antworten eine auswählen, haben hinter sich aufgestapelt eine je Sendung wechselnd sich aufteilende Anzahl Zuschauer von insgesamt wohl 100 Personen, je nachdem, wem die Leute größere Gewinnchancen zutrauen, Team Elton oder Team (Hab den Namen vergessen). Das ist insofern schade, weil dieser glatzköpfige Mann schon mit einem für seinen Körper zu großen Ego geschlagen ist. Muss denn mein Geist sich auch noch hartnäckig weigern, den Namen rauszurücken? Also die Personen setzen sich hinter die Teams in freudiger Gewinnerwartung, denn die vom Gewinnerduo erspielte Geldsumme wird hernach unter ihnen aufgeteilt. Zum Schluss können beide Teams einen Teil ihres Gewinnbetrags einsetzen, um gegeneinander die sogenannte „Masterfrage“ zu beantworten. Während dieser stillen Phase wird eine Musik eingespielt.

Aus ethnologischem Interesse habe ich mehrmals versucht, die weitere Entwicklung zu verfolgen, bin aber entnervt gescheitert am Mitklatschen des Studiopublikums. Wenn Deutsche ab etwa 12 Personen aufwärts Musik hören, werden sie zur tumben Horde und verfallen in die immer gleiche Rhythmik, klatschen zwanghaft auf den ersten und dritten Takt. Ob die alle mit Attest vom Musikunterricht befreit waren oder der Drang zu Marschieren einfach nicht zu bändigen ist, wer weiß denn sowas? Jedenfalls sind an auf Eins-und-Drei-Klatschmarsch schon stärkere Bande zerrissen als mein zarter Aufmerksamkeitsfaden, wie hier [auf die Eins und die Drei geklatscht] zu hören:


Einmal habe ich mir ein Herz gefasst und nicht ausgeschaltet, habe mir gesagt: Wenn dem Ethnologen von einem indogenen Stamm eine Schale wimmelnder Engerlinge angeboten wird, kann er sie auch nicht ausschlagen, sondern muss tapfer zulangen, die fettesten Engerlinge zerkauen und schlucken. Drum weiß ich jetzt, wie es weiter geht.

Also nach dem Klatschmarsch folgt vor der Verkündigung der Sieger ein kurzer Werbeblock. Es wird geworben für die medikamentöse Abschaltung von allerlei Gebrechen. Das lässt auf die Verfasstheit der Zielgruppe der sehr guten Quizsendung schließen, die treue Leserschaft der Rentner-Bravo. Sie leidet an nächtlichem Harndrang, Inkontinenz, Ohrgeräuschen, Vergesslichkeit und glaubt, dass gegen jede körperliche Unzulänglichkeit Medikamente geschluckt werden müssen. Ob aber all die Medikamente nötig sind? Zumindest Vergesslichkeit ist nach dem Anschauen von „Wer weiß denn sowas?“ wirklich segensreich.

Einiges über die schöpferischen Ursuppe

Jeremias Coster berichtete, im Hof seiner Kindheit habe es einen „Serch“ gegeben, eine rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst hatte wohl die Regenrinne zum Serch geführt, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung sei sein stabiler Basteltisch gewesen.

Da habe er bei Regenwetter oft gestanden und, geschützt vom überhängenden Dach der Stallungen, irgendwas gewerkelt. Er erinnere sich daran, dass er dabei unablässig habe reden müssen. Ohne sein Zutun, sei Sprache wie Wasser aus seinem Mund geflossen, schon sinnvoll irgendwie, aber ohne verstandesmäßige Kontrolle.

Er denke nun, dass es die Ursuppe des Schöpferischen gewesen war, wie es ja in jedem schöpferischen Akt begleitende Gedanken geben müsste, unwillkürliche, wie sie in seinem kindlichen Zungenreden zum Ausdruck kamen, und absichtsvolle, die die Ideen und Motive des Handelns enthalten, die Reaktionen auf innere und äußere Anlässe und dergleichen. Diese Ursuppe des Schöpferischen könne jede/jeder in sich erkennen.

