Tanzen mit sauren Gurken und Fisch

Nachdem die Handschrift ganz im Privaten versunken ist, gewähren Einkaufszettel einen Blick auf ihren Zustand. Dieser Einkaufszettel, gefunden im Januar 2020 bei Aldi-Nord in Hannover, Linden-Mitte fasziniert mich vor allem wegen der räumlichen Anordnung nach Sachgruppen. Obwohl die Schrift eigentlich gut lesbar ist, hat mir deshalb der letzte Punkt der Liste unten links Rätsel aufgegeben und zwar, weil mich der Kontext verwirrte. Bei „Gurke, Mandarinen, Nüsse“ erwartete ich keine „Zeitschrift“, zumal der Schriftzug unvollständig ist.

Von vorne: Während wir im schulischen oder beruflichen Schreiben formale Konventionen einhalten, ist das bei Einkaufszetteln nicht nötig. Andererseits zeigt sich beim Einkaufszettel, dass formale Konventionen nützlich sind. Es wäre sinnlos, einen Einkaufszettel so nachlässig hinzukritzeln, dass er im Supermarkt nicht gelesen werden kann. Auch hat es guten Grund, sich an gelernte Orthographie zu halten. Sie sichert das Verständnis, selbst wenn die Handschrift entgleist ist, was bei mangelnder Übung oder wie hier beim Schreiben mit Kugelschreiber droht.

Wenn in letzter Zeit heftig diskutiert wurde, ob man für den Erstschreibunterricht die verbundene Handschrift aufgeben dürfe, was Traditionalisten mit zum Teil absurden Argumenten verneinten, zeigen viele erwachsene Handschriften, dass die gelernten Verbindungen nicht mehr eingehalten oder höchst eigenwillig ausgeformt werden, ja, dass zwischen den überwiegend unverbundenen Buchstaben zum Teil disfunktionale Abstände auftreten, beispielsweise bei „Ingwer tee“ , „Toi lettenpapier“ und „B Manda rin.“ Wichtig ist zu wissen, dass diese Pausen im Schreibfluss inhaltlich nichts bedeuten. Bei „Mandarin“ fällt das Fehlen der Pluralform als grammatischer Regelverstoß auf. Ein Rechtschreibfehler findet sich bei „Johurt.“

Obwohl beim Einkaufszettel auf die meisten Verbindungen sowie die Schleifen und Girlanden der verbundenen Lateinschrift verzichtet wurde, bleibt der Eindruck einer Handschrift erhalten. Anders als die Graphologie behauptet, lässt sich nicht eindeutig sagen, ob die Schrift von Mann oder Frau stammt. Auffällig ist eine energische Ausformung einzelner Buchstaben und ihr unkonventionelles Tanzen. Sowohl Männer wie Frauen können methodisch sein und trotzdem mit viel Energie beschwingt durchs Leben gehen.

Die Gruppe „Fisch in Joghurtsoße“, „saure Gurken“, „Fisch“ zeigt spezielle Vorlieben an, „Toilettenpapier“ als letzter Punkt ist nicht ohne Komik, denn egal, was aus den Nahrungsmitteln zu Mahlzeiten zusammengerührt wird, am Ende geht doch alles den Weg des Irdischen, in unserer Kultur glücklicher Weise des Unterirdischen.