Vor dem Gericht

Am Eingang des Amtsgerichts, dem Justizpalast aus Kaiser Wilhelms Zeiten, steht eine lange Menschenschlange bis auf den Bürgersteig. Vor mir ein junges Paar. Die blonde Frau trägt einen schwarzen Mantel. Genau zwischen ihren Schulterblättern ist die Naht ein wenig aufgeplatzt. Ich habe genügend Zeit, darüber nachzudenken, wie das wohl passiert sein mag, denn eine Weile geht es nicht voran. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt richtig anstehe. Das Amtsgericht hat noch zwei Erweiterungsbauten, mit denen es auf der ersten Etage je durch eine verglaste Brücke verbunden ist. Ab und zu treffen Leute ein, die offenbar glauben, wir stünden wegen einer warmen Suppe vor dem klotzigen Gründerzeitgebäude an und nicht wegen so hoch wichtiger Sachverhalte, derentwegen sie gekommen sind. Oder sie vermuten, wir wären Mitglieder einer Sekte von perversen Schlangenstehern oder aber zu doof, uns vorzudrängen. Sie zwängen sich an der Schlange vorbei, kommen aber allesamt zurück und müssen sich notgedrungen und zu Recht beschämt hinten einreihen. Voran geht’s schubweise. Ich bin schon froh, die Außentreppe überwunden zu haben, doch komme genau in den offenen Eingang zu stehen, wo aus einem seitlichen Schlitz warme Luft strömt, offenbar als Barriere gegen die Kälte.
Wie ich noch darüber nachdenke, wo man die Luft wohl ansaugt, die mir um die Ohren geblasen wird, ob sie nicht mit irgendwelchen Kellerkeimen belastet ist, wo ich doch seit jungen Jahren weiß, dass in Kellern, Höhlen und Grüften ein Mikrobenstamm auf mich lauert, um sich schmatzend und zehrend über meine kostbarsten Zellen herzumachen, dass ich, ach, ich darf gar nicht darüber nachdenken, sonst hat es mich morgen erwischt … ah, es geht weiter! Wir dürfen drei Schritt vortreten in eine Sorte Eingangshalle. Aus dieser Vorhölle führt wiederum eine Treppe hinauf, dass der Bürger, der sich bereits auf einer Ebene wähnte mit der richtenden Obrigkeit, sich zurückgestuft fühlt in seine mauskleine Existenz. Vor dem Gericht gibt es Treppen zu überwinden.

Wie ich endlich am Fuß der inneren Eingangstreppe ankomme, sehe ich oben einen Justizvollzugsbeamten in martialisch schwarzer Uniform den Zugang bewachen. Wieder lässt er fünf Menschen vortreten. So komme ich auf die erste Stufe der Treppe zu stehen und hab immer noch die aufgeplatzte Naht vor Augen. Schön, wenn man sich an etwas halten kann – und wenn es nur die losen Fäden einer aufplatzenden Naht sind. Ich mag nur ungern auf einer Treppe stehen. Treppenstufen sind Nichtorte. Man betritt sie, um sie wieder zu verlassen. Der französische Philosoph Michel Foucault hat eine Theorie der Nichtorte entwickelt. Er nennt sie „Heterotopien“, „Orte außerhalb aller Orte.“ Nach seiner Ansicht zeigen sie kommunikative Verwahrlosung. Natürlich gibt es Treppenstufen, die man zweckentfremden mag, um auf ihnen zu sitzen und zu plaudern, nur nicht hier. Niemand käme auf die Idee, auf der Justiztreppe zu sitzen, um zu plaudern. Jede, jeder ist in ihrer/seiner problembeladenen Welt befangen. Welcher höhere Beschluss mag sie hergeführt haben?

Ein Blick zurück verrät, es warten etwa hier und draußen gut hundert Leute. In wie vielen Köpfen mag an Kafkas Parabel „Vor dem Gesetz“ gedacht werden? Ich jedenfalls muss die ganze Zeit daran denken, dass ich eventuell anstehe, ohne je vorgelassen zu werden. Am Ende wird der Justizwachtmeister mich zur Seite winken und mir bedeuten, dass ich heute wie alle Tage zuvor vergeblich gekommen bin. Aber nein, als ich mich an die Naht der Blondine hefte, ist er machtlos und lässt mich durch. Vor uns eine weitere Schlange, geführt durch feste Absperrbänder. Wo sie nach rechts abknickt, sehe ich Menschen Jacken und Mäntel ablegen. Männer ziehen ihre Gürtel aus der Hose. Warum das? Drei, vier, fünf Justizbeamte, jeder martialischer als sein Vorgänger, verlangen das und anderes. Einer legt flache graue Plastikboxen zurecht, worein man Oberbekleidung, Taschen und die Gürtel packen soll. Das Zeug fährt durch eine Schleuse, wird da kontaminiert oder dekontaminiert, vielleicht auch durchleuchtet, das dazu gehörende Menschlein muss unter den wachsamen Blicken des Grimmigsten der Grimmigen durch eine Personenschleuse treten. Manche werden zusätzlich abgetastet. Ich nicht. Offenbar traut man mir nicht zu, eine Kalaschnikow am Körper versteckt zu tragen, aber bei der Blondine wird hoffentlich genau geguckt, warum wohl die Naht an ihrem Mantel aufgeplatzt ist. Wir dürfen uns wieder bekleiden.