„Sie offenbar zu machen, scheint mir unmöglich“, sagte ich. „Es setzt voraus, dass man sich ständig selbst unter Beobachtung hat, also alles genau registriert, was einem gerade durch den Kopf geht. Diese Rückkopplung aber würde das Werk in Arbeit verändern.“

Coster ignorierte meinen Einwand und sagte: „Soweit in dieser Ursuppe des Schöpferischen die Absichten und Motive mitschwimmen gleich dicken Fleischeinlagen …“

„Ich bin Vegetarier!“, warf ich ein.

„…Fleischeinlagen, kann es vorkommen, dass sie untergehen und verschwinden, sei es wegen dummdreister Einwände von außen“, fuhr Coster fort und sah mich strafend an. „Oder aber, weil sie sich auflösen.“

„Wie kommen Sie darauf, Coster?“

„Ich habe tagelang einen Text verfasst und kann ihn nicht beenden, weil just die zugrunde liegende Idee sich verflüchtigt hat.“

„Wenn Ihre Suppenmetapher zutrifft, schwimmt sie ja noch in der Ursuppe herum und kann wirksam werden. Vielleicht warten Sie geduldig ab.“

Der Alptraum des Volontärs (ein Manuskriptfund)

Fünf Wörter las ich in dem Buch, da schlief ich ein und erwachte in der verderbten Welt der falschen Gottkönigin, der fetten Bischöfe und einem ächzenden, unwissenden Volk. Ich sah in den gewaltigen Dom hinein, sah das ungeheurere Chorgestühl, das trotz seiner Größe schier überquoll von dickwanstigen Bischöfen. Diener hielten ihnen ihre Laden voll heiliger Bücher mit Goldschnitt. Da war die Kanzel, ein monströser Schwan, und unter ihm das elende Volk, das gekommen war, die Königin anzubeten. Ein irres Warten und Bangen erfasste auch mich, denn niemand wusste, wann sie kommen würde, in der Hand das flammende, richtende Schwert. Ich ging zurück in meine Kammer am Ende des Gangs, durch den sie hereinschlüpfen würde in den Dom. Dort klebte ich mein Schwert an die Wand.

Ich würde ihr schutzlos entgegen treten, doch wenn sie ihres triumphierend erheben würde, mich mit einem Streich niederzustrecken, dann würde ich mein schwarzes Schwert von der Wand reißen und ihres parieren. So geschah es. Unter der Wucht meines Schlags zerbarst das ihre und die großmächtige Gottkönigin fiel zu Boden. Sie war nur ein fetter Eunuch. Ich hatte mein Schwert verloren, doch nahebei lag ein Hammer. Den nahm ich und zerschlug ihr Herz, schlug so oft auf ihre weiße Hemdbrust, bis schwarzes Blut hervorquoll und sich in kleinen Fontänen auf ihrem Linnen ergoss.

Dann ging ich in den Dom, worin große Verwirrung herrschte. Ich erklomm das Chorgestühl und trat den Erzbischof nieder, trat ihm den Dorn meines eisenbewehrten Fußes in die Rippen, zertrat seine Bücherlade, zertrampelte nebenbei den Goldschnitt. Den Schwan stieß ich hinab unters Volk, wo er so manchen Elenden zermalmte, aber da war keiner unschuldig unter den Verderbten. Eine Tür sprang auf seitlich des Schwans und heraus purzelte ein Mohr. Er war es, der dem predigenden Pfaffen die Stimme gegeben hatte, der abgelesen hatte aus den Büchern, was der Pfaff an heiligen Worten scheinbar auswendig vorgetragen hatte, die Begründung der Herrschaft über das elende Volk.

Die Königin aber war nicht tot gewesen, schritt bald wieder herum und verbreitete ihre Irrlehren erneut. Ich aber verließ diese Welt. Sie war nicht zu retten.

