Einstürzende Altbauten – eine gruselige Groteske – 1

Mir träumte …
„Trithemius! Die Story haben Sie mal wieder ordentlich versiebt, Sie Schmock!“ Frau Nettesheim, die Herausgeberin, knallt mir mein Manuskript vor die Füße. „Wenn Sie bis morgen keine ordentliche Reportage abliefern, können Sie sich die Papiere abholen!“ Und in Fahrt geraten, stößt sie den Finger wahllos in die Runde der erschrockenen Teppichhaus-Schreiberknechte und zischt: „Sie, Sie und Sie, Sie sind entlassen!“ Welch eine Furie, aber eine Meisterin der Feder und darum unanfechtbar.

Stumm klauben die Gefeuerten ihre geringe Habe zusammen, Tränen rinnen über gerahmte Fotos von glücklich lachenden Kleinfamilien, doch widerspruchslos räumen die Kollegen ihre Stehpulte und verlassen wie geprügelte Hunde den Raum. Ich mische mich unauffällig unter sie, froh, noch eine letzte Chance zu haben. Ich bin bereit, das Äußerste zu tun, wovor auch die härtsten Männer zurückschrecken. Ich werde ganz allein eine Nacht im Institut für Pataphysik verbringen, die leeren Gänge und Hallen durchstreifen und es ertragen, wenn das Gebäude seine Verbindung zur fassbaren Realität verliert und in eine unwägbare Zwischenwelt hinüberragt, was bekanntlich jede Nacht geschieht.

Unter einem Vorwand besuche ich Professor Coster im Institut für Pataphysik. Selbstgefällig lagert er in seiner privaten Sofalandschaft, die dem hohen, Eichengetäfelten Raum etwas Vulgäres verleiht. Er schmaucht einen Zigarillo und hat vor sich auf einem Tischlein zwei Gläser und eine Flasche Printenlikör. Bei Coster ist der Privatgelehrte Dr. Werner Schneider. Er ist aufgesprungen und steht sichtlich erregt mit dem Rücken zu Costers Bücherregal. Coster stellt mich als „amüsanter Schreiberling“ vor. Dr. Schneider gibt mir achtlos die feuchte Hand und fährt ungerührt in seiner Rede fort, klagt über die Intrigen, mit denen eine Seilschaft aus konservativen Senatoren seine Berufung auf einen Lehrstuhl verhindert habe. „Diese verfluchten Altnazis haben meinen Lebenstraum zerstört! Und nur, weil ich homosexuell bin!“, ruft Dr. Schneider aus. „Ist das etwa noch zeitgemäß?“
„Nein, Homosexualität darf kein Hinderungsgrund sein. Was zählt, ist die wissenschaftliche Eignung“, sage ich lahm.
„Träume weiter, Trithemius!“, sagt Coster.
Zum ersten Mal sieht Dr. Schneider mir direkt ins Gesicht  und reißt erstaunt die Augen auf.
„Schieben Sie mal die Haarlocke von Ihrer Stirn“, sagt er und tritt näher, um meine Stirn zu inspizieren. Dann fährt er mit den Fingerkuppen über eine Stelle oberhalb meiner linken Augenbraue und sagt: „Nein! Sie sind es nicht. Sie haben da keine Narbe.“
„Worum geht’s, Werner“, fragt Coster.
„Ach, Herr Trithemius gleicht einem gut bestückten Aktmodell, das ich in einem Heft gesehen habe. Aber er ist es nicht. Es fehlt ihm die Narbe.“
„Nein! Die fehlt mir nicht. Und ich bin auch kein Aktmodell, dessen gutes Stück in sogenannten ‚Heften‘ abgedruckt ist.“
„Ruhig, Brauner!“, sagt Coster begütigend. „Doktor Schneider hat ja schon gesagt, dass du es nicht bist.“
„Das will ich wohl meinen. Soweit kommt’s noch!“
„Ich könnte Ihnen einen Kontakt vermitteln“, sagt Dr. Schneider, „vorausgesetzt, Sie halten anderswo, was Ihr kräftiger Bartwuchs verspricht.“
„Vielen Dank. Da bleibe ich lieber Schreiberknecht.“
„Anderes Thema!“, ruft Coster. „Schau her, Trithemius, ich habe mein Tagebuch in Leder einbinden lassen. Und weißt du, woher das Leder stammt?“
„Von einer hoffentlich toten Kuh?“
„Nein! Erinnerst du dich an den antiken Schreibtischstuhl, den ich von meinem seligen Vater geerbt habe?“
„Der mit der zerschlissenen Sitzfläche?“
„Genau! Aus einem gut erhaltenen Rest ist der Einband gemacht!“
„Sie schreiben in ein Buch, auf dem schon hundert Hintern gesessen haben?“
„Zuletzt mein Vater.“
„Finde ich trotzdem befremdlich.“
„Du bist eben kein Freund der Sinne“, sagt Coster und hebt sein Glas mit Printenlikör.
O, wie sehne ich den Augenblick herbei, dieses Tollhaus von Büro verlassen zu können.
„Ich darf mich verabschieden“, sage ich mit artiger Verbeugung, „Professor Coster! Doktor Schneider!“
„Sie sind es doch!“ ruft Schneider triumphierend, derweil ich die knarrende Flügeltür hinter mir zuziehe. Ich höre noch: „Leugnen ist zwecklos! Vermutlich war die Narbe zwecks Camouflage auf Ihre Stirn geschminkt.“

Folge 2

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