Matsch in der Birne

Vor einer Weile ist mir aufgefallen, dass ich mich nicht auf das Schreiben konzentrieren kann, wenn meine Internetverbindung offen ist. Mir ist dann als würden vieltausend Stimmen eindringen in meine Gedanken. Wahnsinnige Eintänzer versuchen meine Aufmerksamkeit zu wecken, Jongleure und Einradfahrer performen, ja, sogar Seiltänzer über dem Grand Canyon  machen mich schwindlig, und ganz hinten schickt sich einer an, einen martialischen Säbel zu schlucken. Natürlich sind die putzigen Katzen nicht zu vergessen. Als ich letztens im Blog einer intelligenten Frau Katzencontent entdeckte, fiel mir wieder die Manipulation menschlichen Verhaltens durch den Katzenparasiten Toxoplasma gondii ein. Ein Freund von mir vermutet, dass der Parasit Menschen nicht nur risikobereiter macht, sondern auch für den millionenfachen Katzencontent im Internet verantwortlich wäre.

Zurück zur Internetverbindung. All das Bedrohliche, Verrückte, Irrsinnige, Putzige, Schreckliche da draußen muss ich mir fernhalten, sonst habe ich buchstäblich Matsch in der Birne, äh, ich meine metaphorisch. Etwa 60 Prozent der Weltbevölkerung trägt den Parasiten Toxoplasma gondii in sich. Der ist möglicherweise für allerlei Destruktives verantwortlich, beispielsweise auch dafür, dass Menschen wie blöd Politiker wählen, von denen man wissen kann, dass sie die Demokratie abschaffen wollen, um die Macht dauerhaft an sich zu reißen. Ähnliches hat Kollegin Tikerschek auch vermutet.

Dass der Parasit Toxoplasma gondii menschliches Verhalten steuert, haben, glaube ich, US-Wissenschaftler herausgefunden. Solche haben auch herausgefunden, dass allein die Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen herabsenkt. Der Eindruck, dass das Smartphone blöde und blöder macht, drängt sich auf, wenn man Mitmenschen in der Öffentlichkeit beobachtet.

Das Smartphone beachte ich kaum. Meist ist es tagelang ausgeschaltet. Aber natürlich ist die oben beschriebene Wirkung des Internets vergleichbar. Ich schalte die Verbindung jetzt ein, um den Text hier zu veröffentlichen und schwupp bin ich um ein paar Takte blöder. Zum Glück steht der Text schon fest. Zumindest fast, wenn ich nicht mehr wie so oft drin herumfummele, was aufmerksamen Leserinnen und Lesern gewiss schon aufgefallen ist.

Wo Männer stricken

Wenn schon von meinen Rundfunkgebühren Reporter in die Welt schwärmen, um Reisereportagen zu drehen, schaue ich mir manche an, zumal ich nicht reise. Da waren letztens die strickenden Männer von Island zu sehen, Männer, die ihr Lebensglück im gemeinsamen Stricken gefunden haben. Einige hatten eine erstaunliche Profession entwickelt, strickten mit verschiedenfarbigen Fäden, wobei die zweite Farbe nur gelegentlich verstrickt wurde, so dass ein bestimmtes Muster entstand. Genaues kann ich nicht sagen, weil ich zu wenig vom Stricken verstehe. Als Kind konnte ich es. Ich hatte ein Bärchen, für das ich einen Schal strickte, der sich aber, weil ich nur rechtsrum stricken konnte, wie ein Korkenzieher drehte.

Von den Isländern ist bekannt, dass sie eine lebendige Erzählkultur haben. Einst saß man an froststarren Wintertagen gemeinsam ums Feuer und erzählte sich Sagas von isländischen Helden wie beispielsweise einem namens Gisli. Als er geächtet war und auf der Flucht von seinen Häschern gestellt wurde, verteidigte er sich drei Tage gegen die Übermacht, bevor er einen Speer in die Brust bekam und mit den anerkennenden Worten „Der saß!“ verschied. Auch wurde geschwärmt vom runenkundigen Skalden Egil, einem gewaltigen Kämpen, der nicht nur aus nichtigem Anlass Männer erschlug, sondern auch gleich ein Gedicht dazu gemacht hat. Wenn sich dessen Nachfahren nicht mehr gegenseitig die Köpfe einschlagen, auch nicht mehr von derlei Heldentaten schwärmen, sondern schweigend beisammen sitzen und stricken, kann man das kulturelle Verfeinerung nennen. Der zweite Faden ist der Depp, der ab und zu die Tür aufreißt, den Schneesturm reinlässt und „Kuckuck!“ in die Runde ruft, weshalb man ihn am Ende doch erschlagen muss. Zum Glück stricken die Kerle.

