Einiges über die schöpferischen Ursuppe

Jeremias Coster berichtete, im Hof seiner Kindheit habe es einen „Serch“ gegeben, eine rechteckig gemauerte Zisterne unter dem Vordach der leeren Ställe. Einst hatte wohl die Regenrinne zum Serch geführt, weil aber kein Vieh mehr in den Ställen stand, das getränkt werden musste, war die Zuleitung unterbrochen. Der Serch lag trocken und enthielt verstaubtes Gerümpel, das man sah, wenn die Abdeckung aus dicken Bohlen angehoben wurde. Diese Abdeckung sei sein stabiler Basteltisch gewesen.

Da habe er bei Regenwetter oft gestanden und, geschützt vom überhängenden Dach der Stallungen, irgendwas gewerkelt. Er erinnere sich daran, dass er dabei unablässig habe reden müssen. Ohne sein Zutun, sei Sprache wie Wasser aus seinem Mund geflossen, schon sinnvoll irgendwie, aber ohne verstandesmäßige Kontrolle.

Er denke nun, dass es die Ursuppe des Schöpferischen gewesen war, wie es ja in jedem schöpferischen Akt begleitende Gedanken geben müsste, unwillkürliche, wie sie in seinem kindlichen Zungenreden zum Ausdruck kamen, und absichtsvolle, die die Ideen und Motive des Handelns enthalten, die Reaktionen auf innere und äußere Anlässe und dergleichen. Diese Ursuppe des Schöpferischen könne jede/jeder in sich erkennen.

„Sie offenbar zu machen, scheint mir unmöglich“, sagte ich. „Es setzt voraus, dass man sich ständig selbst unter Beobachtung hat, also alles genau registriert, was einem gerade durch den Kopf geht. Diese Rückkopplung aber würde das Werk in Arbeit verändern.“

Coster ignorierte meinen Einwand und sagte: „Soweit in dieser Ursuppe des Schöpferischen die Absichten und Motive mitschwimmen gleich dicken Fleischeinlagen …“

„Ich bin Vegetarier!“, warf ich ein.

„…Fleischeinlagen, kann es vorkommen, dass sie untergehen und verschwinden, sei es wegen dummdreister Einwände von außen“, fuhr Coster fort und sah mich strafend an. „Oder aber, weil sie sich auflösen.“

„Wie kommen Sie darauf, Coster?“

„Ich habe tagelang einen Text verfasst und kann ihn nicht beenden, weil just die zugrunde liegende Idee sich verflüchtigt hat.“

„Wenn Ihre Suppenmetapher zutrifft, schwimmt sie ja noch in der Ursuppe herum und kann wirksam werden. Vielleicht warten Sie geduldig ab.“