Das ganze ist zweifellos eine Prozedur der kommunikativen Verwahrlosung. Später werde ich aus einem Halter ein DIN-A4-Blatt mit einem sogenannten „Vorwort“ und dem Foto einer freundlich lächelnden Justizministerin entnehmen. Der Text beginnt mit der Anrede: „Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger und endet „Mit freundlichen Grüßen, Ihre Barbara Havlitza.“ Es geben sich ja nur die untersten der Unterbeamten grimmig. Je weiter man in der Hierarchie hinaufkommt, desto jovialer tut man. Das ist freilich keine Kunst. Nur die Unteren der Untersten kommen mit dem wahren Leben in Berührung, mit den Auswürfen und Sumpfblüten aus dem Bodensatz der Gesellschaft. Und eben auch mit mir, der ich keine Leibesvisitation erfordere.

Vor Jahren bin ich schon einmal im Amtsgericht gewesen. Da sollte ich als Zeuge gegen einen Taschendieb auftreten. Bei der Polizei hatte man mir Bilder gezeigt. Ich hatte niemanden erkannt, doch der Polizist wusste längst Bescheid, erkannte seinen Pappenheimer auch ohne mich. Leider hatte man mich nicht aufgerufen, so dass ich hätte sagen können, dass ich zwar bestohlen worden war, aber nicht von dem armen Sünder, der vor Gericht stand. Jedenfalls erinnere ich mich nicht an eine Personenkontrolle. Ob es einen aktuellen Anlass gibt oder ob die Staatsmacht ihren Bürgern allgemein nicht mehr traut und sie grundsätzlich unter Generalverdacht stellt? Was für Zeiten? Ich weiß auch nicht, wohin ich mich wenden soll, nachdem ich die Eingangskontrolle passiert habe.
„Wo erfahre ich denn jetzt, wohin ich muss?“, frage ich einen Grimmigen.
„Was steht denn auf Ihrer Vorladung?“
„Ich bin nicht vorgeladen, komme auf eigene Veranlassung, um ….“
„Name?“, will er wissen, schaut auf einer mir unzugänglichen Hinweistafel nach und sagt: „Raum 2162.“

    Kleine Pause – die Stunde des Wolfes naht. Ich muss endlich zu Bett.


Ich steige eine Steintreppe hinan, die sich in höhere Sphären schwingt, und schreite schier endlose Gänge ab. Da sind einige Abzweigungen zu nehmen. Eine Mutter mit ihrem halbwüchsigen Sohn ist aus dem gleichen Anlass gekommen wie ich und fragt mich nach dem Raum. Ich sage „Raum 2169“ und finde bald den richtigen, während die beiden weiter irren. Es muss in einem selten geputzten Winkel meines Ichs ein kleiner Halunke hocken, der falsche Auskünfte gibt, um mir ungebeten einen Vorteil zu verschaffen. Ich klopfe an die schwarzgebeizte Eichentür, höre nichts und trete einfach ein. Eine junge Justizangestellte zwischen Regalen mit Tausenden grüner Akten in Hängeregistern an allen Wänden fragt: „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich möchte …“, ach, wie schön, dass es für Verwaltungsvorgänge Formulare, Fachbegriffe und vorgeschriebene Verfahrensweisen gibt, eine soziale Errungenschaft, ein Triumph von Recht und Demokratie. Es verspricht selbst in einer Architektur des Obrigkeitsstaates Gleichbehandlung nach allgemein bekannten Vorschriften. Ich muss nicht bei abweisenden Unterbeamten der übermächtigen Bürokratie eines Despoten vorsprechen und Bücklinge machen, damit man mich anhört. Da wüsste ich nicht einmal die devoten Wendungen und Floskeln, sie gnädig zu stimmen. Und ließen sie mich reden, bekäme ich dann die richtigen Worte heraus, den Sachverhalt klar, knapp und überschaubar darzulegen? Sie würden erwarten, dass ich die notwendigen bürokratischen Ausdrücke kenne, damit sie mich weiterschicken können zu höheren Stellen, wo ich erneut vortragen müsste, warum ich gekommen war. In der Aufregung würde ich wichtige Einzelheiten meines Anliegens vergessen, und es könnte geschehen, dass man mich gar nicht erst ausreden ließe, dass man einen flüchtigen Blick auf meine zerfledderten Unterlagen werfen und stumm auf eine Tür zeigen würde, durch die ich unversehens wieder nach draußen gelänge. Und stünde ich ratlos auf dem Vorplatz, wüsste ich nicht einmal, ob es davon abgehangen hätte, die richtigen Worte zu finden, oder ob sie mich in jedem Fall durch den Nebenausgang geschickt hätten. Denn ich hätte ja kein Recht eingefordert, sondern Gnade erbeten.