[Gif-Animation des Feuers: JvdL]

Warum ich an der Aldi-Kasse mehrmals in die Knie ging

„Entschuldigen Sie meinen Wankelmut!“, sagte die kleine hübsche Frau mit dem Fransenpony unter der Mütze und einem guten, offenen Gesicht, nachdem sie eine Einkaufstasche unter dem Kassenband herausgenommen hatte, sich dann aber umentschied und sie zurücklegte. Als sie wieder stand, lächelte sie so entzückend, dass ich, wäre ich jünger, gesagt hätte: „Bitte heiraten Sie mich!“, ungeachtet des Risikos, dass sie eventuell gesagt hätte: „Aber ich bin schon seit 20 Jahren mit dem Prinzen von Hohenzollern verheiratet.“ „Egal“, hätte ich gesagt, „wenn Sie schon wankelmütig sind, könnten Sie sich auch in Ehedingen umentscheiden!“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ob ich an der Kasse von Aldi Nord ein Ehegesuch annehmen soll. Sie sind ja nicht mal auf die Knie gegangen. Wobei. Machen Sie’s mal! Nein, halt!, ich habe mich umentschieden. Bitte entschuldigen Sie meinen Wankelmut. Aber schön wär’s doch, würden Sie zum Antrag niederknien. Ach, kommen Sie lieber wieder hoch, ich könnte sonst schwach werden. Und wie soll ich das dem Prinzen von Hohenzollern erklären?“
„Sie könnten sagen, ein Besserer als du ist für mich an der Aldikasse auf die Knie gegangen“, sagte ich und kniete mich erneut ans Ende des Kassenbands. „Bitte, Sie wunderbar wankelmütiges Wesen, erhören Sie mich!“
„Macht 12 Euro 34“, sagte der Kassierer, der derweil ungerührt meine Ware über den Scanner gezogen hatte.
„Was reden Sie denn da, junger Mann?“, sagte sie. „Verderben Sie dem Herrn nicht seinen Antrag und mir nicht die glücklichste Stunde meines Lebens mit ihrem schnöden Geschacher!“, drängte, sich entschuldigend, an mir und den Nachstehenden vorbei und nahm eine Einkaufstasche aus dem Fach unter dem Band, lächelte erneut so entzückend und sagte: „Ich brauche doch eine, denn mein Glück kann ich sonst nicht fassen.“

Was für ein schöner Tagtraum. Ich beeilte mich mit Bezahlen und Einpacken, aber als ich aufschaute war sie weg. Auch draußen sah ich sie nie wieder. Bin ja auch leider schon älter.

Unerwünschter Wahrtraum

Unheimliche geträumt, unheimlich, weil tags drauf in der Presse zu lesen war von einer Sparkassen-Störung. Mein Traum handelte auch davon. Ich war in einer großen Sparkassenfiliale und wollte Geld aus dem Automaten ziehen. Da standen zwei neue Geräte. Ich führte meine Bankkarte ein, tippte auf der Tastatur, dass ich hundert Euro haben wollte und gab meine PIN ein. Das Gerät gab Arbeitsgeräusche von sich, aber es kam kein Geld. Da sah ich, dass zum Gerät in der Wand noch weitere gehörten, die vor dem Automaten standen. Dort gab es eine verwirrende Anzahl von Digitalanzeigen.

Ich fragte, ob jemand wüsste, was zu tun war, um Geld zu bekommen. Niemand wusste Bescheid, niemand half. Da versuchte ich es beim Nachbargerät – mit dem gleichen Ergebnis. Nach einer Weile stellte ich fest, dass zentral gegenüber dem Automaten in einer Nische ein Druckautomat stand, in dessen Auslage einige gedruckte Fotos lagen. Unter anderem auf Format geschnittene Gebetbuchzettel. Ich begriff, dass dieser Automat die Geldscheine ausdrucken würde. Obwohl ich Blatt für Blatt einzeln in die Hand nahm und umwendete, war mein 100- Euro-Schein nicht dabei. Vermutlich hatte den jemand an sich genommen. Ich wollte bei den Sparkassenoberen reklamieren und öffnete eine überdimensionale Flügeltür, die in die Wandtäfelung eingelassen war. Eine Frau wischte das Parkett und sagte: „Die sind schon alle nach Hause.“ Ich sah auf die Uhr. Es war tatsächlich schon 19:30 Uhr. Es waren Stunden verflogen, derweil ich versucht hatte, Geld zu ziehen.