Die Erweckung (2) – Ein Schismatiker namens Willi

Die Hausnummer 23 gibt es nicht. Die Bebauung entlang der Friedrichstraße endet bei der Hausnummer 21. Dahinter erstreckt sich ein Schrebergartengelände. Joachim Krantz schaut ratlos auf den Zettel mit der Adresse. Dort steht eindeutig Friedrichstraße 23. Vielleicht steht das Haus Nummer 23 im Schrebergarten. Widerwillig nimmt Krantz den Weg in die Schrebergärten. Inzwischen ist es dunkel geworden. Nirgends ein Licht. Klar, bei diesem Sturm hält sich niemand mehr in seinem Schrebergarten auf. Es beginnt zu regnen. In de Gärten sieht Krantz nur hutzelige Hütten.

Er will seine Suche schon abbrechen. Doch da! Weiter hinten erhebt sich ein festes Gebäude. Im Näherkommen erkennt er seitlich der Eingangstür ein Schild. Er nimmt sein Feuerzeug und dreht es um. Dieses Feuerzeug hatte er jüngst an einer Tankstelle gekauft. Erst nach einigen Tagen hatte er die Funktion des kleinen weißen Knopfes an seiner Unterseite begriffen. Das Feuerzeug ist eine Taschenlampe, die einen grellen hellblauen Lichtstrahl aussenden kann.

Er richtet sein Feuerzeug auf das Schild und liest: „Vereinsheim der Hochschulgruppe evangelischer Christen an der RWTH Aachen“, daneben die Hausnummer 23. Er hat also die Adresse gefunden. Aber nichts deutet darauf hin, dass hier die Versammlung stattfindet. Er drückt die Klinke hinab. Zu seinem Erstaunen öffnet sich die Tür. Im Dunkeln erkennt er schemenhaft, dass der gesamte Eingangsbereich mit Möbeln zugestellt ist. Zwischen zwei hohen Schränken scheint ein Durchgang zu bestehen. Krantz tastet sich vor und sieht unter einer Tür in der rückwärtigen Wand einen Lichtschimmer. Im Näherkommen vernimmt er Stimmengewirr. Erleichtert stellt Krantz fest, den Versammlungsort gefunden zu haben.

Als er die Tür öffnet, verstummen die Gespräche, und es wenden sich ihm alle Gesichter zu. Einige können die Enttäuschung nicht verbergen. Offenbar hat man jemand anders erwartet. „Guten Abend! Ich bin Joachim Krantz“, sagt er. „Gut, dass du hergefunden hast!“, sagt die Frau, von der er die Adresse hat. „Such dir einen Platz und setz dich!“, sagt sie noch und wendet sich wieder ihrem Gesprächspartner zu. Alle nehmen ihre Unterhaltungen wieder auf. Krantz setzt sich auf einen freien Sessel einer verschlissenen Sitzgruppe aus schwarzem Leder.

Er hört, dass man die Ankunft eines gewissen Willi erwartet. Willi wird eine Predigt halten. Ein Joint wird rumgereicht. Krantz will nicht abseits stehen und nimmt einen kräftigen Zug. Donnerwetter, das Zeug haut rein. Mit einem Mal kommt ihm alles so absurd vor, das Möbiliar vom Sperrmüll, das Heiligenbild an der Wand, die überall herumliegenden Bibeln, die erwartungsvolle Stimmung unter den gut 25 Anwesenden, das ehrfurchtsvolle Willi-Gerede. „Worauf habe ich mich nur eingelassen“, murmelt Krantz und wird augenblicklich von einem Lachflash gepackt.

