Herr Schläucher sein Bein

    „Nehmen Sie sich Zeit für den größten Mist, heben Sie die schweren Winterjacken wildfremder Leute hoch.“ (Eugen Egner/Titanic)

Die Zeit für den grösten Mist musste ich mir gestern Nacht in der drangvollen Diele von Herrn Putzig nehmen, der in seinen Geburtstag hineinfeierte. In seiner Diele stauten sich die erst nach 24 Uhr eintreffenden Gäste. Mir half allerdings ein freundlicher junger Mann. Indem er sich den wachsenden Jackenwust auflud und unter der Last immer kleiner wurde, bekundete er, dass er sich glücklich schätze, mich wenigsten bei dieser Gelegenheit kennenzulernen, der ich ja wohl nach Hause wolle. Es war nicht die geringste Ironie in seinen Worten,- aber er kennt mich ja nicht wirklich, hehe.

Eingeladen war ab 21 Uhr, und wer war fast pünktlich? Natürlich der liebe Jung. Ich traf um 21:07 Uhr ein. Nur Konrad Fischer war vor mir da, angereist aus seiner neuen Heimat irgendwo in einer kaum erforschten Galaxis. Indem ich meinen Mantel quasi als zweiter an einen Garderobenhaken hängte, hatten nachfolgend eintreffende Gäste ihre Jacken einfach darüber gehängt, wie es Fußballspieler nach einem Torschuss erleben, auf die sich im Torjubel die anderen zehn der Reihe nach draufwerfen, nur dass mein Mantel natürlich keine Tore schießt. Selbst ihr Eigentümer tut das sicherheitshalber nicht, denn würden sich zehn Leute mitsamt ihrer schweren Winterjacken auf mich draufwerfen, müsste man mich am Ende mit Milzprellung und gebrochenen Rippen vom Laminat kratzen.

Vor dem großen Ansturm plauderten wir entspannt über das sanglose und trotzdem bedauerliche Hinscheiden von HaCK und über jene Science-Fiction-Filme, denen wir die Erschaffung bislang nicht gesehener Bildwelten attestierten. Kürzlich hatte ich gelesen, dass der erste Star-Wars-Film vor 42 Jahren erschienen war. Mir ist als ob es gestern wäre. Im Jahr 1977 schleppte uns Kunststudenten in den Film ein Dozent, der sich der phantastischen Kunst verschrieben hatte. Ich erinnere mich noch, wie er sich über die Figur C-3PO erheiterte, den „Protokollandroiden.“ In unserer aller Leben wäre niemand auf die Idee gekommen, zukünftige Roboter in Menschengestalt könnten auftreten als diplomatischer Protokollandroid. Konrad Fischer wies darauf hin, dass er quasi gemeinsam mit dem Protokollandroiden zur Welt gekommen wäre, natürlich nicht auf der Leinwand, sondern an einem nicht näher bekannten Ort. Das wäre es, was ich an HaCK so geschätzt hätte, sagte ich, dass außer mir alle Mitglieder und assoziierte Freunde in einem Alter seien, in dem sie noch nicht über Zipperlein oder Gebrechen reden.

Ich erinnerte mich an eine Begegnung mit einem Mann aus Dortmund, der im Verlaufe einer Radtour seine Zunge an mein Ohr kettete wie Ogmios, der keltische Gott der Beredsamkeit, und der mir nicht nur haarklein seine Erlebnisse in diversen Notaufnahmen, OP-Sälen, Aufwachräumen und Krankenhausbetten schilderte, sondern anschließend die gewaltige Krankenakte seiner Frau aufschlagen wollte, so dass ich ihn leider in den Straßengraben schubsen musste. Ein inzwischen bei Herrn Putzig eingetroffener junger Mann, dessen Namen ich nicht hörte, wusste zu berichten, seine Großmutter hätte immerzu von einem Herrn Schläucher aus der Nachbarschaft erzählt, beziehungsweise von Herrn Schläucher und seinem offenen Bein.

Reden wir lieber noch etwas über SF. Indem Star-Wars als Zukunftsmärchen daherkommt, altert es nicht und zeigt auch keine Zukunft, die so nicht eingetroffen ist, wie das in der Science fiction oft passiert, was man Retrofuturismus nennt. Die Vorwegnahme künftiger Entwicklungen ist ein mühsames Geschäft, denn die störrische Welt entwickelt sich meistens anders. Ich hätte ja auch vor 42 Jahren niemals gedacht, dass ich einmal eine Frau in der Kassenschlange bei Rewe erleben würde, die unentwegt brabbelt, weil sie nämlich eine fast unsichtbare Telefonzelle im Ohr hat und irgendwo verborgen die Freisprecheinheit.

„Mich macht so eine aggro“, sagte ich, weil sie nicht auf ihre Umgebung achtet und den Betrieb aufhält. Der Mensch kann eben nicht an zwei Orten zugleich aufmerksam sein. Aber man könne mit seiner Oma telefonieren und gleichzeitig den Einkauf erledigen, indem man nur halb zuhört, meinte Herr Putzig. Da hat er Recht. Die Summe der Aufmerksamkeit bleibt gleich, und die Kunst besteht darin, die Aufmerksamkeit der Situation angemessen zu verteilen. Aber was ist, wenn eine Fleisch kauft, und die Oma erzählt, wie es grad nur so von Maden wimmelt in Herr Schläucher seinem offenen Bein?