Draußen hielt ein Mercedes. Eine Frau stieg an der Beifahrerseite aus und legte sich vor das Auto auf die Straße. Aus dem Mercedes wurde gerufen. Da stand sie auf und stieg wieder ins Auto, das darauf fortfuhr.

aus dem Münchener Merkur. Lieber würde ich die Lottozahlen träumen.

Teestübchen Hausmitteilung – Erzählen im Grenzbereich zwischen Schriftlich und Mündlich

Meine lieben Damen und Herren,
mit Folge sieben endet Jüngling der Schwarzen Kunst hier im Teestübchen Blog. Ich habe fehlende Passagen schreiben können. Was jetzt noch käme, wäre zu sehr aus dem Kontext gerissen. In den folgenden Wochen hoffe ich, den Roman fertigzustellen, die folgerichtige Chronologie herzustellen und alles zu unterfüttern mit fachlichen Aspekten.
Schreiben im Blog verdirbt zwar nicht den Charakter, verändert aber die Haltung zum Schreiben. Während ich in den 1990-er Jahren überwiegend für die Schublade und mein Tagebuch geschrieben und nicht darauf geschielt habe, dass jemals andere das lesen würden, hat mich das Bloggen daran gewöhnt, mich mit Leserinnen und Lesern über Texte auszutauschen. Das freilich ist keine neue Erscheinung. Erzählen ist, wie das Wort vermuten lässt, eine mündliche Kunst. In den Anfängen der geschriebenen Erzählungen, also in den Anfängen der Literatur haben die Schriftsteller sich immer noch den Anschein einer mündlichen Erzählsituation gegeben. Wir kennen das aus den Rahmenhandlungen von Tausendundeine Nacht und den Canterbury Tales des Geoffrey Chaucer. Noch Rabelais behauptete, er habe seinen Romanzyklus um die beiden Riesen „Gargantua“ und „Pantagruel“ während eines Trinkgelages diktiert. Ein modernes Beispiel finden wir bei dem 1938 erschienenen Kinder- und Jugendbuch „Die grüne Wolke“ (orig. The Last Man Alive) des schottischen Schriftstellers und Pädagogen Alexander Sutherland Neill. Der Autor erzählt die einzelnen Kapitel den Kindern von Summerhill und verzeichnet hinter jedem Kapitel deren Bemerkungen und Anregungen. Anregungen und Kritik bestimmen den weiteren Verlauf der Handlung.

Wir Bloggerinnen und Blogger befinden uns in einer imaginären Erzählsituation, wie es sie vor dem Internet nicht geben konnte. Wenn’s gut kommt, regen Kommentare neue Erzählideen an oder lassen einen reflektieren, sogar ändern, was man geschrieben hat. Als ich am 9. Oktober 2009 ein literarisches Projekt im Stammhaus TeppichhausTrithemius, den Internetroman „Die Papiere des PentAgrion“ begann, wollte ich erproben, wie sich die fiktive Erzählsituation im Blog auf den Text auswirkt. Nach kurzer Zeit fanden sich Mitautoren, die eigene Handlungsstränge entwickelten, wie die langjährigen Freunde des Teppichhauses Careca und Videbitis, und zwei Chronisten, Einhard und Marana. Einhard hat ein tiefschürfendes Register zu den Papieren erstellt, das er ständig erweiterte, Marana hat innere Bezüge der PentAgrion-Texte zu anderen Texten im Teppichhaus Trithemius aufgesucht, dargestellt und eine Kartei dazu angelegt. Leider ist vieles mit der Plattform Blog.de versunken. Das Projekt hat aber gezeigt, was das Schreiben im Internet Neues hervorbringen kann, indem es die Rolle der stummen Rezipienten aufbricht.

