Über Kälte und Wärme im Sprechen

Wer mich reden hört, ahnt meine linksrheinische Herkunft. Das wurde mir gestern bei einer Wohnzimmerlesung bestätigt. Weil ich nach einem Schlaganfall wieder lernen musste zu sprechen, dachte ich, dass mir der rheinische Tonfall verschwunden wäre und ich nur noch Klingonisch könnte. Im letzten Herbst habe ich noch einmal zehn Stunden Logopädie genommen, um die Stimme zu trainieren, damit sie bei Lesungen belastungsfähiger ist. Die kompetente Logopädin forderte mich einmal auf, absichtlich mit rheinischem Tonfall zu lesen. Da spürte ich, dass es absichtlich kaum geht.

Ich kann aber meinen Dialekt noch und hoffe, in meiner Hochsprache ist mir die schöne Wärme erhalten geblieben, die in jeder Dialektfärbung mitschwingt. Rousseau nennt den Dialekt die Seele der Sprache. Unsere von lokalen Tönen gereinigte Hochlautung ist künstlich und im Sinne Rousseaus seelenlos. Über TV und Rundfunk verbreitet sie sich massiv und droht die regionalen Färbungen und Dialekte zu verdrängen. Begünstigt wird das durch Binnenmigration und den Zuzug von Städtern aufs Land, die Rückzugsgebiete des Dialekts. Dass die Dialekte verschwinden, können wir letztlich nicht wollen. Es geht auch um sprachliche Diversität, also um den Erhalt kultureller Unterschiede. Überdies wurzelt in den Dialekten die Sprachkraft, denn Sprache ist keine Schreibe, sondern Mundart. Schreibe finden wir im Amtsdeutsch, einer hässlich tönenden Sprache, die niemand je gesprochen hat.

Meine Kinder, die in Aachen aufgewachsen sind, verstehen aber sprechen kein Öcher Platt, den lokalen Dialekt. Ich habe das auch nicht gefördert, denn mit dem Klang von Öcher Platt konnte ich mich in 30 Jahren nicht anfreunden. Meine Mundart ist das Landkölsche und das reicht von Köln aus nach Westen bis etwa Eschweiler. Einer meiner Lehrerkollegen kam aus Eschweiler-Nothberg. Mit ihm konnte ich einvernehmlich Platt sprechen. Wir taten es manchmal aus Spaß. Dann ertönte der Klang meiner Heimat.

Öcher Platt unterscheidet sich von Kölsch im Vokabular und vor allem in der Aussprache, hat einen seltsamen Singsang, der mir immer fremd in den Ohren klang. Natürlich ist auch in Aachen der Dialekt unter Druck und wird zunehmend vom Hochdeutschen verdrängt. Die Kinder lernen den Dialekt nicht mehr auf der Straße, sondern freiwillig in der Öcher-Platt-AG der Grundschule. Kölsch, Landkölsch, Öcher Platt, Bönnsch (Bonnerisch), diese Mundarten gehören zur ripuarischen Sprachgruppe (nach lat. ripa = Fluss). Die „flussdeutsche“ Sprache reicht von der linken Rheinseite nach Westen bis in die niederländische Provinz Limburg und in die belgischen Ostgebiete. Gegen Norden wird sie begrenzt durch die Benrather Linie, eine ost-westlich verlaufende Sprachgrenze. Sie ist benannt nach dem Düsseldorfer Stadtteil Benrath, wo sie den Rhein überschreitet. Nördlich der Benrather Linie beginnen die niederdeutschen Dialekte. Sie haben die zweite hochdeutsche Lautverschiebung nicht vollzogen (auf der Karte gelb), wie also auch die Region um Hannover, wo ich jetzt noch immer nicht zu Hause bin.

