Hellwach auf der Dornröschenbrücke

Eben war noch heller Tag, jetzt blitzen die letzten Strahlen der Sonne über die Hausdächer hinweg. Die Leine liegt bereits im Schatten. Breit und behäbig fließt sie zur Stadt hinaus. Der ergiebige Regen der letzten Wochen hat sie selbstgewiss gemacht. Ihre Ufer sind gesättigt, und es fehlt nicht viel, dann wird ihr Wasser ansteigen und an den Leinewiesen lecken. Ich habe angehalten auf der Dornröschenbrücke, mein Fahrrad abgestellt, lehne mich übers Geländer und schaue hinunter auf den Fluss. Das Wasser ist beinah schwarz.

Am linken Ufer, nahe der Brücke, hat sich eine Entenschar versammelt. Gut 20 Enten schaukeln auf dem Wasser. Was sie dort vereint, kann ich nicht erkennen. Mir wäre es da zu finster und zu brackig, und ich bin froh, dass mir ein gnädiges Schicksal erspart hat, eine der Enten zu sein. Von weit her zieht eine lockere Armada von Möwen heran. Die Vorhut bildet einen spitzen Keil und richtet sich gegen die Entenschar, als wäre ein Angriff, eine Seeschlacht geplant. Die Armada kommt in rascher Fahrt gegen die schwache Strömung voran. Ich gehe näher zu den Enten hin und hole meine Kamera heraus. Was mag wohl geschehen, wenn die Möwen zwischen die Enten fahren? Sie sind zwar kleiner, aber in der Überzahl. Von hinten fliegen immer mehr hinzu, wassern und schließen sich der Armada an. Welchen Beschluss mögen sie gefasst haben? Was treibt sie an? Gibt es eine unsichtbare Verabredung, dass es lohnend wäre, den Platz der Enten zu erobern? Zwei schwarze Odinsvögel haben sich eingefunden, sitzen auf dem Brückengeländer, schauen hinunter und warten ab. Sind sie als Beobachter entsandt oder hoffen sie auf Beute? Hinter ihnen auf dem Asphalt der Brücke trippeln einige Tauben, und ich denke, ihr habt hier doch gar nichts verloren, sollte gleich eine Schlacht beginnen.

Foto: JvdL

Die Vorhut der Möwen trifft ein, hat nicht einen Augenblick ihre Fahrt gemindert, und schon mischen sich Enten und Möwen, fahren durcheinander, ohne sich zu behelligen. Aber irgendwann, so denke ich mir, werden die Möwen den Enten über sein, dann nämlich, wenn eine von ihnen den Befehl zum Auffliegen gibt. Diesen Augenblick will ich fotografieren und lasse das Objektiv meiner Kamera ausfahren. Plötzlich, wie aus dem Nichts, steht jemand neben mir, und ich höre das Surren eines zweiten Objektivs. Ich schaue hin, da ist es die Frau im tibetischroten Kaschmirmantel, meine Postbotin offenbar.