Jüngling der Schwarzen Kunst ist ein Entwicklungsroman, in dessen Verlauf der Protagonist heranreift und erkennbare Fortschritte macht, während die klassische Buchdruckerkunst ihrem Niedergang entgegen strebt. Diese Endphase wird nicht mehr Gegenstand des Romans sein, sondern bliebe einem Folgeband vorbehalten. Doch einstweilen muss ich diesen ersten Band zum Abschluss bringen. Das hoffe ich zu schaffen, ohne das Teestübchen-Blog zu vernachlässigen. Ich danke allen Leserinnen und Lesern, die hier ein Like oder einen Kommentar hinterlassen haben, herzlich für die Aufmerksamkeit, die ja trotz der Textfülle beachtlich war. Vielleicht hätte ich die obigen Überlegungen eher mitteilen müssen und die Interaktion wäre lebhafter ausgefallen. Aber es war gut so.
Beste Grüße

Beinah ein Mord – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (7)

Im Vorraum ihrer Kirche hing am Schwarzen Brett ein Index für Zeitschriften. Er hatte sechs Rubriken von „anzuraten“ über „bedenklich“ bis „abzulehnen.“ „Anzuraten“ waren die Kirchenzeitung und das katholische Liboriusblatt. Alle Illustrierten standen in der Rubrik „Abzulehnen.“ Dabei war das darin abgedruckte Bildmaterial harmlos, soweit Hanno sie von den Friseurbesuchen kannte. Hannos Tante Käthe hatte die „Hör zu“ abonniert. Hanno blätterte gern darin, auch, um herauszufinden, warum sie auf dem Index in der 5. Rubrik „bedenklich“ stand. Den Grund konnte er nicht ausmachen. Er fand allerdings eine Anzeige der „famous artists school“, die als Zeichentest getarnt war. Man sollte eine Liniengrafik zeichnerisch erweitern und einschicken. Hanno hatte derlei schon gemacht, und zwar, als er beim renommierten Kölner Bachem Verlag die Aufnahmeprüfung für eine Schriftsetzerlehre gemacht und natürlich nicht bestanden hatte. Zu gering waren seine Kenntnisse nach achtjähriger Schulzeit in einer dreiklassigen Volksschule auf dem Land. Jedenfalls hatte er auf einem Prüfungsblatt ebenfalls etwas zeichnerisch erweitern sollen. Es waren auf dem Blatt Haken vorgegeben, und Hanno hatte ungelenke Autoscooter daraus gemacht. Der Zeichentest in der „Hör zu“ bot mehr Freiheit. Hanno zeichnete ein Männlein so gut es ging auf dem glatten Papier der Illustrierten, schnitt das aus und klebte die Zeichnung auf eine Postkarte. Von Neuß aus sandte er die an eine Adresse in Amsterdam.
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Versautes – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (6)

Der Alte hatte den Junior in die Setzerei gestellt, denn er wünschte sich einen Nachfolger, der alles von der Pike auf gelernt hatte. Eigentlich war der Junior Konditor gewesen. Doch sein viel älterer Bruder, auf dem die ganze Hoffnung des Verlags gelegen hatte, war nicht aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt. Der Junior hatte deshalb in die großen Fußstapfen seines Bruders treten und umschulen müssen. Er bereitete sich gerade auf die Meisterprüfung vor. Sein Status war unklar. Die Firmenleitung hatte uneingeschränkt der Alte, und der Posten des Setzereileiters galt als vakant. Was blieb ihm da noch? Er hatte einen Arbeitstisch in der ersten Gasse, direkt bei der Abzugspresse für die Korrekturfahnen. Dort skizzierte er Entwürfe, bereitete die Aufträge vor oder büffelte für den Meisterkurs. Manchmal setzte er auch, und deshalb trug er wie die anderen einen grauen Kittel. Er war ein verbissener Schweiger, ein schreckliches Vorbild für alle anderen, denn während der Arbeit waren Privatgespräche streng untersagt. Vielleicht dekorierte er im Geiste dreistöckige Hochzeitstorten oder formte Maumännchen aus Marzipan. Solange der Junior im Setzereisaal war, lastete ein unheimliches Stillschweigen auf den Setzern, das nur durch arbeitsbedingte Äußerungen unterbrochen wurde. Alle warteten und hofften, dass er die Setzerei verlassen würde. Das geschah fast täglich einmal, wenn er fuhr, um Kunden zu besuchen. Sein Aufbruch kündigte sich jeweils lange vorher schon an, als ein quälend gleichförmig ablaufendes Ritual, dessen Ende die Setzer kaum noch abwarten konnten.
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Zu Hause – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (5)