Heutige deutsche Mundarten

Wann immer jemand aus meinem Aachener Kollegenkreis hörte, ich sei nach Hannover gezogen, fiel den Leuten dieselbe Formel ein, mit der sie mich trösteten: In Hannover werde ja das reinste Hochdeutsch gesprochen, und das müsse einen Sprachliebhaber wie mich erfreuen. Ich konnte es bald singen, tue es aber nicht, denn dass in Hannover das reinste Hochdeutsch gesprochen wird, ist sowieso ein Märchen. Wie konnte es dazu kommen? Im Jahr 1898 hat der deutsche Germanist Theodor Siebs das Buch: „Deutsche Bühnenaussprache“ herausgebracht, worin er eine Standardlautung für die Aussprache des Hochdeutschen festlegte. Bis dahin hatten die Deutschen das Hochdeutsche überall mit regionaler Färbung gesprochen. Der SIEBS wurde für die Aussprache an Theaterbühnen so maßgeblich wie der DUDEN für die Orthographie und prägte unsere Vorstellungen vom Hochdeutschen bis zum Aufkommen von Radio und Fernsehen. Theodor Siebs hatte für sein Werk die Theaterbühnen in der Region um Hannover und Braunschweig besucht und verzeichnet, wie die Schauspieler dort redeten. Natürlich sprachen sie als Niederdeutsche mit regionaler Färbung, und so enthält die von Siebs begründete Standardlautung niederdeutsche Einflüsse.

Bühnenschauspieler müssen übertrieben artikulieren. Auch der Theaterbesucher in der letzten Reihe muss sie noch gut verstehen können. Früher haben Bühnenschauspieler beispielsweise das R gerollt. In alten Tonfilmen ist zu hören, wie das Hochdeutsche mit gerolltem R klang, denn es dauerte eine Weile, bis sich die Schauspieler daran gewöhnten, dass man in ein Mikrophon nicht so albern hineintönen muss, als stünde es in der letzten Reihe eines Theaters. Da nicht alle Hannoveraner Schauspieler sind, hat man auch in Hannover niemals so gesprochen, wie Siebs es an den Bühnen gefunden, verzeichnet und festgelegt hat. Heute prägen die Nachrichtensprecher unsere Vorstellung vom Hochdeutschen. Und natürlich sind die Hannoveraner auch nicht allesamt Nachrichtensprecher. Warum glauben dann die meisten, in Hannover würde das reinste Hochdeutsch gesprochen? Die niederdeutschen Einflüsse sind in der Hochsprache nur noch schwer zu entdecken, denn wir haben uns an sie gewöhnt und nehmen sie deshalb nicht wahr. Wir alle haben uns ihnen angepasst, wenn wir Schriftdeutsch reden. Für mehr Wärme in der Kommunikation würde regionale Färbung sorgen. Sprechen wir also, wie uns das Maul gewachsen ist und nicht der Heimat entfremdet wie Niederdeutsche, wenn wir nicht zufällig Niederdeutsche sind, versteht sich.

12 Kommentare zu “Über Kälte und Wärme im Sprechen

  1. Ich habe gerade überlegt, was genau ICH eigentlich spreche. Normalerweise relativ platt-freies Hochdeutsch, aber weil ich als Kind so fürchterlich vielen verschiedenen Dialekten ausgesetzt war, nehme ich sowas immer schnell an. Als Kind waren das die Dialekte von Unterfranken, Hamburg (wir hatten eine Nachbarin, die REINSTES Hamburgisch sprach!) und niedersächsischer Kuhställe (der Bauern, nicht der Kühe!), gemischt mit Urlauben in Bayern, einer Oma, die lange in Berlin gelebt hatte und der niederländischen Kaserne um die Ecke. Inzwischen sächsele ich manchmal versehentlich (wegen mehrerer Kolleginnen) und wegen eines Kollegen rutscht mir auch ab und zu etwas Kölner Dialekt dazwischen.
    Der Vorteil davon ist, ich verstehe sogar die Leute im Ohnsorg-Theater. Und die sprechen etwas, das sich anhört wie ALLES zusammen, was ich jemals gehört habe. Hamburgisch ist das nicht. Eigentlich Missingsch, aber nicht das Hamburgische. Im Ohnsorg-Theater sitzen fast nur noch alte Leute. Die Jungen verstehen die Sprache nicht mehr…

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    • Dann bist du eines der beneidenswerten Talente, die sich einen Dialekt rasch aneignen können. Also, ich beneide dich darum, denn ich kann nur einen Dialekt. Auf Klassenfahrt schlief ich mal auf einem Zimmer mit einem Kollegen, der mich den ganzen Tag mit diversen Dialektdarbietungen erfreute. Ich habe viel gelacht. Der Poetry-Slammer Klaus Urban kann das auch. Kürzlich trug er diesen meinen Text https://trittenheim.wordpress.com/2017/07/12/schande-kein-intergalaktischer-weltfriede-fuer-friseure/
      im Hamburgischen vor. Es klang gut und kam allgemein gut an.

