Vor dem Gericht

Am Eingang des Amtsgerichts, dem Justizpalast aus Kaiser Wilhelms Zeiten, steht eine lange Menschenschlange bis auf den Bürgersteig. Vor mir ein junges Paar. Die blonde Frau trägt einen schwarzen Mantel. Genau zwischen ihren Schulterblättern ist die Naht ein wenig aufgeplatzt. Ich habe genügend Zeit, darüber nachzudenken, wie das wohl passiert sein mag, denn eine Weile geht es nicht voran. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt richtig anstehe. Das Amtsgericht hat noch zwei Erweiterungsbauten, mit denen es auf der ersten Etage je durch eine verglaste Brücke verbunden ist. Ab und zu treffen Leute ein, die offenbar glauben, wir stünden wegen einer warmen Suppe vor dem klotzigen Gründerzeitgebäude an und nicht wegen so hoch wichtiger Sachverhalte, derentwegen sie gekommen sind. Oder sie vermuten, wir wären Mitglieder einer Sekte von perversen Schlangenstehern oder aber zu doof, uns vorzudrängen. Sie zwängen sich an der Schlange vorbei, kommen aber allesamt zurück und müssen sich notgedrungen und zu Recht beschämt hinten einreihen. Voran geht’s schubweise. Ich bin schon froh, die Außentreppe überwunden zu haben, doch komme genau in den offenen Eingang zu stehen, wo aus einem seitlichen Schlitz warme Luft strömt, offenbar als Barriere gegen die Kälte. Weiterlesen