Er kannte nur einen Willi, einen Cousin väterlicherseits. Zuletzt hatte er ihn vor Jahren beim Beerdigungskaffee seiner Mutter gesehen. Er unterhielt sich gerade angeregt mit seiner attraktiven Cousine Marianne, als Willi ins Gespräch platzte und unvermittelt sagte: „Früher war ich ja nur im Nordbezirk unterwegs. Doch in letzter Zeit bin ich ziemlich oft im Südbezirk.“ Sie hatten Willi verständnislos angesehen. Willi war Starkstromelektriker beim RWE, einer von denen, die auf den Hochspannungsmasten herumturnen. Sein Einsatzgebiet an Strommasten musste in Nord- und Südbezirk eingeteilt sein. Aber das hatte sich Joachim Krantz zusammenreimen müssen. Unfassbar, dass einer mit so einer beschränkten Äußerung ein Gespräch unterbrach. Und jetzt sollte ein Willi der Heilsbringer sein?

Plötzlich ein Rumoren vor der Tür. Sie öffnet sich, und ein kleiner Mann tritt ein, der ominöse Willi.

Fortsetzung: Willis Predigt

Die Erweckung (1) – Ein Tadel im Klassenbuch

Joachim Krantz konnte den Zeitpunkt seiner Erweckung genau benennen. Alles begann mit einen Tadel, den sein Religionslehrer, Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht ihm in der 8. Klasse des Kaiser-Karls-Gymnasiums erteilt hatte. An den genauen Hergang erinnerte er sich nicht, noch wusste er, was ihn zu seiner tadelnswerten Untat veranlasst hatte. Es war der Redaktion der Abiturzeitung seines Jahrgangs zu verdanken, die den Eintrag neben anderen Kuriositäten in alten Klassenbüchern gefunden und im Juni 1990 in der Abituzeitung veröffentlicht hatten:

    „Krantz, Joachim muss wegen Bibelaufessens getadelt werden.“

Obwohl Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht sich selbst mit diesem Tadel ein Armutszeugnis ausgestellt hatte, war ihm Joachim Kranz in Dankbarkeit verbunden. Wäre der Religionslehrer nicht so komplett vernagelt und ahnungslos gewesen, könnte Joachim Kranz den Zeitpunkt seiner Erweckung nicht auf das Jahr 1985 terminieren.

Im Jahr 1991 begann Joachim Krantz an einer kleinen katholischen Universität im belgischen Flandern ein Studium der Religionswissenschaft mit dem Ziel, Priester zu werden. Bei seinen Bibelstudien stieß er auf eine Stelle im Alten Testament, die seine in kindlichem Unverstand begangene Tat in ein ganz neues Licht rückte: Im Bericht des Ezechiel von seiner Berufung als Prophet erscheint ihm Gott Jehova am Himmel und spricht:

    „Mach deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe!‘ Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle hielt. (…) Die Stimme fuhr fort: ‚Du Mensch, iß diese Buchrolle auf! Fülle deinen Magen damit!“ Da aß ich die Rolle; sie war süß wie Honig. (Ezechiel, Kapitel 2 u. 3).

Es geschah, dass Joachim Krantz bei einer geselligen Zusammenkunft vor Kommilitonen leichtfertig die unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter leugnete. Hinterhältige Kommilitonen trugen die Äußerung der Universitätsleitung zu. Und flugs wurde ihm wegen Häresie die kirchliche Lehrbefähigung, die Missio kanonika, aberkannt. Plötzlich sah er sich von der Mutter Kirche verstoßen, verlor den Halt, verfiel dem Alkohol und nahm bewusstseinserweiternde Drogen. Unter deren Einfluss wurde ihm ein göttlicher Auftrag zuteil. Hatte er sich doch genau wie der Prophet Ezechiel das Wort Gottes einverleibt, als er Seiten aus der Bibel aß. Krantz wandte sich von der katholischen Lehre ab und gründete seine Erweckungsbewegung „de melle biblie“, das ist von der honigsüßen Bibel. Doch der Reihe nach:

Fortsetzung: Ein Schismatiker namens Willi

Schriftwissenschaft: Ypsilon – Der Scheidweg der Hyäne

„Ganz schön todesmutig“, sagte ich beim Aufwachen. Im Traum hatte jemand einer Hyäne ein Hundehalsband umgelegt und wollte sie spazieren führen. Ob das gelang oder ob sie ihn gebissen hat, weiß ich nicht. Ich erwachte und dachte: „Hyäne“ ist ein interessanter Fall der Orthographie. Der Buchstabe Ypsilon hat im Deutschen drei Lautwerte. In Wörtern wie Yacht oder Yoga entspricht Ypsilon dem Konsonanten „j“, bei Sylt oder Mythos dem Umlaut [Vokal] „ü.“ Am Wortende bei Party, Curry steht Ypsilon für „i“. Beim Wort Hyäne nun vereint Ypsilon zwei Lautwerte, ist Umlaut ü und Konsonant j .

