Mein Baum, dein Baum – Über Sprache und Verstehen

Ein Mangel unserer Sprache ist die fehlende Eindeutigkeit. Wir brauchen Gestik und Mimik des Sprechers als sprachbegleitendes Zeichensystem. Diese so genannten nonverbalen Zeichen lesen wir beim Sprecher intuitiv ab, verstehen sie ohne dass uns das bewusst würde. Das weist darauf, dass die nonverbalen Zeichen noch viel älter sind als unsere Lautsprache. Sobald sich die Sprache vom Sprecher entfernt, räumlich oder zeitlich, verliert sie ihre Eindeutigkeit, wird mehrdeutig und somit interpretierbar. Abstand erlaubt Urteile.

Besonders die Schrift bringt ja eine Entfernung vom Sprecher mit sich. Schon beim Aufschreiben entfernt sie sich vom Schreiber selbst. Denn was er zuvor gedacht oder gesagt hat, wird jetzt in ein Zeichensystem übertragen, steht ihm dann in Sätzen vor Augen und wirkt auf sein Denken zurück. Während ich das hier schreibe, halte ich immer wieder inne, lese, was da steht und beurteile es hinsichtlich der Klarheit und Verständlichkeit. Das wiederum wirkt auf mich zurück. Es ordnet meinen Gedankenfluss und regt neue Gedanken an. Zugleich ist ein Adressat immer mitgedacht.

Wenn wir beispielsweise einen Brief schreiben, dann berücksichtigen wir Zeitfaktoren. Wann hatten wir zuletzt Kontakt, was ist seither geschehen und was ist wichtig genug mitgeteilt zu werden? Gleichzeitig reflektieren wir das Verhältnis zum Briefpartner. Wie stehen wir zueinander, wie reden wir miteinander, wie ist der Verständnishorizont. Das alles ist fast unmöglich zu bedenken, wenn wir für unbekannte Adressaten schreiben. Dann löst sich die geschriebene Sprache völlig von uns ab und ist der willkürlichen Lesart von völlig Unbekannten ausgesetzt. Die Kommentare im Blog sind so ein Fall. Angeregt durch einen Text, der in einem Blog zu lesen ist, kommentiert man.

Manchmal kommentiere ich bei Leuten, die ich kaum kenne. Dabei ist mir aufgefallen, dass nicht alle Äußerungen so verstanden wurden wie ich sie gemeint hatte. In solchen Fällen sind Wörter und Worte wie Törchen zwischen Dir und mir. Diese Törchen ermöglichen die Teleportation von Kommunikation durch Raum und Zeit. Doch die Worte kommen möglicherweise anders aus dem Tor heraus als sie hineingegangen sind.

Ein konstruiertes Beispiel: Du lebst in einer Kultur, in der Bäume als etwas beinah Heiliges angesehen werden. Manche von euch suchen regelmäßig einen mächtigen Baum auf und umarmen ihn. Ich dagegen bin in einem Sägewerk aufgewachsen. Da habe ich täglich gesehen, wie aus Bäumen Bretter gesägt werden. Wenn ich dir jetzt das Wort „Baum“ schreibe, ist die lexikalische Bedeutung uns beiden klar, aber wir verbinden völlig unterschiedliche Gefühlswerte mit Bäumen. Also schicke ich das Wort Baum mit dem Gefühlsgehalt Balken und Bretter und du liest heiliger Baum.

Sprachwissenschaftlich heißt die lexikalische Bedeutung Denotation, die Gefühlswerte heißen Konnotation. Auch wenn die Denotation uns völlig klar ist, können die Konnotationen stark voneinander abweichen. Wir haben das zugegeben nicht sehr differenzierte nonverbale Zeichensystem der Emoticons, um unseren Worten Gefühlswerte mitzugeben. Trotzdem können die Konnotationen von Wörtern auch innerhalb einer Sprachgemeinschaft regional und unter den Angehörigen personal so stark variieren, so dass es ein Wunder ist, dass die Welt nicht von Missverständnissen brummt. Dass wir trotzdem überwiegend erfolgreich kommunizieren, verdanken wir der zunehmende Verfeinerung unserer Intuition.