Einstürzende Altbauten – eine gruselige Groteske – 3

Schlüssel klirren, das Eingangsportal knarrt und ringsum flammen Leuchten auf. Ich packe meine Decke und verberge mich hinter einer Säule. Wer kommt dort? Männer sind es, viele uniformierte Männer strömen in die Halle. Sie tragen Querflöten und Trommeln. Ein Spielmannszug kommt wohl zur Probe. Noch fliegen Scherzworte hin und her, dann pocht der Tambourmajor ungeduldig mit seinem Tambourstab auf die Fliesen. „Aufstellen!“ Das Plaudern erstirbt. Sie verbergen ihre Köpfe unter Mützen, bilden fünf Reihen und schauen ihren Major erwartungsvoll an. Er befiehlt: „Stillgestanden!“ Die Hacken klacken. Die Trommler schlagen wie ein Mann die Rechte auf die umgehängten Trommeln, drehen sie um und heben die Stöcke unters Kinn auf Habacht. Gleichzeitig heben die Flötisten die Querflöten an die Lippen. Schon stößt der Tambourmajor seinen Stab in die Luft und hinab, und dann ist’s wie Donnerhall, als der Lockmarsch ruft.

Im Nu werde ich davongetragen. Längst vergessene Gefühle keimen auf. Das Herze wird eng mir, und Tränen steigen mir hoch. Der Lockmarsch! Die prachtvollen Paraden! Die herrlichen Umzüge mit „Preußens Gloria“ und „Alte Kameraden!“ „In Treue fest!“ Gleichschritt, Gleichschritt – Heimat, o süße Heimat!

Nichts hält mich mehr, ich werfe die Decke ab, laufe hin, wie ich bin, und schlage die Hacken meiner nackten Füße zusammen. Es ist nur ein leiser Ton, doch der gute Wille ist da. Meine gestreckte Hand fliegt an die Stirn, dem Major zum Salut: „Trommler Trithemius zur Stelle! Verfügen Sie über mich, Herr Major!“ Der Major erbleicht. Er senkt den Stab; die Musik schweigt. Im Hintergrund steht feixend der Hausmeister und fotografiert mich mit seinem Smartphone.

Der Major stemmt die Linke in die Seite und starrt mich wortlos an. Dann schwillt seine Brust und er brüllt! „Was ist los mit Ihnen, Mann?! Wie sehen Sie aus?! Wo ist Ihre Dienstmütze, Sie Clown! Das Koppel nicht umgeschnallt! Am Arsch keine Hose! Ich sage es doch immer wieder. Schon tausend mal habe ich es gesagt: Kleiderordnung, Leute, achtet gefälligst auf die Kleiderordnung!!! Unsere Kultur wird versinken, die Welt wird untergehen, weil niemand sich mehr an die Kleiderordnung hält! Skandalös!“

Da beginnt es zu rumpeln, und wie zur Antwort ist da ein Rieseln in den Mauern. Das Gebäude wankt in seinen Grundfesten. Der Major verstummt und alle horchen auf. Der alte Bau zittert und bebt, Mauerbrocken poltern hernieder, es kracht im Gebälk. Vom Treppenabsatz stürzt Aldebert herab und fährt wie ein gigantischer Himmelsbrief ins entsetzte Tambourcorps. Trommeln, Flöten und Dienstmützen fallen zu Boden, – die uniformierte Bagage ergreift die Flucht. Doch ich in meiner nackten Unschuld schreite unversehrt hinweg durch all das Chaos. Bin ohne Furcht, denn ich weiß, mir wird nichts geschehen. Es wird Bilder von mir geben in sogenannten Heften.
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Frau Nettesheim lässt das Manuskript sinken. „Trithemius, habe ich Sie aufgefordert einen derartigen Megamist zu schreiben?“
„Allerdings“, sage ich fest.
Frau Nettesheim verstummt. Sie geht hinüber zum Waschbecken und wäscht sich die Hände. Dann holt sie frische Tücher aus einem Schrankfach, legt ein Bündel darauf, hüllt sich in ein weißes Gewand, kniet nieder, greift ins Bündel und zieht ein gebogenes Schwert hervor. O Gott, die Frau will Harakiri …
„Halt, Frau Nettesheim!“, rufe ich entsetzt, „ich habe verstanden!“ Mannhaft zerknülle ich das Manuskript, werfe es zu Boden, halte ein Streichholz daran und entfache ein Sühnefeuer.
Nur widerstrebend wendet sich Frau Nettesheim wieder dem Leben zu, blinzelt in die Flammen und kniet wankend da. Ich ergreife ihre Hände und komplimentiere sie hoch. Tränen rinnen über meine Wangen. „Schon gut, Frau Nettesheim“, flüstere ich, „nie mehr werde ich etwas schreiben, versprochen, versprochen!“
„Auf Ehre und Gewissen?“
„Ja, meine liebe, liebe Frau Nettesheim!“
Da langt sie hinter mein linkes Ohr, zieht meinen Bleistift hervor, zerbricht ihn und wirft ihn auf mein glimmendes Manuskript.

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