Das über das Wort Hyäne, bei dem Y Konsonant und Vokal gleichzeitig ist. Bei der Gelegenheit etwas über den seltsamen Buchstaben Ypsilon: Y ist der 25. Buchstabe des lateinischen Alphabets, wurde von den Römern mit dem griechischen Alphabet übernommen, wo Y der 20. Buchstabe ist. Die Römer hängten Ypsilon im lateinischen Alphabet hinten an, weil sie dafür keinen Lautwert hatten. Ypsilon wurde nur benötigt, um griechische Namen im Lateinischen zu schreiben. Darüber hinaus war der Buchstabe Y ein beliebtes Symbol von der Antike bis ins 18. Jahrhundert: Der untere Stamm des Ypsilon symbolisiert die lautere und reine Kindheit, die Äste stellen die Gabelung des Lebensweges dar, an dem der Heranwachsende wählt, links den bequemen Weg des Lasters, rechts den steilen, steinigen Weg der Tugend.

Kartoffelstempel Ypsilon auf Scanner – Grafik: JvdL

In der Literatur hat das Ypsilon viele Namen: Der „bifurcata littera“, „littera Pythagorae“, „Libre arbitre“, „der Scheidweg des Herkules“ „die Kreuzwegsfigur des Pythagoras.“ Ich habe einige Belege aus der Literatur zusammengetragen:

Vergil (AENEIS, Sechster Gesang):

    „Hier ist der Ort, wo die Straße sich teilt in verschiedene Wege.
    Rechts, da zieht sie sich hin zum Palast des mächtigen Pluto,
    Führt auch zum Elysium hin; doch jene zur Linken
    Straft die Bösen mit Qual und führt zu des Tartarus Schrecken.“

Richard de Bury, Bischof von Durham, verwendet das christlich umgedeutete Bild in seinem berühmten Buch von der Bücherliebe, dem PHILOBIBLON (1344), in der ruhigen Gewissheit, dass die Leser seiner lateinisch verfassten Abhandlung die gelehrte Anspielung verstehen. In der Klage der Bücher gegen wohlbestallte Geistliche heißt es:

    „Soll aber die Gefahr der Jugend euch bezwingen, und ihr, wenn ihr zur Kreuzwegsfigur des Pythagoras gelangt, den linken Ast erwählen und rückwärts abirrend den aufgenommenen Weg des Herrn verlassen und ihr zu Diebsgenossen werden….“

– dann kann der gefallene Priester nur noch durch das Zeugnis der Bücher vor dem Galgen gerettet werden. (Aus der Übersetzung von Max Frensdorf).

200 Jahre später, das ganze auf gut Deutsch gesagt – Hans Sachs verdeutlicht Vergil:

    (dieser buchstabe) wirt ein ypsilon genandt.
    Virgilius der spricht (versteh!):
    dieser buchstab Pytagore
    ist oben zerspalten von weytten
    gleich wie zway hörner auff baid seyten,
    an zu schawen, sam zeig er, das
    menschlichs leben zwayerley strasz

Hans Sachs; der buchstab Pitagore Y, baiderley strasz, der tugent und der untugent (1534), (zitiert a. d. Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm).