16 Kommentare zu “Herr Schläucher sein Bein

  1. Was ist mit dem Herrn Schläucher sein Bein? Das ist madig. Wackerwehe, wenn das erst mal die Runde macht. Und am Ende waren es doch nur wieder diese verflixten Morgellionen. Sie sitzen auch in Telefonen, las ich. Mikroskopisch kleine Morgellionen. Sie manipulieren Beine, Telefone und sowieso alles. Sie winden sich sogar in Konversationen – wie Minispione. Steck Dir lieber Alufolie in die Ohren. Und alles wegen dem Herrn Schläucher sein madigem Bein. Da muss Genitief hin.
    Dich und Deine Geschichten. Mag ich.
    Liebe Grüße,
    Amélie, heute auch ohne vermuckte Tippfehler im schlimmen Deutsch…

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    • Gib zu, die Morgellionen hast du erfunden, liebe Amélie. Ich hoffe des ungenannten jungen Mannes Oma liest mein Blog nicht, aber der Name Herr Schläucher stimmt. Ich habe extra noch mal nachgefragt, versäumt allerdings, mir ihn buchstabieren zu lassen. Dabei lernt doch jeder Anfänger, dass Namen unbedingt richtig geschrieben werden müssen, denn niemand mag sich in die Medien gezerrt sehen und der Name steht da falsch. Die Sache mit den Maden habe ich natürlich auch nicht verifiziert. Das Ganze ist eine verwerfliche böse Nachrede, fast eine Relotionade, die nur gemildert wird durch Knubbeln in der Grammatik, die du mit Recht kritsch anmerkst.
      Dich und deine Kommentare mag wiederum ich.
      Lieben Gruß
      Jules

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  2. Ich schaffte es einmal in einer fremden Jeansjacke nach Hause zu gehen. Am nächsten Tag holte sie der Bruder der Besitzerin ab. Wir waren dann viele Jahre ein Paar.
    Leider war das der einzige Jackenstapel an dem ich mich gern erinner
    Lieber Jules, auch mir sind Freisprechanlagen ein Graus. Dieses ewige Gerede nervt einfach. Fast so sehr wie Krankheitsgeschichten von Fremden.

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    • Das ist doch mal eine glückliche Fügung, liebe Mitzi, erst recht, wenn du dich gerne daran erinnerst. Ich dachte, mich nerven die ungeniert öffentlich Telefonierenden, weil ich aus einer Zeit stamme, in der wir mit zwei leeren Dosen mit einer gewächserten Schnur dazwischen telefonierten. Um so mehr freut mich unsere Übereinstimmung. Was dich nervt, darf ich unbesehen auch blöd finden.

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  3. „… so dass ich ihn leider in den Straßengraben schubsen musste.“ Zu Deiner Ehrenrettung kann ich bezeugen: Ein solcher Grobian bist Du nicht. Ich kenne die wahre Geschichte (vorausgesetzt, Du hast damals nicht geflunkert): Er hätte es verdient, aber Du hast es nicht getan.;-)
    Morgen muß ich mal wieder mit der Bahn fahren, ich werde meine kürzlich erworbenen Kopfhörer mitnehmen, nicht, um Musik zu hören, sondern um mich gegen ungebetene Telefongespräche abzuschirmen: Der Kopfhörer kann die Außengeräusche durch eine bestimmte Technik zusätzlich zu seiner natürlichen Dämmung minimieren. Ich hoffe nur, ich verpasse die Durchsage zum Umsteigen nicht.

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  4. Ich verstehe die Gegenwart nicht, neige auch dazu, vor offenen Beinen die Augen zu verschließen. Vielleicht sollte ich mich also auch mehr mit der Zukunft beschäftigen, obwohl jeder Blick in fernere Zeiten unvermeidlich auch mit Maden enden dürfte.

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    • Das ist mal wieder passgenau kommentiert. Den Maden zu entgehen, wäre individuell durch Feuer möglich, aber vermutlich nicht der gesamten Menschheit, die seit alten Zeiten in einem unerfreulichen Kreislauf von Mensch- und Madenwerdung steckt.

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  5. Ich werde wohl nie wieder an einem Jackenstapel vorbei gehen, ohne an gestapelte Fußballer beim Torjubel denken zu müssen. Sehr lustig. An den ersten Star wars Film kann ich mich ebenfalls sehr genau erinnern. Es war sogar mein cineastisches Erweckungserlebnis. Das lag sicherlich an meinem zarten Alter von etwa 8 Jahren und der körperverletzenden Lautstärke, die der semiprofessionelle Filmvorführer im Rathaussaal wohl nicht in den Griff bekam. In meiner Heimatstadt gab es zu meinen Lebzeiten kein Kino und die Stadtverwaltung nahm sich der kulturell verwahrlosten Jugend an. Um 22 Uhr kam ich seelig mit meinem großen Bruder nach Hause und war über das vermeidliche Ende von Darth Vader froh. Der wirklich allergrößte Filmbösewicht den ich bis dato erlebt hatte. Großartig! Diese Erinnerung kann mir niemand madig machen. Schöne Feiertage.

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    • Umgekehrt ein Fußballspiel mit Winterjacken wäre auch ganz lustig. Danke für dein Lob, deinen Kurzbericht von deiner Erstbegegnung mit Star Wars und den schönen Festtagswunsch. Kein Kino in einer Stadt? In meiner Kindheit gab es sogar eines auf dem Dorf. Irgenwann in den 1960-er Jahre wurde es geschlossen. Als ich in den 1970-er Jahren nach Aachen kam, setzte da auch bald das Kinosterben ein, das sich dann 20 Jahre hinzog. Heute gibt es noch drei kommerzielle und ein studentisches, wie ich gerade recherchiert habe.
      Frohes Fest!

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