Teestübchen Stilkritik: Meisterhafte Einfachheit

Einmal, in Aachen noch, war ich bei einer Autorenlesung in einem Café namens Schnabeltasse. Der Name tut nichts zur Sache, seine Nennung hilft mir nur, mich zu erinnern. Eine junge Frau las einen Text, in dem der Vitrinenschrank in der Küche ihrer Oma vorkam. Man kennt solche Oma-Küchen-Vitrinenschränke. Wir hatten früher auch einen. Meine Frau hatte ihn hübsch lackiert, und ich brach mir die Nase daran. Ich hatte in den unteren Fächern nach Töpfen gekramt. Derweil meine Frau ein Türchen des Vitrinenoberteils geöffnet hatte, um Geschirr herauszunehmen. Als ich mich aufrichtete, stieß ich mit der Nase gegen die Kante des offenen Türchens und ging zu Boden. Ich erinnere mich, dass meine Frau ziemlich lachen musste, weil meine Nase mir schief im Gesicht stand. Vor dem Garderobenspiegel bog ich sie in etwa wieder gerade.

Über so einen Vitrinenschrank hatte die junge Autorin geschrieben. Er war nicht Schauplatz einer Handlung, sondern stand einfach im Weg. Die Frau hatte der Lust nachgegeben, den Schrank in allen Einzelheiten zu beschreiben, erst von außen, dann sein Inneres, so dass man sich als Leser bei der Nase genommen und zu einer touristischen Vitrinenschrank-Führung genötigt fand, ein barbarischer Akt bei meiner ramponierten Nase!

Seit dieser Zeit reagiere ich allergisch auf Beschreibungen und Schilderungen, die nur um ihrer selbst Willen geschrieben werden, so als würden ihre AutorInnen beim Schreiben eitle Pirouetten drehen und rufen: „Schaut nur, wie schön ich das kann!“ „Auf der Glatze Locken drehen“, nennt Karl Kraus die substanzlose Schönschreiberei. Derlei lässt mich immer an den klugen Befund des Buchdruckers Theodore Low De Vinne denken:

    „The last thing to learn is simplicity.“

Meisterschaft zeigt sich eben nicht in verbalen Häkeldeckchen oder schlimmer noch in sprachlichem Bombast, sondern im Respekt vor der Vorstellungskraft von Lesern und Hörern. Es geht darum, nicht deren Lebenszeit zu verschwenden, um „Weniger ist mehr“, um Leerstellen, um nicht Gesagtes, nicht Geschriebenes, quasi um Rücksicht auf meine geschundene Nase.

Für Tüftler: Der übersetzte Spruch als Rebus, gleichzeitig das Teestübchen-Motto. Auflösung

Das Teestübchen-Motto: Zeichnung JvdL

6 Kommentare zu “Teestübchen Stilkritik: Meisterhafte Einfachheit

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