Experiment gescheitert (O) – Das Geheimnis der Vokale

Vorbemerkung des Autors: In meiner Jugend habe ich eine hektografierte Zeitung herausgebracht, die „Dampfdruck“ hieß. Ursprünglich sollte sie den skurrilen Namen „Männer aus Indien“ tragen. Für das erste Titelblatt stellte ich mir den Mergelkeller meiner Großmutter vor, in dessen Mitte ein Bollerwagen mit hochgeklappter Deichsel stand, worin dichtgedrängt fünf Männer saßen und irritiert aus der Wäsche schauten. Technische Defizite der späten 1960-er Jahre verhinderten die fotografische Darstellung.

Aber in diesen Keller meiner Großmutter, dessen Boden aus gestampfter Erde bestand und in dem nie Licht genug gewesen ist, um alle Ecken auszuleuchten, zu den Regalen mit den vor Jahrhunderten eingemachten Pfirsichen musste man sich vortasten, in diesen Keller habe ich mein schönes Teestübchen-Blog mit den drei Folgen meiner Erzählung hineingeschrieben. Doch ich bin wohlauf und will die Geschichte weiter erzählen, schon allein, um meine selige Mutter zu widerlegen, die behauptet hat, ich würde nie etwas fertig machen.

Ich habe den Bollerwagen mit den fünf Indern zur Seite geschoben und mir Platz zum Schreiben verschafft.

Mal rekapitulieren, es geht um Lichtenbergs alphabetmystisches Vokalenexperiment. .,jhtre321 – Huch, da rannte eine Maus über meine Tastatur! Kam von rechts unten und lief nach links oben. Also, wenn sie hier mitschreiben wollte, müsste sie sich schon an unsere rechtsläufige Schreibrichtung halten und in der Zeile bleiben …

Wieso Alphabetmystik? Unsere Vokale umgibt ein Geheimnis. Verschiedene Kulturen schreiben den Vokalen eine Nähe zum Göttlichen zu. Bereits im alten Ägypten priesen die Priester die Götter durch die sieben Vokale, die sie der Reihe nach ertönen ließen. A E I O U ist der Name Jehovas bei den Juden. Er kann nicht ausgesprochen werden, weil der wahre Klang der Vokale den Menschen bis zum Jüngsten Tag verborgen bleibt. Rückwärts gesprochen ist die Vokalreihe eine Anrufung des Satans. Es geht also nicht einfach um ein physikalisches Experiment mit der Schallgeschwindigkeit, sondern das Experiment hat eine sprachmagische Dimension. Zurück in die Erzählung:

Nachdem wir den Eupener abgesetzt hatten und wieder auf der Draisine saßen, sagte ich: „Wussten Sie, Madame Dobbelstein, dass das Wort „Magermilchjoghurt“ alle Vokale in der richtigen Reihenfolge enthält.“
„Lenken Sie mich bitte nicht mit ihrem Unsinn ab, Herr Ley. Um die Draisine zu fahren, brauche ich volle Konzentration.“
„Also stimmt, was ich vermutet habe, dass Sie die Draisine nur mit der Kraft ihrer Gedanken antreiben.“
„Für mich nicht schwer.“
„“Jo, wemmes ka, gohd älles leicht“, sagte der Schwabe. „“Lahmer goht’s wohl nemme? I han no an Aufdridd bei ra Möbelhauseröffnung.“
„Tut mir leid. Schneller gehts wirklich nicht. Mir ist, als würde die Strecke ansteigen.“

Die Stecke war topfeben. Aber ich kenne derlei Phänomene. Die Radsportler sagen über Streckenabschnitte, auf denen man nicht gut vorankommt, ohne dass es einen erkennbaren Grund gibt: „Hier rollt es nicht.“ Madame konnte hingegen nicht erkennen, dass es keine sichtbaren Grund für das schwierige Vorankommen gab und erklärte es sich mit einem Anstieg. Es wäre unsinnig, mit ihr zu diskutieren. Wenn sie den Eindruck hatte, sie führe die Draisine einen Anstieg hinauf, ja dann fuhr sie einen Anstieg hinauf. Auf der Kuppe oben kam Station e in Sicht. Zeit für den Schwaben, sich fertig zu machen. Er streckte schon vorher die Beine raus und rief: „I be do. Haldet Se a, Madam Dobbelschdoi, damid i abschdeiga ka!“

Fortsetzung folgt

6 Kommentare zu “Experiment gescheitert (O) – Das Geheimnis der Vokale

  1. Du bist wohlauf, und das ist die Hauptsache, also gibt es keinen Grund, die Geschichte abzubrechen. Ich jedenfalls will wissen, wie sie weitergeht (falls das hilft). Ich kann nicht erkennen, daß sie schlechter ist als anderes, was Du schreibst – es ist unterhaltsam und man lernt dazu – also liegt es an den Lesern und nicht an Dir, wenn sie sie nicht lesen wollen.;-)

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    • Danke für den Zuspruch, mein Lieber. Ich brauche gewiss noch zwei Folgen, um die Erzählung abzuschließen ud hoffe, den ausreichend langen Atem zu haben. Es ist ja leider nicht mehr so wie zu PentAgrions Zeiten, an denen du aktiv teilhattest, als eine stabile Leserschaft uns im Weiterschreiben unterstützt hat. Das digitale Schreiben und dessen Rezeption hat sich leider verändert. Auch ich habe mich dadurch verändert, schiele auf Seiten aufrufe und bin beunruhigt, wenn sie absinken. Dass man daran kein Urteil ablesen kann, ist mir klar, aber ich kann nicht verhehlen, dass es mich beeinflusst.

      Liken

    • Liebe Anna,
      schön, dich up to date zu wissen. Mir ist klar, dass eine Fortsetzungsgeschichte sperrig ist, aber mich drängt es mitunter derlei zu schreiben. Wenn ich aber spüre, dass nicht nur Kommentare und Likes zurückgehen, sondern die Seitenaufrufe meines Blogs stark absinken, komme ich von meinem Vorhaben ab, und die Geschichten bleiben Fragment wie die mit dem roten Papierfahrrad. Ich träume wohl noch immer von den Anfängen meines Bloggens, als die Rezeptionsgewohnheiten noch anders waren und mich eine stabile Interaktion vorangetragen hat. Aber das war noch vor Facebook und Twitter, wodurch das digitale Schreiben immer kurzatmiger geworden ist.

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  2. Pingback: Experiment gescheitert – Folge 3

  3. Pingback: Experiment gescheitert (5) – Acht Omas uzen einen Igel

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