„Nächster Kunde Kasse 1!“

Vor 15 Jahren habe ich einen Text geschrieben, der hieß: „Die Fahnen der Kaufleute flattern viel schöner.“ Ich finde ihn nicht mehr, aber es ging schon um die Herrschaft des Handels über unsere Gesellschaft. Wenn ich zum Fenster hinaus schaue, dann schimmert durch das Gestrüpp der kahlen Bäume eine gelbe Sonne, wo keine sein kann, weil ich nach Norden schaue. Es ist ein riesiges beleuchtetes Reklameschild des Discounters Lidl, das auch nachts nicht erlöscht. So frech, so penetrant wird hier mit Lichtverschmutzung weit über die Ladenöffnungszeiten hinaus Herrschaft demonstriert.

Kein Wunder in Frau Merkels marktkonformer Demokratie. Ich frage mich, ob ich das dürfte. Dürfte ich mir eine riesige beleuchtete Reklametafel basteln mit der Botschaft: „Leute lest meine kostenfreien Texte im Teestübchen Trithemius!“ Natürlich müsste ein schmissiger Slogan her, aber darum geht’s nicht. Würden Vertreter des OIrdnungsamtes verlangen, dass ich mein Ladenschild abbaue, weil es die öffentliche Ordnung stört? Wenn ich einwenden würde: „Lidl tut das auch“, würde man mir sagen: „Das ist etwas anderes. Lidl will verkaufen, Sie aber nehmen als Publizist kostenloser Texte nicht am Marktgeschehen teil. Folglich dürfen Sie nicht mit Lichtverschmutzung aufwarten.“ Genauso.

Heute Nachmittag besuchte ich einen neuen Supermarkt der Handelskette Edeka. Hier hat man wie auch in anderen Edeka-Läden Hannovers ein Kassen-Aufrufsystem, so dass man als Kunde nicht mehr die Kassiererin, den Kassierer sich aussuchen kann, wie ich das schon immer gerne getan habe, nein, man steht wie ein Depp in der Schlange an und wird von einer automatischen Ansage als „nächster Kunde“ zur Kasse 1, 2 oder folgende befohlen. Ich fühle mich dabei vom Händler zugerichtet, marktkonform gemacht.

Im Rewe-Supermarkt gehe ich immer zur selben Kassiererin und flirte ein bisschen mit ihr. Bei Edeka habe ich das einst auch getan. Vorbei damit, Sympathie und menschliche Wärme sind keine Handelsware, also überflüssig. Was bleibt sind die papageienartig aufgesagten Sprüche „Dankeschön für Ihren Einkauf!“, diese sinnentlernten Floskeln als Sinnbild  der völligen Entfremdung zwischen Kunde und Verkaufspersonal.

Wohin wird das führen? Wird bald verlangt, dass ich mit Karte bezahle und somit meine Identität preisgeben muss, so dass der Händler mein Einkaufverhalten kennt und analysieren kann? Stehe ich am Ende da als komplett entmündigter marktkonformer Idiot? Ich glaube, ich möchte das alles nicht. Man muss derlei Entwicklungen aufmerksam beobachten.

12 Kommentare zu “„Nächster Kunde Kasse 1!“

  1. In Zentral-Schlangen geht es immerhin stetig voran und man kann sich nicht an der „falschen“ Kasse anstellen.

    Du könntest andere KundInnen vorlassen, um deine Lieblingskassiererin abzupassen. Das würde vielleicht für Verwunderung sorgen!

    Bei den Edekas kommt es sehr auf die Philosophie des Marktleiters an. Hab letztens in einer Reportage gesehen wie liebevoll einer im Breisgau (?) seine Läden führt, mit Foodsharing und unverpackt.

    Ich persönlich bin manchmal ganz dankbar für schnelle und anonyme Abfertigung, aber ich genieße es schon auch manchmal, von der Bäckereifachverkäuferin erkannt zu werden.

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    • Vermutlich steckt hinter diesen Zentral-Schlangen die Idee, dass sich die Kundenabfertigung beschleunigen ließe. Kürzlich war ich zu Stoßzeiten bei Edeka auf der Limmer. Da wand sich die Zentralschlange durch drei Gänge, obwohl alle sechs Kassen besetzt waren. Dass dieses Verfahren nicht schneller funktioniert als das der freien Wahl, sieht doch eigentlich jeder, nur die Verantwortlichen nicht, denen smarte Bengel mit Einserexamen in BWL das Aufrufsystem aufgequatscht haben. In Hannover sind die Edeka-Läden in der Hand einer Familie Wucherpfennig. Da werden alle Läden nach dem gleich Muster betrieben. „Nächster Kunde Kasse X“, da muss sich der Kunde zunächst orientieren, wo die Kasse ist. Wenn es nur eine halbe Sekunde dauert, bis er sich auf den Weg zu einer Kasse macht, was wiederum 1-2 Sekunden dauert, summiert sich das und produziert einen Stau.

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