Auf der Neußer Oberstraße, Höhe Markt, stieg Hanno aus der Bahn und ging zum Busbahnhof. Vielleicht hatte er sich verguckt und es fuhr doch noch ein späterer Bus. Die Busbahnsteige waren leer. Am Rand standen einige Busse ohne Licht, vermutlich von in Neuß wohnenden Fahrern abgestellt. Auch das Licht in der Wartehalle war erloschen. Man hatte den Betrieb für die Nacht schon eingestellt. Trotzdem ging Hanno zum Bahnsteig, auf dem sein Bus abzufahren pflegte und schaute auf den Fahrplan. Der letzte Bus war tatsächlich um 20:30 Uhr gefahren. Es war jetzt gleich neun Uhr. Eine Weile stand Hanno ratlos herum. Seine Mutter würde sich Sorgen machen. Er musste etwas unternehmen. Am Verlagshaus beim strengen Senior traute er sich nicht zu klingeln. Der Junior wohnte ein paar Häuser weiter am Münsterplatz. Es war natürlich peinlich, ihn um Hilfe zu bitten, aber Hanno sah keine andere Möglichkeit. Also fasste er sich ein Herz und klingelte bei Eupen jr. Weiterlesen

Und oben Düsseldorf – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (4)

Die Gesellen, allesamt gebürtige Neußer sahen zur Stadt auf der anderen Rheinseite auf. Alles wäre in Düsseldorf schöner, größer und besser als in Neuß. „Pah, was wird da wohl sein?“, sagte Hanno, dem das auf den Geist ging. Düsseldorf war für ihn ein Raum jenseits seiner Dimensionen, den er nicht zu betreten dachte. Sein Kontakt beschränkte sich auf den „Mittag“, eine Boulevardzeitung, die dort erschien und die Hanno täglich las.

Nachdem an der Berufsschule der Deutschunterricht schon länger als zwei Monate ausgefallen war, rief der Junior eines Tages quer durch die Setzerei: „Hanno, komm mal her!“
Hanno legte den Winkelhaken auf den Rand eines Setzkastens und ging hinüber zum Platz des Juniors. Der Junior fuhr sich mit der Hand durch den Bürstenhaarschnitt, legte die Stirn in Falten und machte sich daran, mehrere Sätze am Stück zu sprechen. Das verhieß nichts Gutes: „Wir haben dich in Düsseldorf zum Deutschkurs angemeldet. Er findet über zehn Wochen jeweils dienstags statt, von 18 bis 20 Uhr im Gebäude der Handelsschule in Düsseldorf-Oberbilk. Du kannst mit der Straßenbahn hinfahren.“
Hanno wagte keinen Einwand. Doch ihn durchfuhr der Schreck. Das würde bedeuten, dass er an diesen Tagen nicht 12 Stunden wie üblich unterwegs war, sondern 15 Stunden, vorausgesetzt, er erwischte den letzten Bus um 20:30 Uhr. Natürlich war es gut, dass er seine Deutschkenntnisse erweitern konnte, aber dass er dazu nach der Arbeit ganz alleine nach Düsseldorf fahren musste, war bedrohlich. Jetzt in den Herbstmonaten verließ er morgens im Dunkeln das Haus und kehrte im Dunkeln nach Hause. Und sich in der fremden Stadt im Dunkeln zu orientieren, würde nicht leicht sein. Gleich am ersten Abend erlebte er eine Panne.
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Die Überwindung der Nase – aus: Jüngling der Schwarzen Kunst (3)