Das Motiv zeigt sich auch versteckt in einem Schwank des 16. Jahrhunderts, „Ein Witziger folgt einem Narren“ [aus: Joseph Weigert, Deutsche Volksschwänke des sechzehnten Jahrhunderts, Kempten 1925.] Der linke Weg ist hier „der glatte Weg der Sünde“, der vom Leib (dem Narren) bevorzugt wird, während die gescheite Seele den rauhen, steinigen Weg wählen will. Der Schwank enthält eine Moral, dass nämlich die Seele nicht den Verlockungen des Leibes nachgeben dürfe, sonst droht beiden das Verderben. [Zum Vergrößern bitte klicken. Die Schwanksammlung ist unter dem Link zur UB Marburg online einzusehen. (Nachweis Archivalia]

Letztes Beispiel: Der Dichter Jean Paul (1763-1825) kannte „in Spaa einen Croupier“, der in seiner Jugend ein Strauchdieb gewesen war. Dieser Mann verkündete, „der Wind fänd‘ ihn längst am Galgen, wär‘ ihm nicht, da er auf dem Scheidweg des Herkules schon den linken Fuß auf den Höllenweg hingehalten hätte, auf dem Tugend- und Himmelswege der Genius der Tugend in Gestalt des Spiels entgegengeritten.“ (Jean Paul; Untertänigste Vorstellung unser, der sämtlichen Spieler und redenden Damen in Europa, entgegen und wider die Einführung der Kempelischen Spiel- und Sprachmaschinen)

Bis ins 18. Jahrhundert ist das Sinnbild des Ypsilons offenbar noch allgemein geläufig, aber die Vorstellung, die Jean Pauls Croupier von Tugend hat, ist schon ziemlich verwaschen. Richtig ist jedoch, dass Croupiers in der Regel nicht am Hals aufgehängt werden. Ansonsten müsste es frei nach Brecht heißen: Was ist das Ausrauben einer Bank gegen das Halten der Bank?

Ob die Hyäne meines Traums zugebissen hat, hängt davon ob, für welchen Scheidweg sie sich entschieden hat, Hund oder Bestie.
[Ypsilon: Aus Buchkultur im Abendrot]

Ein Zettel zum Totlachen

Aus dem Regal eines Supermarktes fischte ich eine Einkaufsliste. Jemand hatte sie zu den Plastiktüten unter dem Förderband gestopft. Solche Zettel sind alltagsethnologische Dokumente, geben Auskunft über Einkaufs- und Orthographiegewohnheiten und über den Zustand unserer Handschrift. Dieser hier trägt auf der Vorderseite die Einkaufsliste, auf der Rückseite eine rätselhafte Botschaft:
„manche mögen es schon kennen wiederum die die es nicht kennen werden sich Tod lahen“.

Zunächst fällt die radikale Kleinschreibung auf, die allein beim Wort „Tod“ aufgegeben wurde. Auch „Tod lahen“ entspricht nicht der herkömmlichen Orthographie, es müsste nach alter wie neuer Rechtschreibung „totlachen“ heißen. Die Sonderstellung von „Tod“ wirkt bedrohlich. Das fehlende „c“ bei lachen und der Verzicht auf Punkte und Kommata verleihen der Botschaft etwas Atemloses. Trotzdem wurden die Zeilen nicht rasch geschrieben, wie etwa unter einem erstickten Lachanfall, denn die hübschen Buchstaben sind bis zuletzt sauber ausgeführt.

Die Einkaufsliste auf der Vorderseite ist mit Bleistift geschrieben, die Rückseite mit Kugelschreiber. Beide Aufschriften sind also zu unterschiedlichen Zeiten entstanden. Demnach ist der Schreiber noch einkaufen gegangen, nachdem er die unfertige Ankündigung verfasst hatte, anders als jene „wiederum“, die „es“ schon kennen. Wenn die Prophezeiung des Textes stimmt, müssen sie sich bereits in den Tod gelacht haben, liegen vermutlich glucksend in der Kiste und kriegen sich nicht mehr ein. Darauf verweist das Präsens, denn sonst müsste es heißen: „Manche kannten es schon.“

Den Grund für deren Lachtod teilt der Schreiber nicht mit. Man mag das bedauern, doch die Unterschlagung des Anlasses ist ganz offenbar eine notwendige Sicherheitsmaßnahme. Nicht einmal der Schreiber hat gewagt, sein Wissen zu Papier zu bringen, und das erklärt auch, warum er selbst überlebt hat und noch „Lambrusko 9% Rotwein“ nach Hause tragen konnte.

