Laschen bitte!

Derweil ich mein Frühstück bereitete und komplizierte Verrichtungen nötig waren, fiel mir ein, dass derlei nie in Spielfilmen eine Rolle spielen. Nie sah ich Protagonisten mit bombenfest zugeschweißten Kaffeepackungen sich abmühen, obwohl das doch für die Dramaturgie ein lohnender Vorgang wäre, wie ein Mensch daran scheitert. Ich bin am Öffnen der Aromaschutzverpackung schon verzweifelt. Oft habe ich geflucht, ob denn nicht einer der gewiss hochbezahlten Führungskräfte ab und zu versucht, eine Kaffeepackung aus dem eigenen Unternehmen zu öffnen.

Dann würde er feststellen, dass das Öffnen der Verpackung zuviel Kraft in den Fingerspitzen erfordert, die einer nicht hat, dessen heftigste körperliche Herausforderung ist, eine Unterschriftenmappe aufzuschlagen und den Edelfüller zu stemmen. Eine solch hochbezahlte Führungskraft unter den Kaffeesäcken könnte auf die Idee kommen, von Verpackungsdesignern zu verlangen, an der Folienverpackung oben zwei laschenartige Verlängerungen vorzusehen, so dass sich die Sache wenigstens gut greifen ließe und das Öffnen einer Kaffeepackung sich elegant und leichthin ins morgendliche Küchencapoeira einfügen würde.

Stattdessen diese elende Plackerei, die kein Filmregisseur in seiner Küchenszene haben wollte. Was auch keiner filmt, ist das Schließen von Hemdknöpfen. Wechselt der Protagonist ein Hemd, hält er sich nicht lange beim Knöpfen auf, sondern stopft das Hemd nur achtlos in die Hose, um in der nächsten Szene, o Wunder, korrekt gekleidet dazustehen. Ein Regiefehler ohne Zweifel, denn eigentlich sollte doch der geschickte Mensch aus der Maske, vermutlich ist es eine Frau, dabei zu sehen sein, wie sie dem Protagonisten das Hemd richtet, damit unsere Jugend kein falsches Bild bekommt. Jungen, denen die von Mutterliebe verwirrte Mama stets den Hintern nachgetragen hat, wachsen im Irrglauben auf, dass es für die komplizierten Alltagsverrichtungen überall dienstbare Geister gibt. Und geraten die Prinzen dann in Führungspositionen geben sie Verpackungen in Produktion und Verkauf, die sie selbst nicht öffnen können.

Auf ein herrliches Beispiel hat Kollege noemix aufmerksam gemacht:

20 Kommentare zu “Laschen bitte!

  1. Wenn die wüssten was für einen wunderbaren Text sie damit bei dir induziert haben!
    Wenn ich Kaffee trinken würde müsste ich ab jetzt dabei immer an den verzweifelten Jules am Frühstückstisch denken! So denk ich lieber an die goldenen Astspitzen…

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  2. Keine Satire, wie es vielleicht scheinen möge, sondern österr. TV-Geschichte: legendäre ORF-Livesendung mit zwei Führungskräften aus der Milchwirtschaft, nachdem sich Kundenbeschwerden über die kompliziert zu öffnenden neuen Milchpackungen gehäuft hatten:

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  3. Auch Schraubverschlüsse auf Flaschen – ob mit oder ohne Kindersicherung – und Marmeladenglasdeckel sind oft nur schwer oder mit einem Hilfswerkzeug zu öffnen. Was die Filmtauglichkeit betrifft, ist mir schon immer aufgefallen, dass nie gezeigt wird, wie jemand aus einem Auto aussteigt und dann abschliesst. Dieses Auf- oder Zuschliessen ist ja auch – gerade in Kriminalfilmen – langweilig und spiessig. Gut, dass es da inzwischen schlüssellose Funksysteme gibt, mit denen man entweder beim Hingehen oder beim Weggehen ein kurzes Klicken und Aufleuchten der Blinkanlage auslöst. Inzwischen gibt es ja sogar Autos, bei denen man auch den Anlasser nicht mit einem Schlüssel sondern einem Sprachbefehl oder Erkennungssystem betätigt. Sowas müsste man auch für Marmeladengläser erfinden.

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    • Ich kaufte kürzlich Flüssigseife, deren Pumpsystem einfach nicht zu entriegeln war. Von der Marke lasse ich künftig die Finger.
      Das Autobeispiel aus Fillmen ist mir auch schon aufgefallen. Nur wenn im Parkhaus unklar ist, um welches Auto es sich handelt, kommt die Funkentriegelung ins Spiel. Marmeladengläser mit KI-Verschlüssen wollte ich nicht, denn ich esse sowieso keine Marmelade 😉

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  4. „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n,
    und mit der kleinen Kurbel ganz nach oben dreh’n;
    da erscheint sofort ein Pfeil,
    und da drücken Sie dann drauf,
    und schon geht die Packung auf!“

    Soviel dazu, dass man nicht qualifizierte Menschen auf Positionen setzt, die sie nicht bekleiden können.

    Herzliche Grüße
    Serap

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      • Das Problem wird wahrscheinlich so lange bestehen, bis sich die Gesellschaft einmal komplett wandelt. Aber, ob wir das noch erleben, ist fraglich. … In meiner beruflichen Praxis sind mir leider schon sehr viele „Peters“ begegnet. Eine besondere Spezies.
        Schöne Grüße an Dich, lieber Jules
        Serap

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  5. Eine ordentliche Führungskraft macht keine Packung auf, jedenfalls nicht im Büro. Da lässt man öffnen. Schön ist, wenn das Produkt gleich mit der Verpackung zerstört wird, dann spart man sich das spätere Entsorgen. Aber vielleicht soll das alles nur etwas Spannung in das Leben von Konsumenten bringen. Zootieren wird ihr Futter inzwischen ja auch oft nicht mehr direkt bereitgestellt, sondern irgendwo versteckt oder verpackt.

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    • Es sei denn eine Milchpackung im ORF – und blamiert sich. Wenn ich als Konsument wählen kann Verpackungen, die sich leichter öffnen lassen als andere, kaufe ich die und umgekehrt. Nie mehr beispieksweise Flüssigseife von Sagrotan. Weil der Pumpmechanismus nicht zu entriegeln ist.

      Gefällt 1 Person

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