So aber setze ich mich ungebeten, sage die richtigen Worte, krame meine Unterlagen heraus und übergebe sie. Schon ist die Justizangestellte hinter einem wirklich großen Monitor verschwunden. Ich sehe darunter nur eine Tastatur und das anmutige Ballett ihrer Finger, wie sie spielerisch über die Tasten eilen und offenbar ein Dokument erzeugen, das sich ausdrucken und in eine grüne Hängeakte heften lässt. Sie schreibt mit der Hand einige Vermerke auf den Aktendeckel, erhebt sich dann und fordert mich auf, sie zu begleiten. Eine Sturmböe scheint sie durch den Gang vor mir her zu treiben, so dass ich kaum folgen kann. Als ich kürzlich bei Rewe eine junge Verkäuferin vom Einräumen aufgestöbert und nach veganem Eis gefragt habe, eilte sie ebenso schnell vor mir her zum anderen Ende des Ladens, blickte aber ständig über die Schulter zurück, um sich meiner zu versichern. Diese Rücksicht nimmt die Justizfachangestellte nicht, so dass sie am Ziel eine unbeteiligt herumstehende Frau anweist, vor der Bürotür zu warten, hinter der sie zu verschwinden gedenkt.

    Kleine Pause – ich muss duschen und hernach zu einem Termin.

Mittag ist’s, da ich das Thema wieder aufnehme. Derweil ich darauf gewartet habe, dass aus meinem Anliegen eine Akte wird, sehe ich durch eine offene Seitentür Mutter und Sohn in ein ähnliches Büro eintreten. Unsere Blicke treffen sich, und der Halunke in mir entschuldigte sich mit einem Bückling. Der Raum, vor dem ich warten muss, liegt gegenüber der Damentoilette für Angestellte. Zwei schwerst adipöse Justizfachangestellte schließen ihn auf und verschwinden darin. Die junge Frau, die mich bald in ihr Büro ruft, hat ihre Figur erkennbar im Fitnessstudio gefestigt. Sie muss, um mein Dokument zu fotokopieren, auf den Gang hinaus, etwa 25 Meter laufen zum Fotokopiergerät.

„Das ist hier bei Ihnen umständlich organisiert, wenn Sie zum Fotokopieren hinauslaufen müssen“, sage ich. „Aber so bleiben Sie wenigstens fit.“

„Ja, wenn ich den ganzen Tag auf meinen vier Buchstaben sitze, bin ich froh, mal aufstehen zu können.“ Ich bin kurz vom Euphemismus „meine vier Buchstaben“ befremdet. Es ist mir zu intim. „Wenn ich den ganzen Tag sitze“ hätte ja gereicht. Mutter und Sohn sind übrigens vor mir schon abgefertigt. So gibt es im Justizpalast wenigsten in kleinen Dingen ausgleichende Gerechtigkeit.

Ich erinnere mich, dass ich in meiner Jugend weder von Ärzten noch von Richtern etwas Gutes erwartet habe. Die älteren hatte ich im Verdacht, in der Nazizeit an Untaten beteiligt gewesen zu sein. Noch in den 1970-er Jahren, als ich gegen die Bundesrepublik Deutschland mein Recht auf Kriegsdienstverweigerung herbeigeklagt habe, da dachte ich im Düsseldorfer Justizpalast: „Jeder, der an mir vorbeigeht“, ist ein Nazi. Es war Unrecht, denn zumindest der Richter, der mich offiziell zum Kriegsdienstverweigerer erklärt hat, kann kein Nazi gewesen sein.

Ich finde über Umwege hinaus. Die Schlange ist inzwischen abgefertigt. Vor dem Amtsgericht erfasst mich eine Sturmböe, so dass ich kaum vorankomme. Ich bin unfassbar müde. Der steinerne Moloch hat mir alle Kraft ausgesogen.

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