Erste Stunde Deutsch in der Berufsschule auf der Neußer Furth, doch statt ihres Deutschlehrers betrat Direktor Fischell den Klassenraum, sah sich grimmig um und sagte: „Der Deutschunterricht fällt aus. Herr Tonder hat einen Herzinfarkt erlitten. Das habt ihr ja fein hingekriegt. Glaubt ihr, ich wüsste nicht, welchen Zauber ihr in seinem Unterricht abgezogen habt. Herr Tonder fällt mindestens für drei Monate aus. Wenn er überhaupt nochmal wieder kommt. Das habt ihr jetzt davon. Wir machen Fachrechnen.“ Fachrechnen war übel, ging völlig über Hannos Horizont. Aber was Herrn Tonder betraf, fühlte Hanno sich schuldig. Der arme Herr Tonder war doch ein Mann ohne Arg, hatte die Disziplinlosigkeit von Lutz und anderen ohne böses Wort ertragen. Sein morgendliches „Setzt euch, Jungs!“ hatte immer ganz hoffnungsfroh geklungen, als würde Tonder nicht an ihrer Gutwilligkeit zweifeln. Aber spätestens, wenn Lutz seine Worte nachäffte, wobei er Tonders Näseln übertrieb, kehrte die Furcht zurück in Tonders Blick, dass ihm die Jungs wieder entgleiten würden. Überhaupt Lutz, der scheinheilige Hund. Bei Direktor Fischell tat er immer ganz brav. Stand mit gesenkten Kopf und den Händen auf dem Rücken, wenn Fischell ihn zusammenschiss, weil er beim Rauchen erwischt worden war. Dann spielte Lutz so überzeugend das reuige Schäfchen und hörte sich die Standpauke demütig an, wünscht an deren Ende dem Fischell einen „schönen Feierabend!“, wo doch erst früher Vormittag war. Weil Fischell darauf reinfiel, verlor Hanno jede Achtung vor dem Mann.

Insgeheim beneidete Hanno den Lutz, nicht nur um seine Durchtriebenheit. Lutz hatte den Zug verpasst und kam trotzdem rechtzeitig. Es klingelte zum Unterrichtsbeginn, da rollte ein gelber VW-Käfer von der Bundespost auf den Schulhof, und auf der Seite, wo wegen der Postsäcke nicht mal ein Sitz war, thronte Lutz und grüßte mit großer Geste in die Runde, stieg aus wie ein Fürst, als wäre die ganze Deutsche Bundespost ihm untertan. Schon war Lutz wieder der Held. Dabei sieht er aus wie ein Schwein, dachte Hanno. Mit diesem Schweinerüssel würde ich mich in Grund und Boden schämen, aber der großspurige Lutz ist von einem unerschütterlichen Selbstwertgefühl, gehört zu den Typen, die trotz ihrer Hässlichkeit bei den schönsten Frauen landen können.

Hanno glaubte, er müsste gut aussehen, schämte sich ein wenig wegen seiner Nase, die nach seinem Gefühl zu kurz geraten ist. Diesen Komplex hatte ihm, als er klein war, sein älterer Bruder eingeredet, der ihn immer damit aufgezogen hatte. Als er anfangs nach Neuss fuhr, hatte sich Hanno derart wegen seiner Nase geschämt, dass er während der ganzen Busfahrt die Hand vor sein Gesicht halten musste. Die Macke verlor sich glücklicherweise mit der Zeit. Dabei hatte der Geselle Monitz ihm unwissentlich geholfen. Dieter Monitz hatte gepflegte Umgangsformen und stach schon deshalb aus der Riege der Gesellen heraus. Monitz kleidete sich gewählt, kaufte seine Hosen bei Selbach exclusive Herrenmoden auf der Düsseldorfer Königsallee und war immer umweht von einer Duftwolke teuren Rasierwassers. Bei Regenwetter kam Monitz mit Stockschirm. Monitz trat selbstbewusst auf, wirkte sogar ein wenig arrogant. Aber er war ein liebenswerter Charakter, wäre nie auf die Idee gekommen, den Lehrling zu triezen. Hanno sah zu ihm auf. Da Monitz die Abendschule besuchte, um sein Abitur nachzuholen, verkörperte er alles, was Hanno einmal sein wollte. Doch Monitz war hässlich, hatte eine zu große Nase, und wenn er sprach, entblößte er zwei hässliche Biberzähne, die überdies ein wenig schräg standen. Es war Hanno ein Rätsel, wie einer mit diesem Aussehen so selbstbewusst sein konnte. Einmal fragte er:
„Wenn Sie jetzt einen Klumpfuß hätten, Herr Monitz, einen Klumpfuß und einen Buckel, wären sie dann trotzdem so selbstbewusst?“
Monitz wusste nicht, worauf Hanno hinaus wollte: „Du meinst, wenn ich aussehen würde wie der Glöckner von Notre Dame?“
„Zum Beispiel.“
„Ich glaube, an meinem Selbstwertgefühl würde sich nichts ändern.“
Das wars. Wenn Monitz sich annehmen konnte, trotz Nase und Hasenzähnen, sollte Hanno sich doch auch mit seiner Nase anfreunden können. Er muss sich nur in allem an Monitz ein Beispiel nehmen und viel von ihm abschauen.

Fortsetzung