Warten auf Sabine Kaufmann

Der Mensch kann nicht immer alles gleich gut. Du wirst morgens wach und merkst, hui, heute bin ich irgendwie … was weiß ich was. Gibt Tage, da fallen mir die passenden Wörter nicht ein. Anderntags geht mir das Maul über, und die Sätze fließen ohne eigenes Zutun heraus, so dass ich nebenher Zeit habe zu denken, was ist denn das? Hat man mir letzte Nacht das Sprachzentrum tiefer gelegt und Heckspoiler montiert?

Ähnlich ist’s mit dem Schreiben. Tastentippen geht immer, allein die richtige Reihenfolge will mir manchmal nicht einfallen. Dann bin ich froh, dass ich einen ganzen deutschen Satz hinbekomme. Doch habe ich den Punkt gemacht, tut sich gar nichts mehr. Überbelastung des Systems, der Textgenerator wurde vorsichtshalber runtergefahren. Leichte Schläge auf den Hinterkopf helfen übrigens nicht, Kopfstand schon eher.

Man schwingt mental in Wind und Wetter. Es gibt im Kopf Hochs und Tiefs, Flauten, Brisen und Orkane, was darauf schließen lässt, dass alles vom Wetter bestimmt ist. Zur Zeit kündigt sich in meinem Kopf Tief Sabine an. Tief Sabine ist übrigens nach einer gewissen Sabine Kaufmann benannt. Sie hat die Patenschaft gekauft oder man hat ihr das Tief zum Geburtstag geschenkt. Mir ist heute richtig Sabine im Kopf und manchmal auch irgendwie Kaufmann. Hoffentlich hat wenigstens Sabine Kaufmann viel Spass mit ihrem Tief und lässt im Unwetter nicht die Nase hängen, weil sie quasi von sich selber durchgerüttelt und nass gemacht wurde. Das hätte sie dann davon.

Bemüht man die Google Bildersuche nach Sabine Kaufmann, schaut einen eine Riege freundlich lächelnder Damen an, und man käme nicht so schnell auf die Idee, dass auf allen medialen Kanälen landauf, landab vor einer von ihnen gewarnt werden müsste. Wer von den Damen die Namensgeberin des Wettertiefs ist, das mit schwerem Sturm, Orkanböen und Starkregen übers Land zu ziehen sich anschickt, weiß ich nicht. Es muss eine umwerfende Frau sein. Sie kann sich in dem zweifelhaften Vergnügen sonnen, dass in ihrem Namen die Republik verwüstet werden wird.

Wetterpatenschaften für Hochs oder Tiefs werden von der TU Berlin vergeben, man kann sie zum Festpreis von 299,- Euro (Hoch) und 199,- Euro (Tief) kaufen. Im Jahr 2020 werden die Tiefs nach Frauen benannt. Hochs bekommen Männernamen. Das wäre verlockender für mich. Freilich „Hoch Trithemius“ – das geht gar nicht. Das klingt ja wie ein Jubelruf, bei dem die Leute aus der Menge die Hüte hochwerfen wie im Lurchi-Comic. „Sturm Sabine“ heißt übrigens in Belgien „storm Ciara.“ Wer dort die Wetterpatenschaft verhökert, weiß ich nicht. Früher war Petrus für das Wetter verantwortlich. Offenbar will er nicht mehr, hat das Wetter quasi freigegeben an jeden, der blechen kann. Eine Welt, in der man sogar den Himmel kaufen kann, ist wirklich rettungslos verloren.

