Geschnarrt, geschellt und geklingelt

    Wenn, als ich jung war, geklingelt oder geklopft wurde, ward ich vergnügt, denn ich dachte, nun käme es. Jetzt, wenn es klopft, erschrecke ich, denn ich denke: “da kommt’s”
    (Arthur Schopenhauer, 1822)

Seit ich vor 12 Jahren meine Wohnung bezogen habe, erschreckte ich regelmäßig vor meiner Türklingel. Sie klingelte gar nicht, sondern gab einen heftig schnarrenden Ton von sich. „Schnarren“ trifft es auch nicht. Hättest du noch ein paar onomatopoetische Wörter bereit, dass ich den Klingelton wenigstens verbal konservieren kann? Warum? Gibt es nichts Wichtigeres auf der Welt als meine Türschnarre? Vielleicht. Wer will das entscheiden? Zumindest wäre ihr kurz nachzurufen, denn gestern wurde bei uns an der Haustür ein schickes neues Klingelbrett installiert. Im ganzen Haus bekamen wir neue Haustelefone mit Türöffner. Ich musste den Monteur in meiner Wohnung alleine lassen, denn ich hatte einen Termin. Als ich zurückkam, war das neue Teil an der Wand, so dass ich das alte nicht einmal hätte fotografieren können. Bevor ich ging, hatte mir der Elektriker noch die „Bedienungsanleitung für den Endkunden“ in die Hand gedrückt. Wieso „Endkunde?“ Früher wäre ich mit dieser Frage unruhig zu Bett gegangen und hätte schlecht geträumt von einem Endgegner oder so. Dank Internet konnte ich vor dem Schlafengehen die Antwort in einem Wirtschaftswiki lesen:

    „Endkunde ist der letzte Käufer bzw. Verwender eines Gutes. Da Käufer und Verwender auseinanderfallen können, zeigt sich wieder einmal, dass viele Begriffe im Marketing nicht eindeutig sind.“

Jaha! Uneindeutig. Ist halt BWL-Chinesisch. Aber kein Grund, mir das Auseinanderfallen nachzusagen. Unverschämtheit! Nochmal zurück. Alleweil ändert sich was, und wie es zuvor war, das versinkt sang- und klanglos im Orkus. Ich gestatte mir, daran zu erinnern, wie ich mal völlig unberechtigte Angst vor meiner Türschnarre hatte:

    Neun Uhr morgens. Unten auf der Ecke wartete ein Taxi. Ich schaute eine Weile hin, aber es kommt kein Fahrgast. Für einen Augenblick überlegte ich, ob ich ein Taxi bestellt hätte. Dann wunderte ich mich, dass ich, noch im Schlafanzug hinterm Fenster stehend, mir überhaupt eine derartige Frage stelle. Wie lange wird der Taxifahrer dort unten warten, bevor er ungeduldig wird, aussteigt und irgendwo Sturm klingelt, womöglich brutal meine Schelle presst, so dass ich mitmuss wie ich grad bin. Wo lasse ich mich hinfahren? Im Schlafanzug könnte ich mich höchstens auf der Limmerstraße zeigen. Da würde ich im Schlafanzug nicht auffallen. Allein die Durchgeknallten, die Lindener Sumpfblüten würden mich für ihresgleichen halten wie die Penner damals in Aachen, als ich in den Eingang ihres Sauftreffs gefallen bin.

    Da kam ich Abends mit dem Rad aus der Stadt, hatte was getrunken und kein Licht am Rad. Ich radelte die Trierer Straße hoch. Plötzlich überholte mich ein Polizeiauto. Damit sie mich nicht drankriegten, hielt ich an, wollte meinen rechten Fuß auf den Bordstein setzen, trat daneben und fiel der Länge nach in den zur Straße offenen Eingang einer Trinkhalle, wo sich die Berber des nahen Bahnhofs Rothe Erde trafen, um Bierflaschen und Jägermeisterfläschchen leerzulutschen.

    Ich fiel also in den Eingang und wurde von den anwesenden Pennern mit freundlichem „Hohoho!“ und „Hallohallo!“ begrüßt. Offenbar war das Hineinfallen die angemessene Weise, die Trinkhalle zu besuchen, und ich hatte mich schon im Sturz als einer der ihren qualifiziert.

    Aufgerappelt und nochmal zurück. Wieso kann ich mich fragen, Männer, ob ich ein Taxi bestellt habe, nur weil es vor dem Haus wartet? Wieso sagt mir die innere Gewissheit nicht, dass ich derlei nicht zu denken brauche? Zweifel an der Gewissheit sind ja nach Wittgenstein nur im Sprachspiel möglich.
    „Hoho, der feine Herr fährt Taxi und zitiert Wittgenstein!“
    „Hat nur den Schlafanzug am Hintern, aber lässt sich hochherrschaftlich kutschieren!“
    „Pah! Wittgenstein! Nach John Locke gründet zwar alle Erkenntnis auf Erfahrung, aber alle Gewissheit auf Intuition.“
    „Entschuldigt! Darüber muss ich erst in Ruhe nachdenken. Bis später dann!“

Upps, nochmal Glück gehabt. Und der Taxifahrer? Meine neue Klingel lässt sich abstellen. Soll er getrost meine Schelle pressen, ich hörs ja nicht, hehe.

9 Kommentare zu “Geschnarrt, geschellt und geklingelt

    • Dankeschön für Ihre Neubildung. „Schrallen“ trifft es leider auch nicht recht, Wie ich darüber nachdenke, stelle ich fest, dass meine Erinnerung an das Geräusch bereits schwindet. In ein paar Tagen ist mir jedes lautmalende Verb recht..

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  1. Herrlich!
    Ich mag diesen alten Klingeln, denn da weiß man wenigstens, was los ist.
    Man erschrickt sich, fällt vielleicht von der Couch oder wird wach.
    Die neumodischen melodiösen DINGDONGS, oder der dezente Westminsterklang, den wir haben, nimmt man manchmal gar nicht erst zur Kenntnis.

    Gefällt 2 Personen

  2. Hab auch so ein Schnarren, das sich nicht verstellen lässt. Wenn ich die Schlafzimmertür zum Mittagsschlaf verschließe, hört man es nicht, was nicht immer nützlich ist. Manchmal muss ich hernach zur Post laufen, obwohl ich bei geöffneter Tür aus dem Bett hätte springen und mein Paket entgegennehmen können.
    Mit dem neuen Telefonklingeln ist es ähnlich. Habe ich neben mir, was nicht selten der Fall ist, mein Pad stehen und lassen irgendwelche Filme oder Serien neben meinem Tun laufen, höre ich das harmlose Flöten nicht, denn – man höre und staune – heutzutage sind fast alle Filme mit irgendwelchem Hintergrundgedüdel belegt. Das eben dem Klingeln meines Telefons sehr ähnlich ist. Wer soll da den Unterschied merken? – Ich natürlich! Ich beginne, den Unterschied mehr zu erahnen als zu hören. Der Unterschied sitzt in meinem Bauch.

    Gefällt 1 Person

    • Ich überhöre mein Festtelefon manchmal, wenn ich in einem anderen Raum Musik höre. Einmal besuchte ich einen Freund. Plötzlich klingelte es gleichzeitig an der Tür und das Telefon. Da nahm er ganz verwirrt den Hörer der Haussprechanlage und sagte hinein: „Telefon!“

      Gefällt 1 Person

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