Die Erweckung (1) – Ein Tadel im Klassenbuch

Joachim Krantz konnte den Zeitpunkt seiner Erweckung genau benennen. Alles begann mit einen Tadel, den sein Religionslehrer, Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht ihm in der 8. Klasse des Kaiser-Karls-Gymnasiums erteilt hatte. An den genauen Hergang erinnerte er sich nicht, noch wusste er, was ihn zu seiner tadelnswerten Untat veranlasst hatte. Es war der Redaktion der Abiturzeitung seines Jahrgangs zu verdanken, die den Eintrag neben anderen Kuriositäten in alten Klassenbüchern gefunden und im Juni 1990 in der Abituzeitung veröffentlicht hatten:

    „Krantz, Joachim muss wegen Bibelaufessens getadelt werden.“

Obwohl Oberstudienrat Franz-Josef Meister-Docht sich selbst mit diesem Tadel ein Armutszeugnis ausgestellt hatte, war ihm Joachim Kranz in Dankbarkeit verbunden. Wäre der Religionslehrer nicht so komplett vernagelt und ahnungslos gewesen, könnte Joachim Kranz den Zeitpunkt seiner Erweckung nicht auf das Jahr 1985 terminieren.

Im Jahr 1991 begann Joachim Krantz an einer kleinen katholischen Universität im belgischen Flandern ein Studium der Religionswissenschaft mit dem Ziel, Priester zu werden. Bei seinen Bibelstudien stieß er auf eine Stelle im Alten Testament, die seine in kindlichem Unverstand begangene Tat in ein ganz neues Licht rückte: Im Bericht des Ezechiel von seiner Berufung als Prophet erscheint ihm Gott Jehova am Himmel und spricht:

    „Mach deinen Mund auf und iß, was ich dir gebe!‘ Ich schaute auf und sah vor mir eine ausgestreckte Hand, die eine Buchrolle hielt. (…) Die Stimme fuhr fort: ‚Du Mensch, iß diese Buchrolle auf! Fülle deinen Magen damit!“ Da aß ich die Rolle; sie war süß wie Honig. (Ezechiel, Kapitel 2 u. 3).

Es geschah, dass Joachim Krantz bei einer geselligen Zusammenkunft vor Kommilitonen leichtfertig die unbefleckte Empfängnis der Gottesmutter leugnete. Hinterhältige Kommilitonen trugen die Äußerung der Universitätsleitung zu. Und flugs wurde ihm wegen Häresie die kirchliche Lehrbefähigung, die Missio kanonika, aberkannt. Plötzlich sah er sich von der Mutter Kirche verstoßen, verlor den Halt, verfiel dem Alkohol und nahm bewusstseinserweiternde Drogen. Unter deren Einfluss wurde ihm ein göttlicher Auftrag zuteil. Hatte er sich doch genau wie der Prophet Ezechiel das Wort Gottes einverleibt, als er Seiten aus der Bibel aß. Krantz wandte sich von der katholischen Lehre ab und gründete seine Erweckungsbewegung „de melle biblie“, das ist von der honigsüßen Bibel. Doch der Reihe nach:

Fortsetzung: Ein Schismatiker namens Willi