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      • Ja, das kann ich. Theoretisch. Praktisch bin ich so schüchtern, dass ich nichts davon habe, weil es mir zu unangenehm ist. Das geht mir mit allen Sprachen so. Mein Ex hat jahrelang nicht gewusst, dass ich sehr wohl Persisch verstehe (und er aufpassen sollte, was er sagt). Manchmal ist sowas auch ziemlich lustig.

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        • Du müsstest ja nicht sogleich auf die Bühne damit. Im Alltag könntest du deine Mitmenschen mit irgendeinem Dialekt überraschen. Mein Bruder beschäftigte in seiner linksrheinischen Druckerei eine Weile eine Frau aus Bayern, die auch den Telefondienst machte. Das klang immer toll, für mich seltsam international.

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          • Auf der Bühne hab ich kein Problem. Aber da bin das auch nicht ich, da ist das jemand anders. Ich rede nur nicht gerne mit Menschen.
            In unserer Drogerie sitzt eine Frau an der Kasse, die Schwyzerdütsch spricht. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Und als wir damals unser Haus kauften, saß in der Küche die Mama des Hausbesitzers, die aus Ostpreußen kam und uns Geschichten erzählte. Ich wollte verhandeln, ob wir das Haus MIT der Frau kaufen können (ich meine, die Einbauküche blieb ja auch drin), aber mein Ex wollte nicht. Ich denke, DIESER Dialekt ist wohl inzwischen ausgestorben, oder?

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  2. Peter Turrini sagte es trefflich: »Die Hochsprache ist der Janker, die Mundart ist das Hemd.« – heißt, das Hemd sitzt einem näher als der Rock: das trägt der Sprecher stets am Leib, den Anzug aber legt er zu Anlässen darüber an. So war es seit Zeiten, die hemdsärmelige Mundart gerät inzwischen aber immer mehr aus der Mode und in Vergessenheit, was freilich schade ist.

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    • Schöner Vergleich. Die oberdeutschen Mundarten sind ja noch kräftig und längst nicht so bedroht wie die Mitteldeutschen und Niederdeutschen. Dort schämt man sich eher für sein sprachliches Hemd, rennt den ganzen Tag im hochdeutschen Bratenrock, setzt noch eine engl. Melone auf und dünkt sich wunders was. Dass diese törichte Haltung öffentlich nicht diskutiert wird, ist ein übles kulturelles Versäumnis.

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  3. Lieber Jules, wie schön: nun bin ich – Dank Dir – wieder ein wenig schlauer.
    Vom Zusammenhang Hannover und Hochdeutsch habe ich zwar immer wieder gehört, doch nichts darüber, wie es denn wohl dazu kam.
    Ebenso auch nicht, dass es für dieses fürrrchertliche RRRollen des „R“ in alten deutschen Filmen oder Ansprachen eine Ursache gab. Ich habe wohl unbewusst angenommen, dass man das „R“ damals amtlich und auf mich preussisch wirkend so rollte.
    Mir geht es ähnlich wie Feldlilie: ich nehme sehr schnell Dialektfärbungen auf, wenn ich mich irgendwo befinde, wo man etwas anders spricht.
    Wie man selbst so daherredet, merkt man selbst vermutlich nicht.
    Als ich im Oktober in Herne eine Premiere für zwei bergmännische Ruhrgebietsfilme moderierte, für die ich auch die Kommentare eingeprochen hatte,
    sprach mich der Bürgermeister Mathias Grunert an und sagte zu mir: „Sie können ja Hochdeutsch, das ist schon selten.“
    Na ja, vielleicht in Herne….
    Kerl – wat happich mich da gefreut!
    😉

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    • Lieber Lo,
      das freut mich. Aufklärung ist nämlich eines meiner Anliegen. Nichts einfach glauben, sondern lieber nachprüfen. Wenn behauptet wird, eine Sache wäre so oder so, muss ich immer nachforschen, ob das zutrifft und wie die Behauptung zustande gekommen ist. Du pflegst ja den Ruhrpottdialekt sogar im Schriftlichen, kannst ihn aber offenbar auch lassen . Man nennt die Fähigkeit, eine Sprache immer passend zum Anlass benutzen zu können Sprachkompetenz. Die hast du gewiss.
      Viele Grüße
      Jules

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