„Wo kommen Sie her, so unvermittelt?“
Sie lächelt: „Gar nicht unvermittelt. Wir haben eben noch am Leibniztempel miteinander geredet, und da ich nicht im Tempel wohne, wie Sie sich denken können, ist es plausibel, dass ich über dieselbe Brücke gehe wie Sie.“
„Plausibel? Wir haben vorgestern Nacht miteinander geredet, und zwar in meinem Traum. Jetzt bin ich wach, kann tun und lassen, was ich will, und werde nicht einfach hin und her geschoben, wie es ein Traumbild befiehlt.“
„Woher wollen Sie wissen, dass dies kein Traum ist? Wer sagt Ihnen, dass Sie mich vorgestern erträumt haben und heute hingegen nicht?“
„Auf diese Diskussion möchte ich mich nicht einlassen. Traum oder nicht, ich bitte Sie, mir mein Lied nicht zu stehlen.“
„Ihr Lied stehlen? Was meinen Sie damit?“
„Das müssen Sie doch kennen, wenn Sie nicht gestern erst vom Mond gefallen sind. Man pfeift sich ein lustiges Liedchen, und da kommt einer daher und pfeift es einfach nach, womöglich in einer anderen Tonart und vorauseilend. Das ist grob unhöflich unter gesitteten Menschen.“
„Sie haben nicht gepfiffen, nichts war zu hören.“
„Wenn Sie mein Fotomotiv stehlen wollen, dann ist es genauso, als hätten Sie mir das Lied geklaut.“
Meine Postbotin lacht hell auf und erfrecht sich sogar, mir mit der Hand über den Kopf zu streichen.
„Sie sind goldig, mein Lieber“, sagt sie, „in welcher Welt leben Sie denn? Haben Sie noch nie beobachtet, wie ein Pulk Fotografen sich rangelt, wie sie die Ellbogen ausfahren, einander zurückdrängen, sich in die Hacken treten und gegenseitig die Linsen verdecken, ihre Kameras über die Köpfe hochreißen, ein irrwitziges Knäuel bilden aus dem es ruft und winselt: Ein Lächeln! Frau Merkel! Olaf Scholz! Hierher! Bitte, nur einen Augenblick!“
„Natürlich kenne ich diese erbärmlichen Szenen der würdelosesten unter den würdelosen Schmocks der Dreckspresse. Aber dass Sie hier in meinem Beisein diese beiden Zielpersonen der Fotografen nennen, wer macht das wieder sauber? Und schon allein der Vergleich. Hier unten spielt sich ein Naturschauspiel ab, das ich kaum zu begreifen vermag. Das ist ja wohl etwas ganz anderes als die von Ihnen zu Ihrer Entschuldigung vorgebrachte Szene.“
„Ach, meine Szene ist etwa kein Naturschauspiel? Geht es darin nicht ebenso um die Befriedigung von Trieben, wenn sich Menschen verhalten, als hätten Sie weder Sinn noch Verstand, sondern folgten ausschließlich ihren niederen Instinkten, die da heißen Sensationsgier und Nahrungssuche im Schlamm?“
„Ich finde, für eine Postbotin sind Sie ziemlich rabulistisch. Reicht es Ihnen nicht, ganz schlicht die Post auszutragen?“
„Wenn Sie mir schmollen, will ich nicht mehr mit Ihnen reden“, sagt sie und schickt sich an zu gehen.
„Halt, so war es nicht gemeint. Ich … verfixt, so sind die Frauen, setzen sich ins Unrecht, und wenn man sie nur leise darauf hinweist, muss man sich am Ende für seine eigene Geburt entschuldigen.“
„Jetzt sind Sie unartig“, sagt sie, und im Nu ist sie weg.
„Was finden Sie eigentlich am Austragen der Briefe anderer Leute?! So ein Botendasein ist gefährlich. Das kann Sie Kopf und Kragen kosten!“, rufe ich in die Dunkelheit.
„Fragen Sie die Tauben!“
Ich schaue mich um, da sind die Tauben auch weg.

3 Kommentare zu “Hellwach auf der Dornröschenbrücke

  1. Lieber Jules;
    Du erlebst wirklich drollige Sachen mit Postbotinnen und vor allem haarsträubende Diskussionen. Sogar welche auf Vogelisch, das ist echt cool. Von meinem Balkon aus kann ich den Vögeln beim Fliegen auf den Rücken gucken. Und dem Postboten auch. Nur geträumt habe ich das nie. Weil in meinen Träumen Möwen Rargeflügel sind. Sag bloß, an der Leine gibt es Möwen? Die machen mich immer so seesüchtig, dass ich automatisch zum Strandläufer und Wellensucher werde. Enten hingegen sind erdig. Und die Odinsvögel können nur Krähisch und Rabisch oder Dohlorisch.
    Was ist rabulistisch? Das Wort kenne ich nicht. Es klingt schön und ich lese es bei Dir zum ersten Mal.
    Liebe Sonntagsgrüße,
    Amélie

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Amélie,
      solche Diskussionen träume ich nicht, und wenn, würde ich sie nicht behalten. Ich mag gerne derlei schreiben, was ich in vielen Jahre Nettesheimdialogen habe üben können. Die Postbotin enstammt einem größeren Kontext. Tatsächlich gibt es Möven an der Leine, was mir auch immer die Nähe zur See andeutet.
      „Rabulistisch“ ist das Adjektiv zu Rabulistik, was rhetorische „Spitzfindigkeiten“ oder „Wortklauberei“ meint, eine Argumentationsweise, um Recht zu behalten, dabei oft den wahren Sachverhalt verdrehend.
      Schönen Sonntag dir, wünscht
      Jules

      Gefällt 1 Person

      • Lieber Jules, dann pardöngsche, da interpretierverträumteich mich fehl. Danke auch für die Erklärung des Rabulismus. Eine Eigenschaft, die oft und gerne mal bei Anwälten untergestellt wird. Die Postbotin im roten Mantel und im größeren Kontext macht schön neugierig.

        Gefällt 1 Person

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