Mein Baum, dein Baum – Über Sprache und Verstehen

Ein Mangel unserer Sprache ist die fehlende Eindeutigkeit. Wir brauchen Gestik und Mimik des Sprechers als sprachbegleitendes Zeichensystem. Diese so genannten nonverbalen Zeichen lesen wir beim Sprecher intuitiv ab, verstehen sie ohne dass uns das bewusst würde. Das weist darauf, dass die nonverbalen Zeichen noch viel älter sind als unsere Lautsprache. Sobald sich die Sprache vom Sprecher entfernt, räumlich oder zeitlich, verliert sie ihre Eindeutigkeit, wird mehrdeutig und somit interpretierbar. Abstand erlaubt Urteile.

Besonders die Schrift bringt ja eine Entfernung vom Sprecher mit sich. Schon beim Aufschreiben entfernt sie sich vom Schreiber selbst. Denn was er zuvor gedacht oder gesagt hat, wird jetzt in ein Zeichensystem übertragen, steht ihm dann in Sätzen vor Augen und wirkt auf sein Denken zurück. Während ich das hier schreibe, halte ich immer wieder inne, lese, was da steht und beurteile es hinsichtlich der Klarheit und Verständlichkeit. Das wiederum wirkt auf mich zurück. Es ordnet meinen Gedankenfluss und regt neue Gedanken an. Zugleich ist ein Adressat immer mitgedacht.

Wenn wir beispielsweise einen Brief schreiben, dann berücksichtigen wir Zeitfaktoren. Wann hatten wir zuletzt Kontakt, was ist seither geschehen und was ist wichtig genug mitgeteilt zu werden? Gleichzeitig reflektieren wir das Verhältnis zum Briefpartner. Wie stehen wir zueinander, wie reden wir miteinander, wie ist der Verständnishorizont. Das alles ist fast unmöglich zu bedenken, wenn wir für unbekannte Adressaten schreiben. Dann löst sich die geschriebene Sprache völlig von uns ab und ist der willkürlichen Lesart von völlig Unbekannten ausgesetzt. Die Kommentare im Blog sind so ein Fall. Angeregt durch einen Text, der in einem Blog zu lesen ist, kommentiert man.

Manchmal kommentiere ich bei Leuten, die ich kaum kenne. Dabei ist mir aufgefallen, dass nicht alle Äußerungen so verstanden wurden wie ich sie gemeint hatte. In solchen Fällen sind Wörter und Worte wie Törchen zwischen Dir und mir. Diese Törchen ermöglichen die Teleportation von Kommunikation durch Raum und Zeit. Doch die Worte kommen möglicherweise anders aus dem Tor heraus als sie hineingegangen sind.

Ein konstruiertes Beispiel: Du lebst in einer Kultur, in der Bäume als etwas beinah Heiliges angesehen werden. Manche von euch suchen regelmäßig einen mächtigen Baum auf und umarmen ihn. Ich dagegen bin in einem Sägewerk aufgewachsen. Da habe ich täglich gesehen, wie aus Bäumen Bretter gesägt werden. Wenn ich dir jetzt das Wort „Baum“ schreibe, ist die lexikalische Bedeutung uns beiden klar, aber wir verbinden völlig unterschiedliche Gefühlswerte mit Bäumen. Also schicke ich das Wort Baum mit dem Gefühlsgehalt Balken und Bretter und du liest heiliger Baum.

Sprachwissenschaftlich heißt die lexikalische Bedeutung Denotation, die Gefühlswerte heißen Konnotation. Auch wenn die Denotation uns völlig klar ist, können die Konnotationen stark voneinander abweichen. Wir haben das zugegeben nicht sehr differenzierte nonverbale Zeichensystem der Emoticons, um unseren Worten Gefühlswerte mitzugeben. Trotzdem können die Konnotationen von Wörtern auch innerhalb einer Sprachgemeinschaft regional und unter den Angehörigen personal so stark variieren, so dass es ein Wunder ist, dass die Welt nicht von Missverständnissen brummt. Dass wir trotzdem überwiegend erfolgreich kommunizieren, verdanken wir der zunehmende Verfeinerung unserer Intuition.