Undenkbar

Ich möchte den Haarscheitel gerne rechts. Gibt es gute Gründe, das nicht zu tun? Wenn ich den Scheitel rechts trüge, würden meine Haare links über die Stirn fallen und meine schwache Seite beschützen. „Links sind Sie ein wenig unterentwickelt“, befand einst meine Ärztin, Dr. Helene Horn. Folglich bin ich bei gesundheitlichen Problemen immer linksseitig betroffen gewesen, also schon vorher, nicht erst, nachdem Frau Dr. Horn meine Schwäche ausgesprochen hatte. Dass ich links schwächer bin als rechts, habe ich schon früher als Frau Dr. Horn erkannt und mich gewappnet.

Wenn ich ein heikles Gespräch zu führen hatte, habe ich immer darauf geachtet, die Sitzordnung über Eck zu wählen und zwar so, dass ich dem Gesprächspartner die starke rechte Seite zugewandt habe. War er oder sie Rechtshänder wie ich, wandte er/sie mir gleichzeitig die schwache Seite zu. Für mich gehört das zu den rhetorischen Tricks, derer ich mich ohne Scham bediene. Denn wer möchte nicht gern im Gespräch die Oberhand gewinnen? Solange ich meinen Scheitel links tragen muss, weil mein Friseur oder die Haare das nicht anders akzeptieren, ist auch erlaubt, die Sitzordnung so zu wählen, dass ich vor dem Fenster sitze, der oder die andere also nicht nur mit der schwachen Seite gegen meine starke sitzt, sondern auch noch gegen das Licht blinzeln muss. Das sollte mir die rhetorische Überlegenheit sichern.

Es gibt aber auch etwas Hübsches bei der linksseitigen Schwäche. Mit dem linken, emotionalen Auge sehe ich Farben ein wenig wärmer als mit dem nüchternen rechten. Darum ziehe ich es vor, in Bus oder Bahn etwa immer mit dem linken Auge zum Fenster zu sitzen, weil mich dann die Eindrücke der Landschaft besser erreichen. Pech ist’s nur, wenn der Zug durch öde Landschaften fährt, sich quasi verirrt, weil irgendwo eine Weiche falsch gestellt war und den Zug dahin umgeleitet hat, wo man aus Sorge um die eigene psychische Gesundheit besser nicht aus dem Fenster schaut.

Man munkelt nämlich, dass gewisse Streckenstilllegungen der Bahn keine ökonomischen Gründe hatten, sondern ganz andere, dass die Lokführer und Zugbegleiter sich geweigert hätten, diese verrufenen Gleise länger zu befahren. Sie wären dann nämlich abends immer um Jahre gealtert nach Hause gekommen. Manche Ehefrauen hätten gar die Tür verrammelt und ihren schwer gealterten Bahnmännern den Zutritt verweigert. Vorzeitiges Ergrauen sei nicht selten gewesen, und tiefe Kerben um die Mundwinkel seien den Bahnmännern gehauen gewesen. Was es mit diesen gottverlassenen Gegenden auf sich hat, weiß ich nicht. Ich denke sie mir ja gerade erst aus und fürchte fast, das Entsetzen der Ehefrauen betraf undenkbare Gründe.