Ein erlösendes Lächeln

Wie wanderten zu dritt, meine Freundin Helen, ich und ein Mann, der sich uns angeschlossen hatte, der wohl Theo hieß. Wie es ist in Dreierkonstellation, da verbünden sich naturgemäß immer zwei gegen den dritten, wobei sich wechselnde Paarbeziehungen ergeben können. Im Laufe der Tage wandte sich Helen zunehmend von mir ab und Theo zu. Daher trotteten sie fortwährend einige Schritte hinter mir her. Ging ich langsamer, um sie aufholen zu lassen, gingen sie auch langsamer. Das Land war uns fremd, und Helen war als einzige der Landessprache mächtig.

Ich weiß nicht, wer unsere Wanderroute in den letzten Tagen bestimmt hatte, ob sie es war, weil sie unter Theos Einfluss in eine finstere Laune verfallen war und ihr nachgab, aber wir gerieten immer tiefer in einen düsteren Landstrich, den ich freiwillig nie betreten hätte. Nachts kampierten wir auf freiem Feld, denn außer krüppligem Gehölz voller Dornenranken gab es nichts, was hätte Schutz bieten können. Morgens bauten wir schweigend unser Lager ab und brachen ebenso schweigend auf. Wenn wir pausierten, hockte ich mich auf die Hacken und schrieb in mein Notizbuch, während sie leise redend abseits saßen.

    Bis zu dieser Stelle im Text habe ich frei formuliert. Für die weiteren Schritte muss ich endlich mein Buch hervorholen und die Notizen ablesen, um das Folgende korrekt wiedergeben zu können, denn inzwischen weiß ich um die Unzuverlässigkeit menschlicher Erinnerungen. Auch geraten ja spontane Notizen stets besser als solche, die in ruhiger Überlegung hin und hergewendet werden. Man feilt und ziseliert daran herum, bis am Ende nur noch billige Schönheit da ist und der Inhalt sich verflüchtigt hat. Mir fällt das Gleichnis vom vortrefflichen Bogen ein. Der Besitzer des Bogens ist derart in dessen Trefflichkeit verliebt, dass er ihn gemäß verzieren möchte. Er schnitzt am Bogen herum und verschönert ihn mehr und mehr durch sein Schnitzwerk, doch als er ihn spannt, bricht der Bogen entzwei.

    Ah, – wo waren wir?

Am dritten Tag erreichten wir einen düsteren Gebäudekomplex. Man kennt das von Häusern in tiefen Alpentälern, wohin ein halbes Jahr die Sonne nicht scheint. Aber das Haus lag in der Ebene und litt trotzdem an Sonnenarmut. Ich trat durch ein offenes Tor auf den Hof und klopfte an die Tür des Haupthauses. Ein Mann wie ein Schemen passend zum schattigen Haus öffnete und ließ mich ein. Wie sagt schon Platons Sokrates: „Sprich, damit ich dich sehe.“ Was der Mann brabbelte, war für mich keine Sprache und so blieb er für mich diffus. Helen war mit Theo vor dem Tor zurückgeblieben, so dass mir nichts blieb, als seine Gesten zu lesen. Er bedeutete mir, warum in Gottes Namen wir in diese Gegend gekommen wären. Hierhin würden sich nie Touristen verirren. Das ganze Land werde von Touristen gemieden, wenn sie bei Verstand sind.

War Helen noch bei Verstand? Oder waren ihre finstere Gesinnung und ihre Hinwendung zum dubiosen Theo Ausdruck einer heftigen geistigen Erkrankung, wobei nicht zu sagen wäre, was eher da war, die Hinwendung oder die Gesinnung. Man schelte mich nicht eitel, dass ich einer Frau, die sich von mir abwendet, die geistige Gesundheit abspreche. Eher würde ich das Gegenteil behaupten, dass die Abwendung von mir geradezu ein Ausdruck geistiger Gesundheit ist. Wenn da nicht Theo wäre. Was für ein Name überhaupt? Jedenfalls erfasste mich ein Groll auf Helen, dass sie nicht dolmetschte, als wir aufbrachen und ich mich für die Gastfreundschaft bedanken wollte. Sie setzte dazu an – und verstummte, als wären mit einem Schlag alle Erinnerungen an die Sprache ihr gelöscht worden. Wir gingen, ohne zu wissen, wohin wir uns wenden sollten, um wieder zivilisiertes Land zu erreichen. Der Mann schien entschlossen, uns zu begleiten. Wir gelangten an einen Ort, wie ich nie zuvor einen gesehen hatte. Vor uns erhob sich eine Stadtmauer aus groben schwarzen Quadern. Rechts der Straße und dem Tor kam unter einem düsteren Brückengewölbe ein Flussbett hervor. Da war am Wegrand ein Quader abgestellt mit einem T-Zeichen darauf. Ich fragte mich, was es wohl bedeutete. Der Mann hob den Quader ins Flussbett und sagte etwas, das wie Deutsch klang: “Gegen Sperrmüll.“ Tatsächlich schien das Zeichen beachtet worden zu sein. Sperrmüll war nicht zu sehen. Dagegen lagen im Flussbett entblößt die trostlosesten Gesteinsbrocken, die ich je gesehen hatte. Der Fluss war fast versiegt. Ich sah, wie sich unser Begleiter flach auf den Bauch legte, wie um aus dem Rinnsal zu trinken, das vom Fluss übrig war.

Mich schauderte bei der Vorstellung, bäuchlings auf dem feuchten Boden zu liegen, Theo und Helen waren weitergegangen und ich folgte. Wir passierten eine Mauerpforte und stiegen über feuchte Steinstufen nach oben in einen Hof. Alles war aus diesen groben Quadern erbaut, deren Schwärze unter einer grünen Schicht von Flechten verdeckt war. Die Quader schienen jeden Lichtstrahl zu verschlucken, der sich in diese steinerne Trostlosigkeit wagte. Die gesamte Stadt war feuchte, moosbewachsene Düsternis. Ein Geschäft mit tröstlich beleuchtetem Reklameschild sahen wir nicht. Vergeblich hielten wir nach öffentlichen Gebäuden Ausschau. Ebenso fehlten die Menschen. Auch sorgte ich mich um den Mann, den wir bäuchlings im Flussbett zurückgelassen hatten. Ach, wie sehnte ich eine Bahnstation herbei, wo ein Zug vorfahren würde, um uns in zivilisierte Landstriche zu bringen. Da trat Helen nah an mich heran. Sie lächelte, und ich erwachte.